Das alte Europa – quo vadis?
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WinfriedBöttcher Europa

Winfried Böttcher (Hrsg.), Klassiker des europäischen Denkens

WinfriedBöttcherEruropa Wohin steuert unser Europa? Gerade heute muss diese Frage mit Nachdruck gestellt werden, wo doch der globalisierte Wettbewerb an alten europäischen Erfolgen kratzt und das europäische Haus in eine Beletage und das Souterrain auseinander zu fallen droht.

Aber im Grunde genommen muss der Erkenntnisprozess noch ein, zwei Schritte früher ansetzen. Wo liegen die Wurzeln dieses Europa? Gibt es eigentlich so etwas wie eine Mission Europas? Und: Was hält Europa zusammen? Ein neues Buch nähert sich diesen Fragen aus kulturgeschichtlichem Blickwinkel. In einer Vielzahl von Aufsätzen machen sich Historiker, Philosophen und Sozialwissenschaftler an die Aufgabe, die DNA, den inneren Kern der europäischen Idee zu entschlüsseln.

Winfried Böttcher lässt mit seinen Ko-Autoren die Ideen und Visionen von 100 Denkern aus 14 europäischen Ländern aufleben, Gedanken, die von Pierre Dubois aus dem 13. Jahrhundert über Immanuel Kant bis zu Alcide De Gasperi und Václav Havel reichen. Jeder dieser Vordenker wird in Klassiker des europäischen Denkens kurz biographisch vorgestellt, ebenso wie seine Überlegungen zu Europas Kultur- und Friedensgeschichte.

Und vielleicht ist dieser Blick in die Vergangenheit vonnöten, um den heutigen Anspruch der alten Welt aufzufrischen und den Wertekompass für die Zukunft zu polieren. Und wie lässt sich das Ideal kurz zusammen fassen, das diese Denker für Europa entwerfen? Nun, im Kern handelt es sich um die Werte der europäischen Aufklärung: Freiheit, Toleranz und Friedfertigkeit. Freiheit und Frieden, so lautet der Zweiklang, der seit über 700 Jahren diesen doch so oft geschundenen Kontinent antreiben sollte. Aufklärung und humanistische Ideale sollten den festen Maßstab in Europa bilden, um an die Stelle von Krieg und Gewalt im Idealfall den Diskurs und die Diplomatie treten zu lassen.

Warum hat in Zeiten von Wikipedia und Informationsflut ein solches Mammutwerk wie dieses aus dem Nomos Verlag seine Berechtigung? Nun, weil die fragmentierten Info-Happen der neuen Medien den Blick für Gemeinsamkeiten und den Systemkern nicht gerade schärfen. Winfried Böttchers „europäische Denker“ hingegen vermag gerade durch Bündelung und Fokussierung jenen roten Faden aufzuzeigen, der in der kleinteiligen Politik unserer Tage meist verloren zu gehen droht.

Der Duktus der Beiträge in diesem Buch kommt sehr unterschiedlich daher. Er reicht vom Essay über den eher journalistischen Ansatz bis hin zum streng wissenschaftlichen Aufsatz. Trotz aller Unterschiede lässt sich auf jeder Buchseite der Eifer für die Idee „Europa“ erspüren, jedoch ebenso überzeugt der klare Blick der Autoren für die Unzulänglichkeit der Gegenwart. Durchaus kritisch wird der „fehlende Wille der EU, eine wirkliche EU zu gründen“ festgehalten. Die Staaten scheinen schwerfällig, fast gelähmt in Zeiten der Globalisierung und des Turbo-Wettbewerbs.

Zur Krisenbewältigung skizziert der Aachener Politikwissenschaftler Böttcher in einem Schlusswort ein kühnes Modell. Der Nationalstaat habe seine Funktion historisch erfüllt, die Zukunft liege in einem Europa jenseits der Nationalstaaten. Solch ein wahres Europa benötige allerdings eine politische und kulturelle Neubesinnung der klassischen Idee.

Anregungen zu dieser Weiterbesinnung Europas mag man aus diesem fast 800 Seiten-Werk in Hülle und Fülle erhalten. Dieser sorgsam editierte Band überzeugt nicht nur als bemerkenswerte Fleißarbeit. Neben seinen wissenschaftlichen Meriten bezieht er seinen praktischen Wert auch als ein Weckruf an die erstarrte Europapolitik. Am liebsten würde man das dicke Buch dem einen oder anderen europäischen Dünnbrettbohrer um die Ohren hauen.

„Das Europa der Zukunft wird föderal, regional und humanistisch sein“, schreibt der Herausgeber dann logischerweise als Resümee, „oder es wird gar nicht sein.“ Man kann dem nicht widersprechen, wobei man allerdings noch rasch hinzufügen möchte, dass Europa auch wirtschaftlich erfolgreich sein sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Winfried Böttcher (Hrsg.): Klassiker des europäischen Denkens, 781 Seiten, Nomos Verlag, Baden Baden 2014, 98,,00 Euro, ISBN 978-3-8329-7651-4