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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Wie wir arm wurden…

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Photo by W. Stock

Im nächsten Jahr macht Deutschland mehr Schulden als in diesem Jahr. Wie diese Schulden zurück gezahlt werden sollen, weiß keiner. Ein wenig komme ich mir vor wie auf einer Hochzeit. Einer hat die Musik bestellt, aber keiner will danach zahlen.

So langsam dämmert’s den Leuten. Unser Wohlstand ist auf Pump. Seit Jahren verschlingen unsere Wohlfühlstaaten mehr als sie einnehmen. Die Schulden steigen. Trendwende nicht in Sicht.

Deutschland muss sich von einer Illusion verabschieden. Von dem Glauben, dass der Wohlstand automatisch immer weiter steigt. Und plötzlich ziehen Wolken auf: prekäre Arbeitsverhältnisse, verdichtete Arbeit, sinkende Reallöhne. Da schüttelt sich Deutschland: der Wohlstand wächst nicht mehr, sondern er nimmt ab.

Die Mittelschicht gerät unter Druck und wird von Abstiegsängsten geplagt. Viele verstehen nicht, was da vor sich geht, und reagieren mit Angst, Auflehnung und Resignation. Der Normalbürger agiert verunsichert und defensiv. Statuserhalt ist seine Devise, ja nicht sozial abrutschen. Die Mittelschicht verfolgt ihren kleinen Traum vom Wohlstand: ein kleines Häuschen, eine gute Ausbildung für die Kinder, einmal im Jahr ans Meer. Der Mittelschichtler liebt Sicherheit und Harmonie.

Doch Sicherheit und Harmonie kann das Krisenjahrzehnt nicht liefern. Krisenzeiten bedeuten Unsicherheit, Risiken, harte Verteilungskämpfe. Das ist ungewohnt in Deutschland. Man hat sich, berauscht vom Sozialstaats-Gesülze, in falscher Sicherheit gewähnt.

Die ökonomische Realität ist eine andere. Wohlstand muss immer neu erwirtschaft werden. Wohlstand bedeutet Fleiß und Anstrengung. Nicht eine 35-Stunden-Woche, nicht Frührente mit 60, nicht drei Urlaube im Jahr. Alles sympathische Illusionen, sicherlich. Viel verdienen, wenig arbeiten. Das funktioniert nirgends.

Hierzulande funktioniert es schon lange nicht mehr. Also wurde das Sozialwesen auf Pump finanziert. Das Rentensystem wird per Kredit gestützt, die Krankenkassen, Hartz eins bis vier, Zuschuss hier, Subvention dort. Das Füllhorn sprudelt, auch wenn die Kasse leer ist.

Berlin hat den Ernst der Lage immer noch nicht erkannt. Die Märkte glücklicherweise schon. Da sind keine Spekulanten am Werk (eine Nebelkerze der Politik), sondern einfache ökonomische Gesetzmässigkeiten. Die Märkte fürchten, dass die Staaten ihre Zinsen nicht mehr zahlen können, dass auch die Kredite perdu gehen. Dies wiederum würde die Bankbilanzen belasten, da diese faulen Kredite abgeschrieben werden müssten, zu Lasten von Gewinn und Eigenkapital. Das Banksystem würde kollabieren. Deshalb steigt der Zins für neue Kredite.

Griechenland ist nicht mehr das Problem. Griechenland ist abgeschrieben, in jeder Hinsicht. Die Märkte bangen um Schuldenschlawiner wie Italien, Spanien und Frankreich. Auch in den USA und Deutschland hat die Verschuldung ökonomisch unvertretbare Ausmasse angenommen. Wenn die Märkte diese beiden Länder kritisch sehen, dann wird’s zappenduster.

Die Politik beschwichtigt weiterhin. Angela Merkel redet in einem luziden Moment Klartext. Die Krise, so sagt die Kanzlerin, würde noch zehn Jahre dauern. Oha, das ist mal eine Ansage. Jedoch nicht zu Ende gedacht, Frau Merkel. Ist eine Krise, die zehn Jahre dauert, eine Krise? Ist ein Patient, der zehn Jahre auf Intensiv liegt, noch krank? Es wird Zeit, dass Klartext gesprochen wird. Dies ist kein zyklischer Einbruch, dies ist eine strukturelle Umwälzung, ein historischer Umbruch.

