Die putzmuntere Verzweiflung des Tango
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Grafik by Fernando Tejeda

Buenos Aires, im Dezember 1987

In den Jugendstil-Cafés, die in den Querstrassen der Calle Lavalle zu finden sind, glaubt man sich in die Wiener Kaffeehäuser mit ihrer ornamentierten Wandmalerei um 1900 zurück versetzt. An den kleinen dunklen Holztischen trinken jung und alt gemächlich ihren café cortado und erörtern die Lage im allgemeinen und besonderen.

Trotz aller Krisen haben sich die Argentinier die Lust am lebhaften Diskurs bewahrt und können stundenlang in ihre Tageszeitungen Clarín und La Nación hineinschauen, die zu den besten des Kontinents gehören. Wenn jedoch der Barbesitzer die richtige Tangoplatte auflegt, springen einige ältere Herren auf, legen ihren Arm um die auch nicht mehr taufrische Partnerin und tänzeln leichtfüßig zwischen den Tischen die filigranen und ruckartigen Bewegungen des Tango.

Es sind fast immer die älteren Ehepaare, die auf diese Bühne der kleinen Alltagsfreude stürmen, und so die Erinnerung an die goldene Zeit wach zu halten versuchen. Tango, so sagt man, sei ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann. Doch noch mehr ist er ein stummer Dialog zwischen Mann und Frau, ein tänzerisches Ritual von Verlangen, Annäherung und Entfremdung.

Im Tanz reiben die Körper aneinander, bohren sich ineinander, verschachteln und verknoten sich, um sich einen Augenblick später ruckartig wieder zu lösen. Mit seiner Dynamik von den Hüften abwärts und der zappeligen Eleganz der Beine bleibt der Tänzerin nichts anderes übrig, als sich ganz fallen zu lassen und sich in die Macht des Mannes zu begeben.

Kurioserweise werden die ersten Tangos in Buenos Aires Anfang des 20. Jahrhunderts wegen des Frauenmangels im Einwanderungsland Argentinien häufig von Männern miteinander getanzt. Als streng getanzter Ritus wirkt der Tango wie der Ausdruck von Sehnsucht und Begierde zugleich. Für die Argentinier ist er der kollektive Wunschtraum nach Geborgenheit und Heimat, der von korrupten Politikern, feisten Baronen, und weiß der Teufel von wem, hintertrieben wird.

Die körperliche Präsenz des Tangos übertragen die Argentinier auf ihren Alltag. Die Porteños besitzen ein solch adonisches Verhältnis zu ihrem Körper, dass sich die halbe Nation wie im Massenwahn liften lässt. Hier die Krähenfüsse weggespritzt, dort überflüssiges Hüftfett abgesaugt, da die schlaffe Backenhaut hinter die Ohren gezogen. Nirgendwo in Lateinamerika werden so viele Nasen korrigiert, so viele Gesichter gestrafft und so viele Brüste vergrößert wie in dieser Stadt am Rio de la Plata.

Auch der Präsidentschaftskandidat, ein eitler Gockel der peronistischen Partei, lässt sich die faltigen Wangen schön spritzen, damit er irgendein TV-Sternchen heiraten kann, das fast 40 Jahre jünger ist als er, welches jedoch auch schon ein wenig stramm gezogen aussieht. Das ist Buenos Aires, verrückt, verrucht und meist verzweifelt. Also eine putzmuntere und quicklebendige Metropole.