Joaquin García Sánchez, mein Lieblings-Pastor
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Iquitos, im Dezember 1985; Photo by Norbert Böer

Um meinen Lieblings-Pfarrer zu treffen, muss man verdammt weit reisen. Seine Kirchengemeinde liegt etwas abseits der Metropolen, ehrlich gesagt, sie liegt am Arsch der Welt. Aber, das sei auch gesagt, an einem ziemlich hübschen. In Iquitos, mitten im grünen Amazonas-Dschungel.

Mit Pastoren einen normalen Umgang zu pflegen, gestaltet sich mitunter zäh. Oft erscheinen sie einfach dieser Welt zuweit entrückt und, kein Vorwurf, zu nahe an Gott.

Der Kirchenherr von Iquitos, Pater Joaquin García Sánchez, hingegen ist ein Mann, der mit beiden Beinen und vor allem mit ganzem Herzen im Diesseits lebt. In dieser gewaltigen Urnatur mitten im peruanischen Dschungel braucht es auch keinen Priester, der von Paradies oder Hölle schwadroniert, wo doch das Paradies draußen vor der Tür zu finden ist, und die Hölle nur zwei Straßenecken weiter.

Kein Zweifel, Joaquin García, dieser Hirte im testamentarischen Sinn des Wortes, passt zu dieser Stadt. Zu dieser Stadt fernab des oberflächlichen Rummels und des großkotzigen Konsums. Zu diesem entlegenen Flecken im Urwald, den man nur mit dem Flugzeug oder über den Amazonasfluss erreichen kann.

Jetzt darf man sich diesen Mann nicht als gütigen Opa im schwarzen Talar vorstellen, sondern eher als einen Kerl, der mitten im Leben steht, eigentlich ein Typ wie du und ich. Der Priester vom Orden der Augustiner ist hochgebildet, offen und ein Menschenfreund.

Er kümmert sich mit seiner Organisation CETA darum, dass die Ureinwohner eine Stimme bekommen und ihre Geschichte und Sprache festgehalten bleiben. Er hat ein Auge darauf, dass den Indigenas, wenn schon nicht Gerechtigkeit, dann doch zumindest Respekt widerfährt. Und dafür hat er glücklicherweise Anerkennung erfahren. Von den Medien, vom spanischen Königshaus und vor allem von den Menschen hier vor Ort.

Anzumerken gilt, dass dieser Priester über das schönste Kirchenhaus weit und breit herrscht. Inmitten des schwülen Urwaldes thront majestätisch La Iglesia Matriz, 1919 erbaut, mit dem hellen Kirchturm, der sich wie ein erhobener Finger gen Tropenhimmel reckt.

Photo by Norbert Böer

Es ist dies unter allen einfachen Gotteshäusern das imposanteste überhaupt. So klar, so anmutig und so makellos. Kein falscher Pomp, der hier zu finden ist, und keine aufgeblasener Pracht, sondern ein weißer Fingerzeig in einem grünen Schlund, der zum Himmel deutet.

Und Joaquin, wir sind schnell per du, entpuppt sich darüber hinaus als Architekturexperte dieser Stadt. Als jemand, der jedes Gebäude, jeden Bewohner, jede Anekdote kennt und sie voller Inbrunst mit der Welt teilen will. Gottvater mit seiner römischen Kurie würde sich in der heutigen modernen Welt leichter tun, wenn er mehr Padres vom Kaliber eines Joaquin García bei seinem Bodentrupp besäße.

Ob wir mal auf den Kirchturm dürfen, die höchste Stelle der Stadt, frage ich, ein paar Fotos schießen. Kein Problem, gerne, meint mein Lieblings-Priester. Den Kardinal von Köln zu fragen, ob wir auf die Spitze des Kölner Doms klettern dürften, wäre uns im Rheinland vermutlich nicht in den Sinn gekommen.

Der Kirchturm ist übrigens jener, auf den auch schon Jason Robards, Mick Jagger und Klaus Kinski kraxelten, damals, Anfang der 80er Jahre, als Werner Herzog hier in Iquitos den Film Fitzcarraldo drehte. Es ist eine Schlüsselszene in diesem Film, als die Schauspieler kräftig die Kirchenglocke hauen.

Nun ist es an uns. Joaquin schließt den Kirchturm auf und wir klettern in den Glockenturm des Gotteshauses, bis zur Spitze empor. Hinauf, zum Himmel über Iquitos.