STOCKPRESS.de

Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Kategorie: Schreiben (Seite 2 von 6)

Avi Perrys elektronische Jungfrauen

Neulich auf dem Lufthansa-Flug von München nach New York sitzt neben mir zufällig der amerikanische Schriftsteller Avi Perry. Wir kommen schnell ins Gespräch.

Avi Perry kann auch ein buntes Leben zurückblicken. In Israel geboren, wandert er später in die USA aus, wo er für die Technologie-Firmen Bell und Lucent arbeitet. Er geht als Professor an der Northwestern University nach Chicago, wo er lehrt und forscht. Der Perry Algorithmus, ein Software-gestütztes Optimierungsprogramm, geht auf ihn zurück.

Das Thema seines Lebens jedoch bleibt Israel. In Kolumnen, Zeitungsartikeln und Radiokommentaren tritt er als wortstarker und meinungsmutiger Botschafter seiner Sache auf. Die Gefährdung seines Volkes schmerzt ihn, der arabisch-israelische Konflikt treibt ihn um.

Neben seiner politischen Arbeit schreibt er Bücher. Wissenschaftliche Werke, aber auch

weiterlesen

Almost Free Paid Content

Wenn man sich die Medienlandschaft in den USA einmal betriebswirtschaftlich anschaut, dann kriegt man schnell Pickel. Man fasst sich an den Kopf, man wundert sich über dieses Tollhaus!

In den Vereinigten Staaten wird zwar leidenschaftlich über Paid Content für Online-Angebote diskutiert, aber den Content für Print-Produkte gibt man für’n Appel und ein Ei an seine treuen Leser.

Eine gute Zeitschrift in den USA kostet heutzutage im Abonnement 10 Dollar, das sind knapp 8 Euro. Wohlgemerkt, dies ist nicht der Preis für ein einzelnes Heft, sondern der Preis für ein ganzes Jahr. 12 Hefte für 8 Euro. Inklusiv Versandkosten.

So verlangt SmartMoney (vom Wall Street Journal), das eigentlich FewMoney heißen müsste, 10 Dollar für 12 Ausgaben. Das kultige Jugend- und Kulturmagazin Rolling Stone stellt bescheidene 39,96 Dollar für 78 Ausgaben in Rechnung.

Esquire – in dem Heft für den gehobenen Stand hat schon Maestro Hemingway geschrieben – gibt es zum heran nahenden Osterfest noch günstiger. Die glanzvolle Kultur- und Lifestyle-Postille kostet lediglich

weiterlesen

Die Tagebücher der Eitelkeit und Gier

Packende Lektüre am Wochenende: Selling Hitler von Robert Harris. In diesem Buch zeichnet der englische Thriller-Autor überaus spannend die Historie der Hitler-Tagebücher nach.

Robert Harris, dessen politischen Thriller Ghost ich genossen habe, kann schreiben wie kein zweiter: kluger Aufbau, verschiedene Spannungsebenen, richtiges Timing, Präzision im jedem einzelnen Satz. Die schreiberische Qualität ist hoch, das ganze Werk ist genau recherchiert, man wird vom Thema gefesselt.

Die Nerven des Lesers werden routiniert gekitzelt, so dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Aber die Geschichte um den Reporter Gerd Heidemann und den Fälscher Konrad Kujau macht es Robert Harris auch nicht gerade schwer.

Auf über 380 Seiten schreibt Harris wie ein solcher Skandal entstehen konnte und wie der Kauf der vermeintlichen Tagebücher schließlich so aus dem Ruder laufen konnte. Wie es denn sein konnte, dass ein gewitzter Reporter wie Gerd Heidemann sich so in diese dubiose Sache hineinziehen ließ, wieso die Journalisten und Manager bei Gruner + Jahr, dem Verlagshaus des stern, auf solch eine Räuberpistole haben hereinfallen können.

Aber nicht nur sie. Als man

weiterlesen

Der Politthriller, in dem ich mitspiele

Die Mauer steht am Rhein, das inzwischen sowohl als Hardcover als auch als Taschenbuch erschien, ist ein nettes Buch. Oder genauer: Zumindest die Grundidee des Buches – Untertitel Deutschland nach dem Sieg des Sozialismus – besitzt Charme. Hier wird nämlich die Geschichte von DDR und BRD als spiegelverkehrtes Gedankenspiel nach vollzogen.

Nicht der kapitalistische Westen hat Ende der 80er Jahre den Kampf der Systeme gewonnen, nein, umgekehrt. Die kommunistische DDR hat obsiegt, die alte kapitalistische Bundesrepublik siecht dahin, Erich Honecker wird der neue Chef vom wiedervereinigten Deutschland und der Alltag findet unter kommunistischen Vorzeichen statt.

Ein paar Aufrichtige wandern aus in die Schweiz, nach Zürich, wo eine Exil-Regierung gebildet wird. Diejenigen, die da bleiben, passen sich an, wenden sich schneller, als ein Trabi seine Runden zieht. Also, nette Idee, und zudem eine gute Gelegenheit, dem einen oder anderen eine Kopfnuß zu verpassen, zum Beispiel als Opportunist von Erichs Gnaden.

Autor dieses Politthrillers ist der

weiterlesen

Anglizismen sind cool!

gefunden auf der Buchmesse, Frankfurt am Main im Oktober 2010; Photo by W. Stock

Anglizismus. Kein Wort bringt einen Deutschtümler so schnell auf die Palme wie dieses. Sprachpuristen und Kulturpessimisten klagen in den Talkshows und den Zeitungen ihr Leid: Die deutsche Sprache verkomme, sie falle unter die Räuber, das Deutsch werde verunstaltet, unsere Sprache werde von vielen Seiten mürbe gemacht.

Hässliche Anglizismen mogeln sich in unser Deutsch, dieser respektlose Jugendspeak obendrein, dazu simple Comic-Sprache, die SMS-Codes und weiß er Teufel noch was. All dies verhunze unsere saubere deutsche Sprache.

Vom Standpunkt eines Schiller/Goethe-Deutsch mag das bisweilen so aussehen. Aber wer redet schon so, wie Thomas Mann geschrieben hat? Und: Ist das Deutsch eines Heinrich Böll auch das Deutsch unseres Alltags von heute?

Tatsache bleibt, dass sich die deutsche Sprache mehr und mehr differenziert. Dies ist nicht weiter schlimm, denn solches ist ein Zeichen für Kraft und Lebendigkeit. Nur wer tot ist, verändert sich nicht.

Denn eine Sprache entfaltet und verändert sich im Alltagsgebrauch. Dazu kommt die sprachliche Globalisierung. Durch sie öffnet sich die deutsche Sprache anderen Sprachen. Welche Anglizismen sich dann

weiterlesen

Dietrich Oppenberg sichert die Presseversorgung

Dietrich Oppenberg (re.), Düsseldorf im Mai 1991; Photo by Hasso von Bülow

Die Unabhängigkeit des Journalismus ist ein hohes Gut. Und wenn man es mit der Unabhängigkeit des Journalismus ernst nimmt, dann setzt dies in vielen Fällen auch materielle Unabhängigkeit voraus. Ich habe in meiner Zeit in Lateinamerika einfach zu viele Artikel der Firma Lob & Hudl gelesen, zu viele gekaufte Journalisten und zu viele Zeitungen gesehen, die am Tropf des Staates hingen.

Der Journalismus sollte raus aus der Hungerlohn-Ecke, aus dem kargen Künstlerdasein, er sollte sich zu einem mündigen Berufsbild mit Qualität und Selbstwertgefühl wandeln. Das mag die Vision von Dietrich Oppenberg gewesen sein, die ihn antrieb, das Versorgungswerk der Presse ein halbes Jahrhundert zu seiner Lebensaufgabe zu machen.

Die Presseversorgung, die in Deutschland die private Altersvorsorge für Medienleute bündelt, war für den überzeugten Sozialdemokraten eine Institution, in der sich Verleger und Gewerkschaften in beiderseitigem Interesse treffen sollten.

Denn Journalisten und Verleger lag daran,

weiterlesen

Der meistgedruckte Name aller Zeiten: Paul Julius Reuter

Photo by W. Stock

Rein zufällig schielt der bärtige Pionier auf das kleine rote Telefonhäuschen. So sind sie, die Engländer, wenn schon Huldigung, dann bitte mit solch feiner Ironie.

Denn als Alexander Graham Bell 1876 das Telefon erfand, da kam sein Geschäftsmodell etwas ins Straucheln. Und trotzdem gibt es die Firma dieses Mannes aus weißem Granit noch heute. Es ist ein Weltunternehmen, von tadellosem Ruf und mit hoher Innovationskraft.

