Lebensgefühl 2013: Krise. Abstieg. Panik.
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Grünewald1Der Mann ist diplomierter Psychologe, Psychotherapeut obendrein.Und er hat Deutschland auf die Couch gelegt. Was bei dieser Therapiesitzung herauskam, ist nicht gerade schmeichelhaft für unser Land, aber überaus erhellend.

Der Referent hält uns den Spiegel vor: Die Deutschen stehen ständig unter Dampf. Im Beruf wird immer mehr Leistung abverlangt, der Druck wird immer größer, auch der Alltag ist mit neuen Anforderungen überfrachtet. Überall und zu jeder Zeit perfekt zu funktionieren gehört zum Bild des modernen Menschen.

Doch so viel und so schnell man auch strampelt, irgendwie geht es nicht vorwärts. Das deutsche Wirtschaftswunder scheint kraftlos und schlapp. Unsicherheit und das Gefühl von innerer Leere machen sich breit. Stepham Grünewald sieht unsere Gesellschaft als erschöpft, der Lebenssinn zeige sich brüchig und leer.

Insbesondere bei der Jugend sei diese Labilität zu beobachten. Stabile Beziehungen war gestern. Alleinerziehung, Patchwork-Familien, zu wenig Fürsorge. Doch auch bei den Erwachsenen mache sich ein Gefühl des Alleingelassen breit.

Das Bild des havarierten Vergnügungsschiffes Costa Concordia stehe sinnbildlich für die heutige Zeit. Der Dampfer unseres Wohlstandes schlage leck und kippe einfach um. Und, oha, der Kapitän gehe als einer der ersten von Bord. Gerade die Männer seien in der Gefahr, angesichts der Herausforderung, zu desertieren. Francesco Schettino, Horst Köhler, Christian Wulff, Joseph Ratzinger – die Liste ließe sich im Alltag leicht verlängern.

Den Frauen geht es auch nicht besser. Sie hat der Perfektionsdrang im Zangengriff: Perfekt als Mutter, erfolgreich im Beruf, eine attraktive Ehefrau zudem, dann noch Selbstverwirklichung. Mann und Frau von heute befinden sich im Hamsterrad, die Erschöpfung paare sich in der Wirtschaftskrise zudem mit Abstiegsangst.

Die Brüchigkeit des Erfolges münde in einer Lebens-Panik. Vielleicht führe sie aber auch zum Überdenken des eigenen Tuns. Zum Umdenken. Wofür wollen wir eigentlich leben?

Nach seinem Referat spinne ich mit Stephan Grünewald einen Gedanken weiter. Die ganze Hirnrissigkeit der Euro-Krise lässt sich wohl auch therapeutisch veranschaulichen. Das Erschöpfungssyndrom, dieser Perfektions-Stress, ist im calvinistischen Norden stärker ausgeprägt als im katholischen Süden. Hamburg ist stärker gefährdet als Köln oder München, Deutschland ist mehr erschöpft als Spanien. Und in der Euro-Krise sollen nun die Erschöpften die Nicht-Erschöpften retten. Willkommen im Tollhaus!

Doch Stephan Grünewald, der Gründer des Kölner rheingold Instituts, zeigt auch Wege aus der Sinnkrise. Wie man Goldmarie und nicht Pechmarie wird, ein paar einfache, aber wirksame Techniken gegen Erschöpfung und innere Unruhe. Aber diese Kniffe sollten Sie in Grünewalds erstklassigem Buch nachlesen.