Der General lebt
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Auszug aus Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Wer die lange, breite baumgesäumte Allee von Ezeiza-Flughafen ins Stadtzentrum entlang fährt, der sieht an den grauen Mauern der Fabriken und Häuser recht seltsame Parolen gepinselt. In den allermeisten Metropolen dieses Kontinents findet man mehr oder weniger geistreiche Losungen wie Nieder mit den Bonzen oder Hoch lebe die Partei der Arbeiterklasse oder zumindest Wählt MüllerMeierSchulze.

Nicht so in dieser Stadt. Wer sich in den tristen Vororten von Buenos Aires bewegt, der kriegt höchst merkwürdige Sätze zu lesen. Mi General, tu pueblo cumple steht auf den langen Wänden der verfallenden Industrieanlagen, Mein Gereral, dein Volk hält, was es Dir versprochen hat. Oder man kann auf verwitterten Wohnblöcken lesen Siempre contigo, was auf Deutsch denn – fast religiös – meint: Immer mit Dir.

Von diesem General, der dort so hymnisch verehrt wird, erhält man, sollte man Menschen auf der Strasse befragen, höchst widersprüchliche Einschätzungen. Für die einen war er ein Politiker, der viel für das Volk getan hat, einer der für die Blüte dieses Landes gesorgt hat, jemand, dem auch die Armen, die Descamisados – die Hemdlosen – nicht einerlei waren. Für andere bleibt jener Juan Domingo Perón ein ausgekochter Schuft, ein gewissenloser Lump, ein aufgeblasener Operetten-Duce bestenfalls, in jedem Fall ein größenwahnsinniger Parvenue, der dieses herrliche Land in Grund und Boden gewirtschaftet hat.

Alleine schon der Name von Peróns Partei mutet höchst kurios an. Partido Justicialista nennt sie sich, was flott übersetzt Gerechtigkeitspartei heißen kann, manche sagen – nach europäischem Maßstab wohl Richtung aufrechte Sozialdemokraten. Andere meinen, die PJ sei eine typische Klientel-Partei, geführt von sonderbaren Pampa-Caudillos wie Perón oder Carlos Saúl Menem. Wie dem auch sei, sollte es einmal eine Trophäe für den blumigsten Parteinamen Lateinamerikas geben, die Partido Justicialista würde einen hübschen Silberpokal gewinnen – knapp geschlagen von der mexikanischen PRI, der Partei der Institutionalisierten Revolution.

Es gibt wohl keinen Politiker seiner Generation in Amerika, der von seinem Volk noch so verehrt wird wie dieser General Juan Domingo Perón. Nicht Lázaro Cárdenas in Mexiko, nicht Trujillo in der Dominikanischen Republik und auch nicht Franklin Delano Roosevelt in den USA.

Als Perón 1946 zum Präsidenten Argentiniens gewählt wird, regiert er eines der reichsten Länder des Erdballs. Während Europa im Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs versinkt, verhelfen Argentinien eine fruchtbare Landwirtschaft und eine fleißige Arbeiterschaft zu nie gekanntem Wohlstand. Denn dieses sonnige Land besitzt alles in Hülle und Fülle: Getreidefelder, soweit das Auge blicken kann, Fischfanggründe im Südatlantik, Zitrusfrüchte im Norden, Erdöl und Mineralien, und vor allem jenes unerschöpfliche Fleischreservoir, für das die ausgedehnten Rinderfarmen im Süden des Landes sorgen.

Doch bei seiner Wiederwahl 1952 hat General Perón durch Enteignung und Verstaatlichung das Land bereits an den wirtschaftlichen Abgrund gedrückt. Statt eines florierenden wirtschaftlichen Wettbewerbs wächst nun die nach Pfründen trachtende Bürokratie, eine Hydra der Korruption, aus deren Fängen sich Argentinien nicht mehr hat befreien können – bis heute. Ein Militärputsch treibt den gescheiterten General 1955 ins Exil. Doch die Erinnerung an die guten Tage der Herrschaft Peróns bleibt bei vielen Argentiniern während der nun folgenden, fast 30 Jahre währenden, blutigen Militärdiktatur wach.

Als Perón 1973 aus seinem Madrider Exil im Triumphzug nach Buenos Aires einzieht, da wird er noch einmal als Heilsbringer gefeiert, obwohl der 78-Jährige da schon nicht mehr seine fünf Sinne beisammen hat. Aber sein Statthalter als Präsident, der sympathische Kinderarzt Hector Cámpora tritt zurück, damit für den greisen General der Weg frei ist. Perón wird mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Mochten auch die Tatsachen noch so gegen diesen Mann sprechen, das Volk liegt ihm abermals zu Füssen.