Und ihr Gründer, ein Deutscher aus dem Hessischen, steht nun hier, in Stein gemeißelt, Mitten im Herzen Londons, nahe der Bank of England. Auf dem idyllischen Platz am Hinterausgang des Royal Exchange Building, haben die Londoner dem Paul Julius Reuter ein drei Meter hohes Denkmal aus weißem Granitstein errichtet.

Paul Julius Reuter – steht da auf Englisch geschrieben – geboren 1816 in Kassel, Germany, gestorben 1899 in Nizza, Frankreich, gründete die Weltnachrichtenagentur, die seinen Namen trägt, in dem No. 1 Royal Exchange Building in der City of London, neben diesem Platz am 14. Oktober 1851.

Reuters einziger Gehilfe beim Start blieb damals ein 12-jähriger Laufbursche namen John Griffith. Eineinhalb Jahrzehnte später war Griffith der erste Geschäftsführer der nun weltweit erfolgreichen Telegraphengesellschaft.

Reuter erkannte, dass es

weiterlesen

Kompliment an Feedfabrik

Ich liebe die neuen Technologien. Was heutzutage nicht alles möglich ist! Man schreibt Blogs, wo man früher vielleicht eher Bücher schrieb.

Und wenn man will, dann kann man aus Blogs nun auch Bücher machen. Hier meine Probe auf’s Exempel. Der Autor dieses Blogs wandelt bei dem Hamburger Dienstleister Feedfabrik seine bisherigen Posts in ein veritables Buch um.

Feedfabrik ist ein Start-up, das sich auf die Wandlung digitaler Inhalte in analoge Medien spezialisiert hat. Sei’s drum: Aus einem Blog werde ein richtiges Buch.

Das Ergebnis: Aus über 220 Post wird ein dickes Buch von 400 Seiten. Die Qualität? Selbst der Profi hat nichts zu meckern. Druckqualität, Papier, Bindung – alles fein bis oberfein. Der Preis? Etwas über 40 Euro für Losgröße 1. Die Umsetzung: exzellent. Der Service: vorbildlich.

Also hier das Buch: Wolfgang Stock – Notizen von unterwegs. Nur ein

weiterlesen

Leo Brawand, der Löwe im Schrank

Brawand

Leo Brawand, Manager sind auch nur Menschen

Es ist das einflussreichste Magazin in Deutschland nach dem Krieg. Das Sturmgeschütz der Demokratie. Die Skandalaufdecker vom Dienst. Jene Wochenzeitschrift mit dem roten Rahmen aus Hamburg. Der Spiegel. Als Gründer kennt man Rudolf Augstein, er war der Mann vor, hinter und über dem Magazin.

Doch neben Augstein und Johannes K. Engel gab es noch einen anderen Mann, der den Spiegel prägte. Leo Brawand. Ein Mann der ersten Stunde.

Ich lernte Leo Brawand 1993 kennen, als er bei ECON ein amüsantes Management-Brevier verlegte. Manager sind auch nur Menschen, ein köstliches Buch über die Eitelkeiten und Marotten der hiesigen Wirtschaftselite. Den hübschen Titel haben Leo Brawand und ich gemeinsam ausbaldowert.

Dies ist ein Buch mit vielen Anekdoten aus der weiten Welt des Managements, mal lustig, mal listig, auf jeder Seite mit einem hintersinnigen Humor und hohem Unterhaltungswert ausgestattet. Als ehemaliger

weiterlesen

Tamás Kürthys wilde Tochter

Neulich stolpere ich über ein Buch, besser gesagt, über die Autorin eines Buches. Schwerelos. Ein Taschenbuch aus dem Rowohlt-Verlag, das sich an die bessere Hälfte dieser Welt richtet, an eine weibliche Leserschaft. Das muss ich als Mann wohl nicht unbedingt lesen. Die Autorin jedoch lässt mich aufhorchen. Ildikó von Kürthy.

Kürthy. Da war doch mal was. Ildikós Vater Tamás Kürthy lehrte als Professor an der RWTH Aachen. Er war einer der Prüfer meines Rigorosums. Tamás Kürthy, der Pädagogik-Professor in Aachen, galt als ein seriöser, ernsthafter Mann, hinter dessen gestrenger Fassade jedoch eine tiefe Menschlichkeit zu Tage trat.

Professor Kürthy, der einem alten Adelsgeschlecht aus Ungarn entstammte, war blind. Er kam jeden Tag mit seinem Schäferhund ins Kármán-Auditorium, in diesen neuen, nach dem deutschen Raumfahrt-Pionier

weiterlesen

Läuft mit WordPress & Theme erstellt von Anders Norén