Der Sozialstaat westlicher Prägung lässt sich mit billigem Geld nicht mehr finanzieren. Die Wettbewerbsfähigkeit ging über all die Wohlstandsverteilung flöten. Oder wie Fussballtrainer Felix Magath sagt: Disziplin schafft Erfolg. Und Erfolg zerstört Disziplin.

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  1. Guest208

    Sie sollten nicht nur von den Ursachen reden, sondern auch von den Ver-Ursachern. Den Hedgefonds, den Lehman, den Spekulanten, den Zockern, den Analysten, den ratingagenturen, den Investmentbankern, den Neoliberalen. Hat denn der Sozialhilfeempfänger diese Krise verursacht???

  2. Sven Kirchfeld

    Ich habe facebook gefällt mir geklickt. Aber das Ganze gefällt mir nicht, es macht mich traurig. Traurig, aber wahr. Ihre Analyse ist leider, leider zutreffend.
    Wir leben seit Jahren über unsere Verhältnisse – und das bekommt keinem gut. Weder einem Staat noch einem Privathaushalt.
    Obwohl zwei Hoffnungsschimmer sehe ich: 1. Der Primärhaushalt in Deutschland ist gedeckt. 2.Schäuble scheint durchzublicken.
    Trotzdem, die nächsten Monate werden heftig.

  3. apple

    Einspruch, Euer Ehren!
    Das Phantom „der Markt“ (leider haben Sie sich dem üblichen Jargon der ökonomischen Dampfplauderer angeschlossen) IST das Problem, denn Sie unterscheiden tatsächlich nicht zwischen Anlegern und Spekulanten und Zockern. Ja, ich kann auch in Staatsanleihen anlegen, aber nur, wenn ich hinreichend sicher bin, das eingesetzte Kapital plus eine vernünftige „Leihgebühr“ zurückzubekommen. Spekulanten sind „die Märkte“ (nämlich die Gauner, die Anleihen hochverschuldeter Staaten mit unvernünftig hoher Rendite kaufen, wohl wissend, dass sie damit diesen Staat in den Ruin treiben), die Menschen, die statt zur Bank besser ins Kasino gehen sollten. Nur, bei Banken erhalten sie durch den Kauf von Anleihen (mit unvernünftig hoher Rendite) quasi einen Vertrag, der Ihnen die Rückzahlung des Einsatzes plus unvernünftig hoher Rendite garantiert! Ja, und dann, wenn die Bank, die das Spielchen, wie ein Croupier mitzockt, kein Geld mehr hat, dann werden die Banken und das Phantom „der Markt“ gerettet und die garantierten Renditen per Steuern, Abgaben, Minderung von Sozialleistungen, Rentenkürzungen …….. und noch viel mehr …….. sozialisiert. Im Kasino fehlt allerdings die schützende Hand der Verlustumverteilung auf die Nichtteilnehmer an dem Spielchen ( „an den Märkten“). Deshalb gehen echte Spekulanten lieber an „die Märkte“ und nicht ins Kasino.

    Reden wir Klartext: An den „Märkten“ (ein Witz!) wird in unverantwortlicher Weise Kapital mit einer unvernünftig hohen garantierten Rendite eingesetzt um es zunächst scheinbar zu verlieren und es dann doch, nämlich aus den Taschen der Allgemeinheit über den Umweg der Bankenrettung durch den Staat, eher durch die im Zocken nicht bewanderte Regierung (too big to fail), dennoch zu gewinnen.

    Ja, ja, lieber Dr. Stock, setzen wir uns zusammen in die Bierstube von Kloster Andechs bei einem dunklen Doppelbock, oder zweien, damit es auch richtig wirkt, weinen den guten alten Zeiten nach und erzählen dann weiterhin das Märchen, dass an „den Märkten“ nicht gezockt wird, dort nur redliche Menschen ihr Geld in sichere Hände geben und dass wir nur eine Krise eines kapitalistischen Wirtschaftssystems haben. Und bei der Gelegenheit erklären Sie mir dann auch, welche Leistung „die Märkte“ erbracht haben. Ich jedenfalls muss für Geld richtig arbeiten.

    Und was die „Wohlstandsverteilung“ angeht, so ist das genau diese Zockerei, bei der Geld aus kleinen Taschen in prall gefüllte Taschen umverteilt wird.

    Ich bin wohl auf der falschen Seite.

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