Medienbeben in Hamburg und Berlin
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Kolumbus zeigt in die neue Welt
Photo by W. Stock

Die Nachricht schlug in der Zeitschriften-Branche ein wie eine Bombe. Auch ich brauchte erst mal einen Schnaps. Ein Medienbeben.

Der Axel Springer Verlag verkauft – mit Ausnahme der BILD– und Welt-Gruppe – so gut wie alle Print-Objekte an die Funke Verlagsgruppe. Dabei wandern Traditionstitel wie  Hörzu, Hamburger Abendblatt, Berliner Morgenpost, Funkuhr und einige mehr von Hamburg und Berlin an die Verlagsgruppe aus Essen. Damit verbleibt beim Axel Springer Verlag verdammt wenig Axel.

Dieser Deal wird die Verlagslandschaft in Deutschland verändern. Faktisch, aber vor allem mental. Was steckt hinter diesem Verkauf? Welche Schlüsse lassen sich aus dieser Verschiebung ziehen? In welche Richtung liegt die neue Welt? Hier meine ganz persönliche Einschätzung:

1. Ein Gläubiger wird Atheist.
Der Axel Springer Verlag gehörte zur den Rührigen im Web. Man hat eine Menge im Internet versucht. BILDplus, die Paywall bei der Welt, der iKiosk – das waren alles gute Initiativen. Es flossen wohl Erlöse. Doch wahrscheinlich nicht in einer Größenordnung, die Verlust aus Print zu kompensieren oder den Riesenapparat Verlag in Hamburg oder Berlin perspektivisch zu finanzieren.

2. Die Digitalisierung wird konsequent umgesetzt.
Der Springer Verlag bleibt ein Medienhaus, in Zukunft jedoch ein digitales. Die Ware ist nicht mehr Nachricht und Meinung. Vielmehr setzt Springer auf Dating, E-Commerce und Rubriken-Portale. Tutto digitalo. Die Entscheidung ist strategisch nicht mutig zu nennen, sondern konsequent. Es ist ein Tabula Rasa, das Medienhaus erfindet sich neu.

3. Axels Reste-Rampe.
Der kolportierte Verkaufspreis von 920 Millionen scheint mir niedrig. Alles muss raus: Bild der Frau, TV Digital, die Springer-Prntobjekte in Frankreich wurden ebenfalls verkauft. Die Profitabilität dieser Zeitschriften ist gut bis obergut. Die Funke-Mediengruppe wird durch Fokussierung, Synergien und das Verteilen von Sparbrötchen die Profitabilität der übernommenen Titel kräftig steigern.

4. Rechenschieber statt Verleger.
Die Journalisten-Verbände und Gewerkschaften schlagen Alarm. Sie sehen – zu Recht – Arbeitsplätze, tarifliche Standards und Standorte in Gefahr. Doch der Aufschrei klingt hilflos. Was wäre die Alternative? Bei der gewerkschaftsnahen Frankfurter Rundschau vorgeführt. Der Tod auf Raten. Für die Redakteure ist der Deal ein schlechtes Zeichen, sie sind durch diesen Verkauf auf den Boden der Realität angekommen. Denn sie wandern von einem Verleger mit Tradition und Vision hin zu einem Verlagshaus, das streng nach kommerziellen und betriebswirtschaftlichen Kennziffern ausgerichtet ist.
Die Essener – vormals WAZ-Gruppe – werden den Journalismus für die ex Springer-Blätter neu definieren. Mit dem Rotstift. Und wenn man ehrlich ist, es bleibt auch gar keine andere Wahl.

5. Funke wird zum Big Player.
Insbesondere im Handel. Dabei werden die beiden großen Wettbewerber im Grosso die beiden Verlagsgruppen Funke und Bauer sein. Auch die Produkte am deutschen Kiosk verschieben sich dann in Richtung Masse – es kommt zu einer Italienisierung am Regal. Schnell und billig.

6. Von Axel Springer zur Springer Medien AG.
Axel Springer würde seine Medienimperium nicht mehr wiedererkennen. Von seinen alten Flaggschiffen ist zwar noch BILD und Welt dabei, aber die Hörzu, das Abendblatt und die Morgenpost sind weg. Die Gründer-Tradition geht perdu, aber von Tradition kann ich keine Suppe kaufen. Der Buchklub spielt bei Bertelsmann keine Rolle mehr, Newsweek ist eingestellt, die Welt dreht sich. Und das ist gut so. Das Fernsehprogramm ist nicht mehr schwarz-weiß und am Samstagabend kommt kein Kulenkampff mehr.

7. Der Axel Springer Verlag glaubt nicht mehr an Print.
Dieser Verkauf ist auch das Eingeständnis, dass einer der größten Verlage Europas nicht an die digitale Transformation des Journalismus glaubt. Es glaubt nicht daran, dass man vom alten Journalismus (Print) einen Bogen schlagen kann zum neuen Journalismus (Digital). Ja, vielleicht gibt es sogar keinen digitalen Journalismus. Das heißt, es gibt schon digitalen Journalismus, aber bei Springer sieht man nicht, dass um diesen digitalen Journalismus ein vernünftiges Geschäftsmodell gebaut werden kann.

8. Mit Journalismus ist im Internet kein Geld zu verdienen. Das ist die radikalste Botschaft, die von dem Springer-Deal ausgeht. Im Internet kann man viel Geld verdienen. Mit Partnerschaftsbörsen, mit Urlaubsreisen, mit Hundefutter – aber nicht mit Journalismus. Das hat keiner auf der Welt vorgemacht, und Springer traut es sich auch nicht zu. Das ist, in Wirklichkeit, die schlimme Nachricht in diesem Medienbeben.