STOCKPRESS.de

Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Coco loco in Acapulco

Coco loco in Acapulco
4(80%) 9 votes
München, im Juli 2013 Photo by J. Stock

München, im Juli 2013
Photo by J. Stock

In diesen Tagen kommt, wie die Werbung verheißt, Acapulco zu uns. Noch besser wäre allerdings, wenn wir zu Acapulco kämen. So ist es bei mir geschehen, in den frühen 80ern habe ich lange Zeit dort am mexikanischen Pazifik gelebt. Es ist wirklich schlimm in Acapulco, denn man wird dort schnell ein anderer Mensch.

Going loco down in Acapulco, so sollten die Four Tops singen, man wird verrückt in Acapulco, wird in der Hitze des Tages ganz narrisch und in der Schwüle der Nacht erst recht. Man zweifelt an seinen Sinnen oder, vielleicht umgekehrt, man kommt erst hier so richtig zu Sinnen. Your search for paradise will come to an end, when you realize what a fool you’ve been.

Meine erste Busfahrt von Mexico City nach Acapulco dauert sieben Stunden. Die müden Busse der Flecha Roja scheppern über die Hügel und rollen die Ausläufer der südlichen Sierra Madre hinab, die meisten Insassen stumm und starr in die Sitze gekauert. Doch mit jedem Kilometer, um den sich die Menschen dem Meer nähern, scheinen sich ihre Gesichter aufzuhellen, gewinnen ihre Mienen ein Stück Leichtigkeit zurück, und all der Schwermut dieses Stadtmonsters Mexico City rinnt den Körper hinab, wie bitterer Schweiß in einem finnischen Saunabad. Keine Frage, die Macht sitzt in Mexico City, das Geld wohnt in Cuernavaca. Müßiggang aber hockt in Acapulcos Cafe Caballero und nippt an einem Coco Loco.

Am Pazifik herrscht ewiger Sommer. Frühling und Herbst sind unbekannte Phänomene. Winter ohnehin. Um die 16 Kilometer lange, sichelförmige Bucht sind die bombastischen Luxushotels von Hyatt bis Hilton aufgestellt, riesige Hochhäuser, die wie ein fein reguliertes Gebiss in den blauen Himmel ragen. Entlang der Costera fallen vor allen von November bis Februar die Gringos aller Nationen ein, froh einmal Anzug, Krawatte und den blasierten Alltag hinter sich zu lassen, um hier am Pazifik in Shorts zu schlüpfen, sich ein einfaches T-Shirt überzuziehen und den feinkörnigen, weißen Sand des Strandes an den nackten Füßen zu spüren.

Am nördlichen Ende der Bucht beginnt das Acapulco der Mexikaner, mit dem pittoresken Fischerhafen, den günstigen Hotels und der hübschen, stilistisch durchmischten kleinen Kathedrale Nuestra Señora de la Soledad. In der Gegend um den Zócalo herrscht wie jeden Tag ein reges Treiben. Die Männer im Café neben dem Kirchenhaus stoßen lauthals mit ihren Coronas an, derweil die Frauen unter den Palmbäumen erörtern, welcher salon de belleza denn nun der wirklich beste der Stadt sei. Im Denny’s verdrücken die jungen Burschen der Stadt noch eine Hamburguesa, während sie mit ihren Freundinnen einen erwartungsvollen Blick in die Zeitungsseite mit dem Kinoprogramm werfen.

Die Acapulqueños gehören zu einem Menschenschlag, der von Sonne und Meer verwöhnt, das Leben in all seiner Unbeschwertheit und all seinem Wohlbehagen auszuleben versteht. Dazu gehören Extrovertiertheit ebenso wie eine spürbare Sinnenfreude. Als Gast muss man nur den Mut aufbringen, sich in dieses Acapulco fallen zu lassen. Und wenn man dies tut und dort länger lebt, dann sollte man verdammt aufpassen, denn schnell wird man hier übermütig und draufgängerisch.

Hinter der Quebrada auf der Felsklippe über dem Hotel El Mirador miete ich einen kleinen Bungalow, auf einer Anhöhe und nur einen Steinwurf vom Pazifik entfernt. Abends, auf dem Weg zu meiner neuen Bleibe, komme ich an dem Schauspiel vorbei, welches die Quebrada in der ganzen Welt berühmt gemacht hat. Vier, fünf Jugendliche klettern eine steile Felswand empor, bekreuzigen sich oben angekommen vor einem kleinen Marienaltar, steigen auf den kleinen Felsvorsprung, warten konzentriert auf günstigen Wind und eine richtige Welle, um sich dann, die Arme weit ausgebreitet, mit einem halsbrecherischen Kopfsprung 35 Meter tief in den gerade mal fünf Meter schmalen, tosenden Spalt des Pazifiks zu stürzen.

Dieses übermütige Ritual vor staunendem Publikum wiederholt sich einige Male, mal springen die Halbwüchsigen alleine, dann zu dritt und zum Abschluss mit brennenden Fackeln in der Hand. Diese Felsspringer passen in ihrer Unbekümmertheit und ihrer Kühnheit wunderbar zu Acapulco. In den 50er Jahren ursprünglich eine leidlich gelittene Jugendtollheit hat ein Mann die Felsspringer, die Clavadistas, zum Markenzeichen der Stadt und zu einem gewinnbringenden Spektakel für den davor stehenden, in den Fels gebauten La Perla Nightclub gemacht. Diese Person war der schweizer Swingmusiker Teddy Stauffer. Doch dies ist eine andere Geschichte.

Vorheriger Beitrag

Sean Penn in Barcelona

Nächster Beitrag

Medienbeben in Hamburg und Berlin

  1. apple

    Ich glaube, es wird nicht deutlich, wer wirklich Komponist/Autor des Titels Loco on Acapulco ist. Zwar stimmt es, dass dieser Titel auch von den legendären „Four Tops“ (Hervorragend) interpretiert wurde, allerdings stammt er eigentlich von Phil Collins. Wie dem auch sei, wenn der Titel schon solche Stimmung verbreitet, wie ist es wirklich in Acapulco? Ihr Artikel macht richtig Lust, Acapulco zu besuchen (wird mir wohl leider verwehrt bleiben).
    Nur mal zum Vergleich: http://www.youtube.com/watch?v=weGiFoK4JeI
    und von Collins: http://www.youtube.com/watch?v=VJO8pxNgdgU .

Schreibe einen Kommentar

Für Kommentare bitte ausrechnen: *

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén