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Gottfried Heller: Schuld sind die Schulden!

Gottfried Heller: Schuld sind die Schulden!
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mit Gottfried Heller; München, am 20. August 2011

Wie kommen wir aus dieser hartnäckigen Wirtschaftskrise wieder heraus?, frage ich Gottfried Heller an diesem sonnigen Hochsommertag. Wirtschaftskrise? Der Börsenexperte zieht eine graue Augenbraue hoch. Eurokrise, hake ich nach. Zwei törichte Begriffe, meint der Aktienexperte, beide Begriffe gehen am Kern des Problems vorbei.

Man habe es heute vor allem mit einer Fiskalkrise zu tun, die Haushalte seien von Italien bis USA, von Portugal bis Deutschland nicht in Ordnung. Die Zinsen für die Schulden werden mit immer neuen Schulden bezahlt. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.

Seit Jahren, seit Jahrzehnten schon, werde in den Industriestaaten auf Pump konsumiert. Trotzdem lassen wir uns das Mittagessen in der vorzüglichen Brasserie des Münchner Literaturhauses schmecken.

Der westliche Versorgungsstaat sei von Krediten abhängig wie ein Drogenabhängiger. An den Peripherien, in Portugal, Spanien, Griechenland, die wirtschaftlich alle mit billigem Euro-Geld weit über ihre Verhältnisse leben, macht sich die Krise am deutlichsten bemerkbar.

Und das Schlimme, auch in Deutschland: Die neuen und immer neuen Schulden decken rein konsumtive Ausgaben. Eine Subvention hier, ein Zuschuss dort, das aufgeblähte Sozialwesen. Dieser schöne Versorgungsstaat, an den wir uns so gewöhnt haben wie an ein süßes Gift, werde überwiegend mit Schulden finanziert.

Ab einem Verschuldungsgrad von 100 Prozent der Wirtschaftsleistung werde es kritisch. Japan ist da zweimal drüber, Griechenland, Italien liegen kräftig über 100 und die USA nähern sich bedenklich diesem Wert. China, Verschuldungsgrad um die 20 Prozent, hat den USA einen Schuldenwahn vorgeworfen. Und China als größter Gläubiger der USA führt den Vizepräsidenten Joe Biden beim Staatsbesuch vor wie einen Schulbuben.

Die Politik, mit zu wenig ökonomischem Sachverstand leider, reagiert hilflos, bekämpft Symptome statt Ursachen. Der Euro-Rettungsschirm, der Aufkauf von Wackelanleihen durch die EZB, mögliche Euro-Bonds, das alles sei eine weiße Salbe gegen die schlimme Vergiftung der Weltwirtschaft.

Die Märkte, aber zunehmend auch die Bürger, akzeptieren die Schuldenorgien nicht mehr. Wir stünden – und Hellers Stimme wird deutlich -, wir stehen vor einer Zeitenwende. Das Leitbild der schwäbischen Hausfrau sei nun gefragt, man dürfe nur ausgegeben, was in der Kasse sei.

Und wie ist die Perspektive?, frage ich Gottfried Heller beim Nachtisch. Wir müssen uns auf Jahre, wenn nicht auf Jahrzehnte mit langsamen Wachstum einstellen, wo die Steuern auch in die Schuldentilgung fließen. Aber dieser nötige Gesundungsprozess der Wirtschaft habe seine guten Seiten: wenig Inflation, niedrige Zinsen und eine stetige Börse ohne diese verrückten Ausschläge wie heutzutage.

Und das ist die gute Nachricht des Tages: Im Ergebnis bedeutet diese Schrumpfkur und dieses Maßhalten eine Abkehr von Übertreibung und Zockermentalität und damit endlich eine Rückkehr zur Normalität. Alles wird gut.

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  1. P. Donath

    Ich komme gerade aus Athen. Dort lebt man, als wäre nichts passiert. Die Griechen konsumieren, wir zahlen. Ich bin gegen Rettungsfonds.

  2. VWL-aber

    Die Industrieländer haben zwei Probleme:
    1. eine immense Verschuldung
    2. eingeschränkte Wettbewerbsfähigkeit aufgrund des fixen Eurokurses.
    Auf Deutschland trifft 1 zu, auf Griechenland, Spanien, Portugal 1 und 2. Kein Politiker und keine EZB erklärt uns, wie diese mangelnde Wettbewerbsfähigkeit ohne Abwertung zu beheben ist.

  3. Revisator

    Wir pumpen Geld und Geld in die griechische Wirtschaft, wo Müßigang angesagt ist. Und wir hier müssen für unsere Euros viel schwtzen. Ist das gerecht?

  4. F. Brandes

    Wir stehen kurz vor dem Super Crash. Die Staaten verschulden sich immer mehr, die Finanzinstitute bilanzieren immer höhere Risiken in ihren Büchern, die Banken verleihen untereinander kein Geld mehr. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann die erste Bank kollabiert. Und der Staat hat keine Ressourcen mehr, die Banken ein zweites Mal zu retten. Dies ist dann der Super Crash. Und dann hilft auch der Optimismus von Gottfried Heller nicht mehr…

  5. Tänzer

    Das Problem war der billige Kredit, den Griechenland, Spanien etc nach der Euro-Einführung ausgenutzt haben. 10 Jahre ein Konsumrausch, ohne auf den Kontostand zu schauen.
    Das Umsteuern fällt jetzt schwer. Alles Gejammere hilft aber nicht. Wir müssen zurück zur Normalität (also nur ausgeben was auch eingenommen wird).
    Im Ausblich hat Heller recht. Es kommen magere Jahre, aber wir kommen auch zur Besinnung.

  6. Albert Frank

    Bravo, Gottfried Heller, eine profunde Analyse. Zocker an der Börse, Konsumrausch in der Bevölkerung, Staaten, die auf Pump leben. Schön, dass ein Fachmann diese Lebenslügen von Berlin bis Athen so deutlich ausspricht.

  7. apple

    … und wenn er nicht von den Politikern gestorben wird, dann könnte der €uro also doch noch weiterleben. Also ist der €uro, wenn ich den Beitrag richtig verstanden habe, das, worum es bei einem „Boxkampf“ zwischen wirtschaftsignoranten Politikern und gnadenlosen Zockern an der Börse geht, bei dem die Ratingagenturen den Ringrichter darstellen? Das Schöne am wirklichen Boxsport ist, dass ein Trainer das Handtuch werfen kann, wenn er merkt, das der Kampf eigentlich vorbei ist und ein „Tod im Ring“ der ganzen Sportart (der Gemeinschaftswährung) schadet. Schnell noch ein Schutzschirm aufgespannt, und dann ab in die nächste Runde.

    Nach dem unvermeidlichen Tod des €uro „im Ring“ verbietet letztlich Karlsruhe den Boxsport, ähhh den €uro für Deutschland, wenn Hankel & Co. Recht bekommen sollten

    Das Beispiel mit der „schwäbischen Hausfrau“ stammt von der in wirtschaftlichen Belangen nicht geschulten Bundeskanzlerin (anlässlich einer Rede bei einem Parteitag). Dennoch eine schlichte, aber RICHTIGE Einsicht. Aber: Warum tut sie es dann nicht? Wegen der Fast Drei-Prozent Partei, die gern Steuererleichterungen (für ihre Klientel) will, wobei die Steuergelder noch gar nicht eingenommen wurden.

    Da kann man nur beten: Oh Herr, lass fiskalische Einsicht regnen, auch in den mediterranen Ländern, in denen ja so große Dürre fiskalischer Vernunft vorherrscht.

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