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Neuschwanstein – das Märchenschloss eines Träumers

Neuschwanstein – das Märchenschloss eines Träumers
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Schloss Neuschwanstein im Juli 2011;
Photo by W. Stock

Bill Clinton, der als junger Student das Bauwerk besucht hatte, fragte Jahre später bei seinem ersten Zusammentreffen mit Finanzminister Theo Waigel: Gibt es Schloss Neuschwanstein noch?

Ja, Mister President, Neuschwanstein gibt es noch. Und nicht nur das. Das Schloss Neuschwanstein strahlt schöner und geheimnisvoller denn je.

Wenn man nach Hohenschwangau bei Füssen ins Voralpenland fährt, dann sieht man es schon von weitem. Wie ein Phantasiegebilde erhebt sich auf einem winzig schmalen Felsrücken Neuschwanstein. Das Schloss des verträumten Königs Ludwig II.

Das langgezogene asymmetrische Schloss steht magisch dort, mit seinen Türmchen, den Giebelchen, den kleinen Balkonen und den zierlichen Zinnen, und es sieht aus wie ein nebliger Mythos. Ludwig, für den das Schloss 1869 gebaut wurde, lebte nur 172 Tage in seinem Schloss. Dann wurde er für unzurechnungsfähig erklärt und des Amtes enthoben. Dann drehte er ganz durch.

Erst nach seinem mysteriösen Tod im Starnberger See wurde das Bauwerk vollständig fertiggestellt. Vollständig, dies ist ein Attribut, das sich eigentlich hier verbietet. Das Schloss steht da, als sei es der Wirklichkeit entwachsen. Irreal, fast wie eine Halluzination, irgendwie eine Sinnestäuschung. Es betört die Sinne und trägt in sich die Botschaft der Spätromantik: Das Schönste, was wir entdecken können, ist das Geheimnisvolle.

Neuschwanstein gilt als das Sinnbild der Romantik schlechthin. Der schwärmerische Aufbruch, die Sehnsucht nach dem Vollkommenen, dieser Zauber der Natur. Ein Bauwerk als Ausdruck für Gefühl und Leidenschaft. Vergessen wir doch die Strenge und die feste Ordnung des Klassizismus und des Rationalismus!

Es scheint alles wie im Märchen, hier ist das Disney-Schloss, alles entrückt und kaum glaubhaft. Das Bauwerk, die Vision, das Denken und der Bauherr gleich mit. Schloss Neuschwanstein mag auch als Symbol des Friedfertigen, des Verträumten gelten, denn alle kriegerischen Merkmale eines Schlosses fehlen. Neuschwanstein ist der Hilferuf eines Königs, der für die Politik und das Weltliche nicht gemacht war und seinen Seelenfrieden in der Musik, der Malerei und der Architektur suchte.

Wie viele Besucher kommen an so einem Julitag hierhin ins Schloss, frage ich den Guide. Na, an die 7.000 Menschen werden es schon sein. Das sind aber, denke ich, verdammt viele für einen König, den man damals als Halbwahnsinnigen gesehen und als Schwachkopf vom Hof gejagt hat.

Neuschwanstein ist vor allem der Sieg des Romantizismus über alle Konventionen. Vielleicht deshalb verehren noch heute die Bayern ihren Kini, diesen abgedrehten König, der die menschliche Sehnsucht und die menschliche Phantasie in ein Bauwerk fasste. Ein Phantast, ein Träumer, ein Spinner. Mit 150 Jahren Verspätung würde man heute sagen: ein verdammt cooler Typ. So läuft das in unserer Welt: gestern Idiot, heute ein Halbgott.

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  1. S. Vollmann

    Ludwig II – ein verdammt cooler Typ. Sie schreiben es richtig.
    Wir verehren und lieben ihn, unseren Kini.

  2. apple

    Besser: Ein Hoch dem Kinni!

  3. apple

    Traum und Romantik – eine wunderbare Kombination. Doch aus einem Traum erwachen wir wieder. Hoffentlich haben wir dem kalten Realismus noch ein wenig Romantik, etwas Schwärmerei entgegenzusetzen, auch wenn wir dann von den Realisten eben Träumer genannt werden. Was soll´s? Wenigstens hatten wir einen schönen Traum.

    Es waren ja schon immer Träumer und Phantasten, die die Grundlagen dafür legten, dass die klassischen Realisten überhaupt etwas zustande bringen konnten.

    Es lebe der Kinni!

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