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Paquito D’Rivera will nur Saxophon spielen

Paquito D’Rivera will nur Saxophon spielen
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mit Paquito d’Rivera, im Juli 1983; Photo by Volker Wagner

Während einer Tournee durch Spanien setzt sich der kubanische Saxophonist Paquito d´Rivera im Jahr 1980 von seiner Band Irakere ab und flüchtet in die Vereinigten Staaten, wo er um politisches Asyl nachsucht. Seine Ehefrau und einen Sohn hat er auf Kuba zurücklassen müssen. In den USA fasst er schnell Fuß und arbeitet mit Dizzy Gillespie, McCoy Tyner und Randy Brecker zusammen.

Rasch steigt Paquito zum Saxstar des Plattenlabels CBS auf. Auf seiner zweiten Einspielung wischt er den Revoluzzern seiner Heimat kräftig eins aus. Provokativ nennt er die heiße Scheibe Mariel, das ist jener Fluchthafen an Kubas Westküste, über den Tausende Castro-Gegner in kleinen Booten die neunzig Meilen nach Key West zu türmen versuchen.

Die ersten Jahren in den Vereinigten Staaten dienen solcher musikalischer Vergangenheitsbewältigung. Auf den Platten Blowin und Mariel frönt er seiner Leidenschaft zu großen Gesten. Die dort eingespielten Kompositionen Song to my son oder New York is you offenbaren Paquitos Trauma, seine Geschichte der Welt erklären zu müssen.

Das Zerwürfnis zwischen D‘Rivera und seinen einstigen Kollegen von Irakere geht tief. Ein früherer Kollege aus der Irakere-Band zetert, als ich nur den Namen Paquito d’Rivera erwähne: Dieser Wurm! Was wir erreicht haben, verdanken wir nur dem Volk. Wie kann dieser Winzling das nur vergessen?

Doch der Saxophon-Dissident im fernen New York schert sich wenig um solch unschönen Groll. Wenn der Multiinstrumentalist D´Rivera sein Alt- oder Sopransaxophon auspackt, betätigt er sich als prickelnder Impulsgeber der US-Musikszene.

Als der Liebe Gott die Talente verteilte, war er bei Paquito d’Rivera besonders großzügig. Diese lyrische Ausdrucksstärke, dieser eigenwillige Ton und diese Kombination aus afrokaribischer Rhythmik und jazziger Harmonik lassen ihn als einem der besten Saxophonisten unserer Tage erscheinen.

Seine Platten verkaufen sich gut, seine Tourneen werden zu vielbejubelten Erfolgen. Trotz seines kometenhaften Aufstiegs und starker Worte in Richtung alte Heimat ist der Neu-New Yorker ein stiller und bescheidener Mensch geblieben. Ein Musiker, der nur spielen will.

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  1. Menzo

    Ich habe Paquito vor Jahren in London gesehen und gehört. Am Sopransax finde ich ihn noch besser als an Altsaxophon. Eine dramatische Biografie.

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