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Der Professor und der Diktator

Der Professor und der Diktator
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Die Chicago Boys. Weil sie an der University of Chicago bei den Professoren Milton Friedman und Arnold Harberger studiert hatten, nannte man sie kurzerhand so. Besonders Professor Harberger, der mit einer Chilenin verheiratet war, prägte die Chicago Boys.

Als 1974 nun diese Chicago Boys, die jungen Volkswirte in Santiago de Chile, die Wirtschaft ihres Heimatlandes umzukrempeln begannen, war dies für viele westliche Intellektuelle ein Sündenfall.

Denn die ökonomische Rosskur der Wirtschafts- und Finanzminister Minister Sergio de Castro, Hernán Buechi, Rolf Lüders und Ernesto Fontaine fand mit dem Segen des Diktators Augusto Pinochet Ugarte statt. General Pinochet war, da gibt es keine zwei Meinungen, einer der abscheulichen und widerwärtigen Diktatoren in der Geschichte Südamerikas. An Pinochets Händen klebte eine Menge Blut.

Ab und an wird nun argumentiert, der Neoliberalismus werde durch autoritäre Strukturen begünstigt. Oder schlimmer: Diktatur und Neoliberalismus seien eigentlich zwei Seiten ein und derselben Medaille.

Jemand, der so redet, das ist keiner, der – wie man so schön sagt – aus tiefen Tellern speist. Margaret Thatcher brauchte in Großbritannien ja auch keine Diktatur. Ebenso wenig wie Ronald Reagan.

Im Gegenteil: Militärdiktaturen bevorzugen eine kontrollierte Wirtschaft und stehen dem freien Spiel der Marktkräfte eher kritisch gegenüber. Doch im Chile der 1970er Jahre kamen einige Besonderheiten zum Zuge. In der Causa Chile wird verkannt, dass der Erfolg der Chicago Boys in Santiago wenig damit zu tun hatte, dass er unter einem Diktator stattfand.

Die Erfolgsfaktoren waren andere: Die Chicago Boys fanden eine total zerstörte Nationalökonomie vor. Horrende, dreistellige Inflationsraten, Kapitalflucht, Monostruktur. Der marxistische Präsident Salvador Allende hatte die Wirtschaft in den Jahren zuvor ins Chaos gestürzt, sowohl die Mittelschicht als auch die Armen darbten.

Darüber hinaus konnte erstmals – der Trupp der Chicago Boys in Santiago bestand aus etwa 25 Volkswirten – eine stimmige und kohärente Wirtschaftspolitik in die Praxis umgesetzt werden. Jahrzehntelang waren Etatismus und Klientelismus in Chile zu beobachten gewesen, die neue Politik drängte hingegen auf eine schockartige Deregulierung, um dynamische Kräfte freizusetzen.

Die Rezepte waren wie aus dem Lehrbuch: Privatisierungen, Steuersenkungen und Abbau von Einfuhrzöllen. Die Erfolge stellten sich rasch ein. Neben robustem Wachstum konnte man vor allem die unselige Abhängigkeit von der Kupferproduktion zurückdrängen. Es entstanden neue auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähige Industrien wie Weinbau, Fischereiwesen und ein florierender Dienstleistungssektor.

Milton Friedman selbst, der Vater des Monetarismus, ist 1975 mit Augusto Pinochet zusammengetroffen. Der Professor fand den Diktator und die Diktatur widerlich, dieses Regime sei terrible gewesen, eine schreckliche Herrschaft, ließ er später verlauten. Die Reformen der Chicago Boys haben – wie die Entwicklung Chiles zeigt – der Demokratisierung in die Hand gespielt.

Seit der Rückkehr zur Demokratie gehört Chile zu den wohlhabenden Ländern Südamerikas, ein Land mit wirtschaftlich guten Wachstumsraten und einer breiten Mittelschicht. Und Chile, darüber darf man sich am meisten freuen, ist heute ein freies Land mit einer lebendigen Demokratie.

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  1. Eric Endriss

    Eine interesante Frage: Was hätte der Monetarist und seine Chicago Boys heute in Griechenland getan? Dort würde eine nicht minder schwierige Aufgabe wie in Chile warten. Auch an den Peripherien Europas gibt es Klientelismus, Berufszünfte, Berufseintrittsverbote und starre Regulierungen. All das führt zu einer nicht wettbewerbsfähigen Nationalökonomie. Und da sind die vielen Schulden nicht die Ursache, sondern nur das Ergebnis. Da hätte es eines Friedman gebraucht…

  2. apple

    Finde ich richtig gut, dass es Wirtschaftstheoretikern gelingt, mit der Umsetzung ihrer Theorien einer Demokratie den Weg zu bereiten. Allerdings fanden die Chicago Boys auch ein Arbeitsfeld vor, auf dem ihre Theorien fruchten MUSSTEN.

    Hätte Friedman auch für die USA und die €uro-Länder vernünftige Vorschläge gehabt?

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