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Professor John Naisbitt, wie viel Kommunismus steckt noch in China?

Professor John Naisbitt, wie viel Kommunismus steckt noch in China?
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John Naisbitt

Doris und John Naisbitt, Peking im Oktober 2011, Photo by J. Stock

Peking, den 30. Oktober 2011

Abendessen mit Doris und John Naisbitt im Baguo Buyi im Stadtteil Dongcheng. Das Essen in diesem Sechuan Restaurant ist mächtig scharf und abwechslungsreich. Wir schlemmen.

Doris und John Naisbitt sind zwei profunde Kenner Chinas. Doris schreibt eine 14-tägliche Kolumne in der chinesischen China News, John war mittlerweile 45 Male im Lande, er hält zwei Professuren an chinesischen Universitäten und kennt die Elite des Landes vom Präsidenten abwärts bis zu den Provinzsekretären der Partei.

Der Westen begegnet China mit einer Mischung aus Ignoranz und Arroganz, das ist ein schwerer Fehler, meint der berühmte Trendforscher. Die Belehrungen des Westens in Sachen Demokratie seien nicht nur schädlich, sondern auch falsch. Denn es gebe doch – historisch und weltweit – verschiedene Ausprägungen von Demokratie.

Diesen Blick von oben herab jedenfalls lassen sich die Chinesen immer weniger gefallen. Denn die neue Elite des Landes, das seien nicht mehr kommunistische Apparatschiks, sondern selbstbewußte und erfolgreiche Manager in Regierung und Unternehmen.

Ich habe in den USA bei den Eliten aus Politik und Wirtschaft soviel Mittelmaß erlebt, dass ich manchmal erschreckt bin. Chinas Elite hat einen harten Ausleseprozess durchlaufen, an den Schalthebeln sitzen hier hochgebildete und hochkompetente Leute.

Die Kultur des Strebens vermisse er im Westen, sagt John Naisbitt. Die Studenten, die er in China unterrichte, seien aufmerksam, offen und wissbegierig. Das Superioritätsdenken sei tief im Bewußtsein Chinas verankert.

Sicher, es gebe Probleme hier, er wolle nichts schön reden. Fehlende Umweltstandards, das Verkehrschaos tagtäglich, das sei die Schattenseite der rasanten Entwicklung. Und dass China noch eine reine Männergesellschaft sei, wirft Doris ein. Frauen seien in Wirtschaft und Politik eine winzige Minderheit. Aber, die Führung sei sich der Probleme bewußt.

Wie viel Kommunismus steckt noch in China, frage ich John. Wenig, antwortet er, seit 30 Jahren, nach Deng Xiaopings Modernisierung ist der Kommunismus stetig im Rückzug. Der Wettbewerb in China ist heute viel härter als in den USA. Denn der Wettbewerb zeigt sich vielschichtig. Er verlaufe zwischen Unternehmen, aber auch zwischen den Städten und zwischen Provinzen und Provinzen. Überall sei dieses Exzellenzdenken zu finden.

Wie viel Prozent der Menschen, versucht John mich auf’s Glatteis zu führen, arbeiten in China in der Privatwirtschaft? Ich weiß die Antwort nicht und schätze 30 bis 35 Prozent. Weit gefehlt, meint John, es sind über 70 Prozent. Nur die Großindustrie wie Stahl oder einige Banken sei noch in Staatshand, das meiste jedoch inzwischen privatisiert.

Während der Westen stagniert, wachse China im Jahresrhythmus von um die zehn Prozent. Die Führung des Landes bezieht ihre Legitimation nicht aus Wahlen, sondern aus Erfolg. They deliver. Sie liefern, und zwar wirtschaftlichen Erfolg und vor allem steigenden Wohlstand. In China verbreitert sich die Mittelschicht merklich, in Europa und in den USA nimmt sie ab.

Das sind die Fakten. Europa wird zu einem niedlichen Historien-Park, die Entwicklung ist abgebrochen. Der Aufstieg Chinas sei die bemerkenswerteste, aber auch die verkannteste Entwicklung unserer Tage.

Zum Abschluss des Essen im Gaguo Buyi gibt es eine atemberaubend schnelle Face Changing Show. Mal hat die Tänzerin eine rote Gesichtsmaske, im Bruchteil einer Sekunde dann eine schwarze, danach eine blaue. Die Farben wechseln, zack zack, in einem Höllentempo. Wir sind in China!

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  1. D. Bauer

    China packt an und spuckt in die Hände. Wir ruhen uns auf unseren Erfolgen aus und wundern uns dann, wenn es abwärts geht.

  2. Bernd Sassen

    ich komme gerade von einem mehrmonatigen Aufenthalt aus Shanghai zurück, und kann den Eindruck von John Naisbitt nur bekräftigen. Sie arbeiten dort mit hochkompetenten Leuten zusammen. Was mich an Shanghai am meisten beeindruckt hat: es gibt keine Slums und Elendsviertel, und das bei 23 Millionen Bewohnern. Es gibt Armut, sicherlich, aber kein Elend.
    Und was auch beeindruckend ist: China schafft es, sein Milliardenvolk zu alimentieren. Keine Hungersnöte wie in Indien.
    Und: Man darf den Stolz der Chinesen auf all das (und noch mehr) nicht unterschätzen. Das macht Europa falsch.

  3. Ulrich Weichmann

    Weiß Mr. Naisbitt, dass die chinesiche Regierung Facebook, Twitter, Youtube und viele andere Website in China abgeschaltet hat? Was hat das mit Demokratie zu tun? Ist es nicht das Gegenteil von Demokratie?

  4. Wangenheim

    Naisbitt hat recht. Das China-Bashing des Westens ist peinlich, falsch und nicht weitsichtig. Ich glaube auch, es ist viel Neid und Verzweiflung dabei. Nun soll ja die Bank of China sogar Europa retten. Das sagt doch schon alles, wie Europa dasteht (als dummer Schuldner) und wie China (als erfolgreicher Gläubiger). Der Westen sollte China besser studieren.

  5. T.Redl

    Vielleicht hätten die beiden Herren und die Dame auch ein paar Themen ansprechen sollen, die für China nicht so angenehm sind: fehlende Meinungsfreiheit, Internetzensur, Bürokratie, Einparteienherrschaft, Korruption, Wanderarbeit, hohe Inflation.
    Sich nur über die positiven Themen ereifern, das nenne ich einseitig, Mr. Naisbitt.

  6. apple

    Höchst informativ und von jemandem mit Weitblick (das ist ja bekannt), aber auch mit glasklarem Durchblick berichtet. Mein Sohn erzählte mir nach seinem letzten Job in Peking Ähnliches. Sicherlich gibt es in China, besonders in Sachen Umweltschutz, noch viel zu tun, aber weiß man das sicherlich und wird es auch bald anpacken (hoffentlich nicht zu spät).

    Einen schönen Aufenthalt noch und gesunde Rückkehr!

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