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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Kategorie: Mexiko (Seite 2 von 3)

Ein Deutscher schreibt Mexiko

In Mexiko stosse ich auf einen deutschen Schriftsteller. Als ich in den Buchladen bei mir um die Ecke gehe, fällt dieser Schriftsteller direkt ins Auge. B. Traven. Auch wenn in der Buchhandlung nicht allzu viele Bücher vorhanden sind, so ist doch dieser B. Traven sichtbar, und das mit gleich mehreren Werken.

Ich habe mir dann El Tesoro de Sierra Madre gekauft und nachdem ich diesen Der Schatz der Sierra Madre gelesen habe, ahne ich, warum die Verehrung für diesen deutschen Autor in Mexiko so gewaltig ist.

Traven pflegt einen klaren, unprätentiösen Stil, ganz ohne Schnörkel. Inhaltlich stellt sich Traven in seinen Werken auf die Seite des einfachen Menschen und er hegt eine fast mystische Verehrung für die Ureinwohner Mexikos und ihre Nachfahren. Travens Helden sind stets die Unterlegenen, die Benachteiligten, sie sind Ausgestoßene und Außenseiter eines brutalen, ausbeuterischen Systems.

Dobbs hatte nichts. Man darf ruhig sagen, er hatte weniger als nichts, weil er nicht einmal ganze und vollständige Kleidung hatte, die unter beschränkten Verhältnissen als ein bescheidenes Anfangskapital angesehen werden darf.

Dieser Fred C. Dobbs aus Der Schatz der Sierra Madre, einem spannenden Roman, den B. Traven 1927 schrieb, ist so

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Mexiko – Land des Widerspruchs

Schneefall in den TropenAuszug aus Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Mexiko City, hier sagt man Mexico D.F., erscheint als Stadt der Superlative und der Widersprüche zugleich: Glitzernde Wolkenkratzer neben verwinkelten Stadthäusern mit pflanzenverwöhnten andalusischen Patios. Bankangestellte in ihren gut geschnittenen, blauen Business-Anzügen, die ihren café cortado in der Zona Rosa einnehmen und die Obdachlosen, die sich vor den Geschäften an der Alameda mit ein paar Pappkartons gegen die Kälte ein Lager für die kommende Nacht einrichten.

Der Paseo de la Reforma, sechsspurig in jede Richtung und über 15 Kilometer lang. Die Avenida de los Insurgentes ist mehr als doppelt so lang. Und irgendwo mittendrin steht Christoph Columbus auf seinem Bronzesockel und atmet als Dank der Nation dicke Schwaden Auspuffgase ein.

Bei genauerem Hinsehen lassen sich in dieser Megastadt vielerlei kulturelle Nischen finden, die sich

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Acapulco und der Geist

Acapulco 1982; Photo by W. Stock

Nicht nur den Jet Set und die Hollywood-Schönlinge zieht es nach Acapulco, nein, diese Stadt besitzt auch eine magische Anziehung auf Intellektuelle. Das mag auf den ersten Blick verwundern, will man einem solch mondänen Urlaubsort doch eine gewisse Oberflächlichkeit nachsagen.

Jedoch ist die Liste der Schriftsteller und Autoren, die in Acapulco weilten, beeindruckend. Da ist zum Beispiel Malcolm Lowry, der schreiben konnte, so wie ein Schmied den Hammer schwingt. Über Mexiko schrieb der britischer Autor 1947 den Roman Unter dem Vulkan, ein wortgewaltiges, ziemlich verzweifeltes Trinkerepos. Der Vulkan ist der Popocatépetl, und Lowry Sätze kommen daher wie Mexiko selbst, wild, ungestüm, am Abgrund, und doch von eigentümlicher Leidenschaftlichkeit.

Ein Roman, der übrigens von John Huston – 1984 mit Albert Finney – in Mexiko verfilmt wurde. Malcolm Lowry selbst kam

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Teddy Stauffer mag die Frauen

Nun, man kennt das ja, ein wenig Fama mag bei einem Playboy schon dabei sein. Als ich Teddy Stauffer 1982 in Acapulco besuche, erblicke ich kein Starlet, das mir den Cocktail reicht, sehe ich keine Frau, die sich auf dem breiten Bett seines Schlafzimmers räkelt. Nein, im Herbst seiner Tage ist ihm nur der mexikanische Diener geblieben, der dem schon etwas gebrechlichen Playboy über den Tag hilft.

Aber, keine Frage, Frauen dominierten Teddys Leben. Wahrscheinlich haben wir es bei Teddy mit einem Mann zu tun, der einfach nicht erwachsen werden will. Mit einem Träumer, einem Traumtänzer mitunter. Jedenfalls mit einem von der Sorte Mensch, der die sonnigen Seiten des Lebens zu genießen weiß.

