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Gertrud Höhler spitzt die Feder

Gertrud Höhler spitzt die Feder
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Mit ihrem neuen Buch Die PatinWie Angela Merkel Deutschland umbaut steht sie seit Wochen im Kreuzfeuer der Kritik. Mit viel Schaum vor dem Mund rechnen Kritiker mit Höhlers Kritik am Regierungsstil der Kanzlerin ab.

Man braucht nicht in allem einer Meinung mit der Berliner Publizistin zu sein, ich bin es in Bezug auf dieses Buch nicht. Doch schadet es einer lebendigen Debattenkultur in Deutschland, wenn missliebige Meinungen und Ansichten gleich mit dem Furor des Wahrheitsglaubens niedergebügelt werden.

Ich kenne Gertrud Höhler recht gut. In den späten 80er Jahren war sie bei ECON „meine“ Autorin. Sie kann sehr scharf analysieren und ebenso formulieren. Deshalb hat Alfred Herrhausen sie Ende der 80er Jahre als Kommunikationsberaterin zur Deutschen Bank geholt.

Hero Kind, der damalige Geschäftsführer des ECON Verlages, ermunterte sie, nun auch zu Wirtschaftsthemen zu schreiben. Anfänglich zögerte Gertrud Höhler, sich auf das neue Terrain zu bewegen. Denn bis dahin war der politisch-kulturelle Diskurs ihr Feld gewesen. Doch schließlich ging sie das Wagnis ein, wir legten los. Ich wurde ihr neuer Lektor.

Höhler Wirtschaftsbücher entwickelten sich zum grandiosen Erfolg. Vorher und wohl auch nachher hat keine Frau in Deutschland so tiefgründig und analysestark über die Beziehungsmechanismen im Management geschrieben wie sie. Und niemand, so möchte man anfügen, hat so viele Bücher zum Thema verkauft wie sie.

Autorin und Lektor gelang es über etliche Jahre prächtig, verlegerisches Ping Pong zu spielen. Der eine schlug den Ball, der andere retournierte ihn, dann wieder hin und zurück. Manchmal musste man das Spiel beschleunigen, bisweilen die Spiellust auch bremsen. Doch der Ball, meine ich, blieb meist lange im Spiel.

Und das, obwohl wir so unterschiedlich waren. Sie, eine veritable Professorin der Literatur und der Kunstgeschichte. Ich, ein leidlich akademisierter Bursch mit Hang zum Rheinischen. Sie mit geschliffenen Worten innerhalb von Sekunden, ich musste stets einen Augenblick überlegen.

Einige schöne Buchtitel haben wir damals gemeinsam in die Welt gesetzt. Spielregeln für Sieger. Gertrud Höhler besitzt nicht nur ein feines Gespür für die Melodie eines Satzes, sondern auch für das, was man “Verkaufe” nennt.

Man hat dem Menschen Gertrud Höhler bisweilen übel mitgespielt. Mal wurde versucht, sie politisch in die rechte Ecke zu rücken, dann wurde sie als Frau von Studenten in ekelhafter Art und Weise diffamiert. Oder christdemokratische Zirkel rümpften die bigotte Nase, als die alleinerziehende Mutter Familienministerin werden sollte.

Das alles war falsches Spiel gewisser Kreise von links bis rechts, die ein tradiertes Feindbild brauchten. In Wahrheit ist Gertrud Höhler eine aufgeklärte Liberale, ein offener Mensch und jemand, der zuhört. Der Umgang mit ihr ist sicherlich herausfordernd, aber sie achtet Meinungen. Ja, sie braucht diesen Austausch, um ihre Argumentation fortspinnen zu können.

Eigentlich hätte sie im Kabinett Kohl sitzen müssen und nicht solch intellektuelle Leichtmatrosen wie Wilms oder Ortleb. Aber die politische Ochsentour, das politische Proporzdenken oder zu reden, ohne etwas zu sagen – das war und ist nicht ihr Leben.

Gertrud Höhler ist eine Autorin, wie sagt man so schön, mit spitzer Feder. Und wir haben nicht allzu viele Federn hierzulande. Der Diskurs in Deutschland jedenfalls wäre ärmer ohne sie.

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  1. apple

    So treffend Frau Professor Höhler in vielen ihrer Bücher die Situation der deutschen Gesellschaft beschrieb, nicht nur die „spitze Feder“ ist ihr Werkzeug, auch mit „spitzer Zunge“ hat Gertrud Höhler in zahlreichen Talk-Shows argumentiert. Das Besondere an spitzen Geräten ist, dass sie – in diesem Fall Feder und Zunge – punktgenaue Treffer landen. So auch in diesem Titel, mit dem Frau Höhler wieder einmal einen Volltreffer landete.

    „Die Kandidatin hat hundert Punkte“, hätte der legendäre Lou van Burg in den 1960er-Jahren in seiner Show „Der goldene Schuss“ ausgerufen. Kann er nicht mehr, er ist 1986 verstorben. Also sage ich es: „Frau Prof. Höhler, Sie haben – wieder einmal – 100 Punkte!“

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