Acapulco und der Geist
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Acapulco 1982; Photo by W. Stock

Nicht nur den Jet Set und die Hollywood-Schönlinge zieht es nach Acapulco, nein, diese Stadt besitzt auch eine magische Anziehung auf Intellektuelle. Das mag auf den ersten Blick verwundern, will man einem solch mondänen Urlaubsort doch eine gewisse Oberflächlichkeit nachsagen.

Jedoch ist die Liste der Schriftsteller und Autoren, die in Acapulco weilten, beeindruckend. Da ist zum Beispiel Malcolm Lowry, der schreiben konnte, so wie ein Schmied den Hammer schwingt. Über Mexiko schrieb der britischer Autor 1947 den Roman Unter dem Vulkan, ein wortgewaltiges, ziemlich verzweifeltes Trinkerepos. Der Vulkan ist der Popocatépetl, und Lowry Sätze kommen daher wie Mexiko selbst, wild, ungestüm, am Abgrund, und doch von eigentümlicher Leidenschaftlichkeit.

Ein Roman, der übrigens von John Huston – 1984 mit Albert Finney – in Mexiko verfilmt wurde. Malcolm Lowry selbst kam im November 1936 auf einem Dampfer in Acapulco an, sah das hübsche Fischerdorf, und danach sah er nur noch Tequila, Pulque und Mezcal.

Jane und Paul Bowles mieteten in den 40er Jahren in Acapulco ein Haus, eine kleine Hacienda mit einem Limonenhain und Avocado-Bäumen im Garten. Jane Bowles und Paul Bowles, das New Yorker Autorenehepaar, schrieben poetische Reiseerzählungen, sehr filigran und keck in der Beobachtung. Später zogen die Beiden weiter, nach Nordafrika, immer ruhe- und rastlos, weshalb Paul Bowles seine Erinnerungen Without Stopping nannte.

B. Traven, der rätselhafte deutsche Schriftsteller, versteckte sich 20 Jahre in Acapulco. Außerhalb der Stadt, an der Anhöhe, auf dem Weg nach Pie de la Cuesta. Nun, dieser kauzige Autor schien so gar nicht zu Acapulco zu passen, aber vielleicht war auch dies von Hinterlist getrieben.

Der Dramatiker Tennessee Williams verbrachte den Sommer 1940 in Acapulco und in seinem Stück The Night of the Iguana erkennt man die tropische Stadt, auch wenn John Huston das Stück später nicht hier, sondern in Puerto Vallarta verfilmen sollte. Der US-Dramatiker schrieb 1961 mit diesem Die Nacht des Leguan ein exotisches Drama um Liebe und Verbote. Der Autor  von Die Katze auf dem heißen Blechdach und Endstation Sehnsucht liebte Acapulco. Und die unterschwellige Erotik seiner Stücke mag man ohne die Schwüle am Pazifik nicht erklären.

Bei einem anderen reichte es dann nicht ganz bis nach Acapulco. Der Kolumbianer Gabriel García Márquez, Jahrgang 1928 und im Exil in Mexiko, befand sich 1965 mit Familie auf der Fahrt nach Acapulco in den Urlaub, als ihm auf der Landstrasse eine Eingebung kam. Nun, an dem Roman schrieb er schon lange, seit er in den Zwanzigern war, aber auf dieser Fahrt nach Acapulco kam ihm endlich die Idee, welche Tonalität er treffen müsste. Wie in Trance wendete er seinen Opel und fuhr zurück nach Mexico City. Plötzlich auf dieser Fahrt, ich weiß nicht warum, hatte ich die Erleuchtung, wie ich dieses Buch zu schreiben hätte. Er schloss sich 18 Monate ein, mit viel Tabak und Wein, und schrieb und schrieb. Es wurde García Márquez größter Roman. Ein Stück Weltliteratur. Hundert Jahre Einsamkeit.

Doch, was macht diese Stadt für den Geist denn aus? Acapulco, die Hitze des Tages und die Schwüle der Nacht, besitzt einen deutlichen erotisierenden Reflex und eine spürbare Allgewalt der Körperlichkeit. Aca ist der Gegenentwurf zum Kopfbestimmten, zum Räsonieren, zum Intellekt. Es ist jene erfrischende Körperlichkeit, jene so selbstverständliche Natürlichkeit, die Acapulco ausstrahlt. Man muss nur den Mut aufbringen, sich in diese Körperlichkeit fallen lassen.

Der Schweiß perlt ab, die blanken Füsse spüren den feinkörnigen, weißen Sand des Strandes, die Melodie des Pazifik rauscht im Ohr. Und dann spüren auch die Kopfmenschen plötzlich jene elementare Lust, das Reflektieren und alle Querelles allemandes zu lassen, die Stirn nicht mehr in Sorgenfalten zu legen, sondern man lässt den Körper über den Geist siegen.

Wenn man länger in Acapulco lebt, dann kann man leicht ausgelassen, sinnlich und bisweilen vielleicht auch zügellos werden. Und so mag der Autor hier auch seine Themen finden, die Erotik, die Sinnenfreude und die reine Lebenslust. Ja, die Welt findet nicht mehr zwischen zwei Buchdeckeln statt, die Sinnlichkeit verpufft nicht mehr hinter Metaphern und Allegorien, nein, in Acapulco findet das Leben im richtigen Leben statt. Der Leichtsinn ist keine literarische Tugend, nein, der Leichtsinn und der Übermut finden im Hier und im Jetzt statt.