Am 28. April 1941 trifft Teddy Stauffer auf der Exeter via Lisabon in New York ein. Im Schlepptau seine Freundin Louise Munn. Dann geht es auch gleich los. Im Juli 1941 eine Affäre mit der Schauspielerin Lilian Harvey. Da ist er, Teddy, der Teflon-Lover. Hier lässt einer nichts anbrennen. Und immer auf Hochtemperatur.

Teddy muss sicherlich als Playboy bezeichnet werden, aber als einer in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Ein Weltenbummler, sprachgewandt, extrovertiert, einer der gut feiern kann, jemand, der das Feminine liebt und sich selbst wohl auch. Einer, der die Liebe spielerisch nimmt und an die Leichtigkeit des Momentes glaubt. Mach keine halben Sachen, meint er, und wahrscheinlich sind nicht nur die Frauen gemeint.

Im Januar 1946 Heirat mit Faith Domergue, und in den Klatschspalten sollte stehen, Faith sei die frühere Geliebte des mysteriösen Tycoons Howard Hughes. Das war so etwas wie die Silbermedaille.

Gold holt Teddy dann im Juni 1947. Eine Liebschaft mit Rita Hayworth. Das ist der Gipfel! Rita, die femme fatale jener Jahre, gilt in den späten 40ern als begehrenswerteste Frau der Welt. Hollywood verleiht dieser Schauspielerin den Beinamen The Love Goddess, die Göttin der Liebe, als Pin-up-Girl hängt sie im Spind von tausenden amerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

Bei den Dreharbeiten zu dem Film Lady from Shanghai in Acapulco hat Teddy Stauffer jene Rita ihrem damaligen Gatten, dem genialen Orson Welles, kurzerhand ausgespannt. Dann fliegen die beiden Turteltäubchen in die Schweizer Berge und anschließend in die Stadt der Liebe, nach Paris, und die Weltpresse druckt fleißig die Fotos des Seitensprungs. Der gehörnte Orson Welles bleibt tobend zurück und wünschte Teddy Tod und Teufel an den Hals.

Doch auch die schöne Rita bleibt eine Episode. Im Oktober 1947 die Scheidung von Faith Domergue, die ein paar Stunden später den Regisseur Hugo Fregonese heiraten sollte. So ist das damals in diesen Kreisen, man sieht die Liebe eher sportlich.

Im Juni 1951 dann Heirat mit Hedy Lamarr. Hedy Lamarr, die zweite seiner fünf Ehefrauen, heißt in Wirklichkeit Hedwig Kiesler und hat es als Schauspielerin aus Österreich in Hollywood zu passablem Erfolg gebracht. Ihre Filme sind heute fast alle vergessen, aber sie bleibt in Erinnerung als die erste Leinwand-Diva, die sich – man zählt das Jahr 1933 – in einem Film, jenem mit dem verheißungsvollen Titel Extase, ganz und gar nackig zeigte. Teddys Ehe mit dem Nackedei hält ganze neun Monate.

Anfang der 50er sieht man Teddy dann öfter mit Gene Tierney in Acapulco. Im März 1955 heiratet er Ann Nekel Brown. Auch diese Ehe hält neun Monate. Ein Playboy zählt nicht die Jahre, sondern die Stunden. Die Hamburgerin Pan Am-Stewardess Ute Weller heiratet Teddy dann im Mai 1957, die Scheidung nach einem guten Jahr. Im Dezember 1958 eine Liebelei mit Schauspielerin Margaret Binns, einen Monat später dann mit Pat Gaston.

Im Jahr 1959 nochmals eine Heirat, diesmal mit Patricia Morgan, einem Modell. Am 19. April 1962 wird Tochter Melinda Morgan Stauffer in Los Angeles geboren. Die Ehe ist 1963 kaputt, Patricia stirbt 1988 in Kalifornien, 55 Jahre alt.

Worin liegt das Geheimnis dieses Mannes bei den Frauen? Teddy Stauffer ist hochgewachsen, schlank, blond, ein Typ, auf den die Frauen fliegen. Und Teddy himself ist ein ein Mann, der weiß, wo bei den Frauen der Knopf zum Anknipsen ist. Aber das ist noch mehr. Aca natürlich, der mexikanische Garten Eden eines Lebemannes, die Sonne, reichlich Hitze, Berge von Blumen, die Drinks natürlich. Aber der größte Schlüssel zum Herzen der Frauen, das weiß der Swingmusiker, ist die Musik. Wenn Teddy die Geige spielt, dann schmelzen die Frauenherzen nur so dahin. Denn Teddy lässt beim Tête-à-Tête immer seine Geige erklingen und er spielt, als spiele er nur für sie. Nur für diese eine Frau, und nur für diesen Abend. Wer würde da nicht schwach werden?

