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Havanna, stumpfe Perle der Karibik

Havanna, stumpfe Perle der Karibik
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Photo by W. Stock

Havanna, im April 1983

Auch in diesem Jahr liegt auf Havanna jene seltsame Jahreszeit, die für die Karibik so typisch ist. Laue Luft, dünne Wolkenstreifen am blauen Himmel, ein warmer Wind aus Südwest, aus Richtung Yucatán. Brecher fegen über den Malecón hinweg und benässen übermütige Jugendliche. Wenn man Glück hat, zieht am Abend eine kühlende Brise über die Insel. Der  Wind hat sich gedreht und weht nun frisch von Florida.

Dämmerung. La Habana, das Herz der Revolution. Ein Herz, das stottert, das stolpert und nicht so recht in voller Taktung schlagen will. Wenn man durch die Strassen und über die Plätze dieser Stadt geht, dann scheint dieses Havanna wie ein Amphitheater aus verfallenen Prunkvillen und kargen Wohnsilos, alles zusammengehalten von Wäscheleinen mit abgetragenen Kleidungsstücken.

Im Jahr 1515 hat Diego Velásquez die Stadt gegründet, in der heute mehr als zwei Millionen Menschen leben. Diese einstige Perle der Karibik vermittelt heute jenen morbiden Reiz eines Kommunismus unter sengender Sonne. Man spürt in den Ecken und Ritzen das sympathisch Verlotterte und die Einwohner Havannas schwelgen in einem Gefühl, das trotz ausgeprägter Reglementierung die Freude am Leben genauso bewahrt wie die kleine Aufschneiderei.

Die Avenida Las Americas im Botschaftsviertel Miramar ist eine prachtvolle, von leicht verfallenen Villen eskortierte Wohnallee der besseren Art. Neben dem Vedado gilt Miramar als erste Adresse am Ort. Dagegen sieht Ciudad Cienfuegos im Osten, nach der Revolution eilig hingestellte Wohnblöcke, aus wie die lieblos aufgestapelten Margarinekartons beim Discounter. Sicherlich kein ästhetischer Genuss, aber andererseits wohl immer noch besser als die in Lateinamerika typischen Slumviertel und Blechhütten mit ihrem zum Himmel schreienden Elend.

So wie es auf Kuba kein himmelschreiendes Elend gibt, so ist allerdings auch kein Wohlstand zu entdecken. Die Menschen sind einfach und ärmlich gekleidet, der Luxus eines guten Radios oder eines neuwertigen Fahrrades bleibt für die allermeisten unerreichbar. Die kleinen, selbstverständlichen Annehmlichkeiten des Alltags wie Zahnpasta oder Klopapier sind nur mühsam aufzutreiben.

Der Besitz der vor der Revolution getürmten Oberschicht wurde nach der Machtübernahme der Bärtigen 1959 kurzerhand verstaatlicht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im einst noblen Yachtclub von Miramar residiert heute die Arbeiterwohlfahrt. Auch glaubt man, dass Fidel Castro in Miramar wohnt. Aber wen man auch fragt, keiner weiß Genaues.

Häuserkadaver aus bröselndem Putz fristen ihr übersehbares Dasein in der Altstadt. Alle Prachtbauten des kolonialen Havanna, hinter der von den Spaniern errichteten Stadtmauer, hat die UNESCO unter Denkmalschutz gestellt. Fleißig wird gehämmert, gemeißelt, verputzt. Farbe wird nachgezogen.

Doch die Fassaden in Habana Vieja und an der Uferpromenade bröckeln munter weiter, denn das scharfe Salz des Meerwindes setzt den Häusern kräftig zu. Nicht nur hier gleicht dieses Havanna einer alternden Liebe, deren Schönheit man erahnen kann, die aber seit geraumer Zeit zuviel Schminke aufträgt.

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  1. Marco Naumann

    Der Artikel ist negativ, zum Teil arrogant über Cuba. Über die positiven Errungenschaften der Revolution (Schulen, Krankenhäuser etc) schreiben Sie nichts. Das ist einseitig und schäbig.

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