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Das Ende von Newsweek?

Das Ende von Newsweek?
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Zunächst ein Geständnis: Diese Zeitschrift war mir über zahlreiche Jahre ein geschätzter Begleiter, ein guter Freund. Und sicher auch ein Vorbild. Newsweek. Das Wochenmagazin aus New York für die Welt.

Als ich in den 70ern und 80ern viel in der Weltgeschichte herumschwirrte, von Mexiko bis Argentinien, von Indien bis Hongkong reiste, da blieb dieses Magazin ein Anker. Kurz und knapp, doch mit der nötigen Tiefenschärfe, hat es jenes reportiert, was in der Woche an Bemerkenswertem vorgefallen war. Stets blieb das Wochenblatt um Ausgewogenheit und Unabhängigkeit bemüht, was ich in Anbetracht der oft gegängelten oder gleichgeschalteten Presse meiner Gastländer zu schätzen wusste.

Noch heute kann ich mich an die Starschreiber damaliger Tage erinnern. An Edward Behr, zum Beispiel, der in Paris einfühlsam über die Kultur Europas berichtete. An George Will, den konservativen Chronisten der Reagan-Jahre, oder an Robert Samuelson, der so anschaulich über Wirtschaft schreiben konnte.

Seit 1933 gibt es Newsweek und die Zeitschrift war ein Leuchtturm der freien Meinung und der hintergründigen Information. Und nun erreicht uns die traurige Nachricht, dass der Gesellschafter daran denkt, Newsweek, die Printausgabe, einzustellen. Die Verluste sollen sich auf 22 Millionen Dollar allein in diesem Jahr erhöht haben. Die Produktionskosten des Heftes sind einfach zu hoch. Zukünftig soll man Newsweek dann nur noch im Netz lesen.

Ich habe die Redaktion an New Yorks East Side im Oktober 2009 besucht. Schon damals war in den Redaktionsräumen die Verunsicherung förmlich zu greifen. In den letzten Jahren taumelte man der Agonie entgegen. Verkauf, Restrukturierung, Richtungswechsel, Überarbeitung, neues Design. Alles half nichts. Die Abos erlitten Schwindsucht, die Kioskverkäufe sackten zusammen und die Anzeigenerlöse verschwanden und kamen nicht wieder.

Die Zeitschrift war damals schon durch verschiedene Hände gegangen. In der Hochzeit, man verkaufte über 7 Millionen Hefte wöchentlich, war sie im Besitz der legendären Katharine Graham, der Verlegerin der Washington Post. Später ging Newsweek plus Schulden dann für einen symbolischen Dollar an einen Investor, wurde schließlich mit einem Online-Dienst zusammengelegt, das Schicksal nahm seinen Lauf.

Dies ist eine triste Entwicklung für jeden Schreiber und für jeden Leser. Denn mit Newsweek würde nicht nur eine Zeitschrift zu Grabe getragen, sondern mit ihr auch gleich eine ganze Epoche.

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  1. apple

    Lieber Dr. Stock, ich befürchte, dass wir uns noch von vielem lieb Gewonnenem verabschieden müssen. Zuerst wohl von den „guten alten Zeiten“, den Erinnerungen, von denen wir ja auch nur die positiven hervorkramen.

    Sie haben haben Recht: Veränderungen sind nicht immer zum besten – kommt aber immer auch auf die Perspektive an. Alles, was geht, wird durch Neues ersetzt. Nur wir (ich noch weniger als Sie) werden nicht mehr beurteilen können, ob das Neue auch besser war – oder umgekehrt.

    Ein schönes Wochenende an die Seen!
    Ihr apple

  2. Hans-W. Lindgens

    Ja, komisch – z.B. der ECONOMIST ist dies- und jenseits des Atlantiks sehr erfolgreich. Newsweek und auch TIME dagegen in den letzten Jahren nicht (mehr).

    Da gibt es im Marketing den Begriff der USP. Wo war bei Newsweek dieser einzigartige Verkaufsvorschlag – und wo ist bei den anderen (noch) ?? Vor allem junge Leute kaufen nicht mehr, wenn Sie zu viel der ‚Einzigartigkeit‘ im Internet ‚for free‘ erhalten.

    Hinzukommt, daß die Gattung Print schwer beschädigt ist, vor allem in den USA, die unser Grosso-System mit einer gesicherten, tagesaktuellen Versorgung bis in das letzte Nest und unser auf dem ‚open-end-System‘ basierendes Abonnementgeschäft nicht kennt. Und die Verantwortlichen sind überwiegend die Verleger selbst, die für ein tragfähiges, digitales Publizieren keine Perspektive entwickeln.

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