Aber nun, mit Mitte 70, zeigt sich Teddy als Playboy, den auch Zweifel und die Melancholie plagen. Wissen Sie, sagt er zu mir in Acapulco, ich war dumm. Fünfmal verheiratet, eine Tochter. Ich hätte es umgekehrt machen sollen, meint Teddy traurig, einmal verheiratet und fünf Töchter.

siehe auch: Teddy Stauffer: Der Swingkönig im Paradies

Die Clavadistas von Acapulco

In Acapulco gelingt es mir, hinter der Quebrada, oberhalb des schon reichlich angejahrten Hotels El Mirador, einen kleinen Bungalow zu mieten. Ich wohne nun direkt über dem Meer, auf der Felsklippe, und des nachts höre ich das sanfte Rauschen der Brandung. Das ockerfarbene Dach meines Bungalow bildet eine erfrischende Beimischung zum Azurblau des Pazifik und auch zum saftigen Grün der Palmen. Habe ich schon einmal schöner gewohnt?

Abends, auf dem Weg vom Zócalo zu meiner neuen Bleibe, komme ich an dem Schauspiel vorbei, welches die Quebrada und damit auch Acapulco in der ganzen Welt berühmt gemacht hat.

Vier, fünf Jugendliche klettern eine steile Felswand empor, bekreuzigen sich oben angekommen vor einem kleinen Marienaltar, steigen auf einen Felsvorsprung, warten auf günstigen Wind und die richtige Welle, um sich dann, die Arme weit ausgebreitet, mit einem tollkühnen Kopfsprung 35 Meter tief in den gerade mal fünf Meter schmalen, tosenden Spalt des Pazifiks zu stürzen. Und das mit über hundert Stundenkilometern.

Ist das Supermann, fragt ein kleiner Junge seine Mutter, die beide neben mir stehen. Nein, antwortet die Frau, das sind die Clavadistas von Acapulco. Die Felsspringer von Acapulco. Dieses Ritual vor staunendem Publikum wiederholt sich einige Male am Abend, mal springen die Halbwüchsigen alleine, dann zu dritt und zum Abschluss mit brennenden Fackeln in der Hand.

Angefangen hat das Ganze in den 50er Jahren, zunächst als übermütige Tollheit einiger Jugendlicher aus den Slums. Zwei Männern verdankt das Felsspringen seinen späteren weltweiten Glanz. Da ist zum einen der Veteran der Clavadistas, Raúl García Bravo, das  Idol aller jungen Springer. Über 37.000 Mal ist er in die Tiefe gehechtet, beim letzten Sprung war er schon Mitte 60. Und dann muss man Teddy Stauffer nennen, den hierhin emigrierten Schweizer Swingmusiker und Mister Acapulco, der das touristische Potential des Spektakels erkannte und der die Clavadistas als Manager des in den Fels gebauten La Perla Nightclubs zum Markenzeichen dieser Stadt machte.

Ich habe vor dreißig Jahren die Felsspringer zum ersten Mal bestaunt, als das Gelände noch nicht abgeriegelt war und man sich noch keine Eintrittskarte ziehen musste. Bei meinen späteren Besuchen war das Schauspiel dann schon, leider, leider, als kalte Touristenfalle angelegt. Vollgestellt mit Bussen, die Menschen von den Kreuzfahrtschiffen oder sonstwoher herankarrten, alles straff durchorganisiert, auf Effekt gepolt, ganz ohne Herzblut.

Das scheint die Logik der Zeit, so wie die Schönheit mit den Jahren ihre Unschuld verliert. Darauf nun wirklich einen Johnnie Walker.

Die mexikanische Krankheit

Dies ist ein Auszug aus dem Buch von Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Wie viele seiner Landsleute hat der US-amerikanische Regisseur John Huston Mexiko zu seinem Altersruhesitz erwählt. Der gute alte Gringo John ist kein Hollywood-Mann, sondern eher ein europäisch infizierter Intellektueller, der ein paar der besten Filme aller Zeiten gedreht hat. Seit er als junger Kerl für kurze Zeit bei der mexikanischen Kavallerie war, liebt er dieses Land wahrscheinlich mehr als sein eigenes.

Vom mexikanischen Fernsehen wird John unter der Sonne Puerto Vallartas in diesem Jahr 1982 dann zu allerlei Sachverhalten befragt: Wie er den neugewählten Staatspräsidenten einschätze, was von der Handelsunion zu halten sei und ob der mexikanische Film, dessen Komödien eines Cantinflas oder die Melodramen einer María Félix einst die Kinosäle füllten, sich wieder aufrappele? Und der hagere, bärtige alte Mann antwortet dann in höflichem Spanisch und mit seiner tiefen gutturalen Stimme, ja, den neuen Präsidenten halte er für einen Ehrenmann, und Mexiko werde durch die Handelsunion einen Vorteil wahrnehmen und, flunkert er, die neuen Filme in Mexiko seien doch im Grunde ganz annehmbar.

John fühlt sich wohl in diesem Land. Die Gastfreundschaft der Mexikaner sucht ihresgleichen. Der mysteriöse B. Traven, Anna Seghers, Jacobo Arbenz und Egonek fanden in dem Land Zuflucht. Die Liste der Schriftsteller und Künstler, die in Mexiko Unterschlupf fanden, ließe sich seitenlang fortsetzen. Die schöne italienische Avantgarde-Fotografin Tina Modotti und der deutsche Autor Gustav Regler. Der spanische Filmregisseur Luis Buñuel, der in seiner neuen Heimat Mexiko düstere Filme wie Los Olvidados drehte, die mit einem bis dahin auf Leinwand  nicht gesehenem sozialen Elend erschreckten.

Der deutsch-französische Schriftsteller Max Aub kam 1942 nach Mexiko, direkt aus dem berüchtigten französischen Arbeitslager Le Vernet d’Ariège y Djelfa im Norden der algerischen Sahara. Der Dichterkönig Pablo Neruda aus Chile fand Exil in Mexiko. Der Meister aller Klassen, Gabriel García Márquez, hat in Coyoacán sein Haus, weil er sich lange Jahre nicht nach Kolumbien traute. Der Autor Malcolm Lowry, der in Cuernavaca sein wildes Trinkerepos Unter dem Vulkan schrieb. Oder der US-Amerikaner Jack Kerouac, die Ikone der Beatnik-Generation. Er rotze in Mexiko seine besten Geschichten über das Leben und die Liebe auf Papier. Wenn man sich die Biografien von Verfolgten und Vertriebenen anschaut, die Chance, dass als Fluchtpunkt das Land Mexiko auftaucht, ist so unwahrscheinlich nicht.

Seit der unabhängigen und patriotischen Politik des Präsidenten Lázaro Cárdenas in den 30er Jahren stellen die mexikanischen Visa-Ämter weniger strenge Fragen als die Einwanderungsbehörden anderer Nationen. Mexiko ist ein zugeneigtes Land für Intellektuelle. Als in Spanien die republikanische Armeen den blutrünstigen Franquisten unterlagen, da hat Mexiko nach 1939 Hunderte von Schriftstellern und Philosophen, Pädagogen und Malern, Musikern und Architekten, Wissenschaftlern und Filmemachern aufgenommen. Der Dichter Luis Cernuda oder der Philosoph José Gaos brachten moderne Ideen nach Mexiko, die das Land gerne annahm. Aber da war mehr. Der Großmut der Mexikaner saß tief; als einziges Land Lateinamerikas hat es nie die Diktatur des tumben Francisco Franco anerkannt.

Mit einem kräftigen abrazo, einer herzlichen Umarmung, hat man sie empfangen, die Menschen, die gerade einen Bürgerkrieg, ihr Hab und Gut und auch ihr Vaterland verloren hatten. Selbst wer nur sein nacktes Leben retten konnte und ohne Papiere ankam, der brauchte nur zwei mexikanische Bürgen beizubringen – und schon durfte er da bleiben. Die Intellektuellen wurden integriert und machten ihren Weg, an den Hochschulen, in der Kunst und der Wirtschaft.

Mexiko ist in dieser Hinsicht ein freundliches Land für Geist und Hirn. Das Land nimmt Verfolgte und Flüchtlinge – die Bekannten und Berühmten, aber auch Tausende Namenlose – mit breiten, offenen Armen auf. Diese von Kopf und Herz bestimmte Einwanderungspolitik und die allgegenwärtige Gastfreundschaft der Menschen lassen dem Land in den Augen der Verfolgten paradiesische Züge angedeihen. Leute, die in Mexiko waren, schrieb Sergej Eisenstein, haben die mexikanische Krankheit. Mit Hartnäckigkeit verfolgt einen der Gedanken, dass Eden durchaus nicht irgendwo zwischen Euphrat und Tigris gelegen hat, sondern irgendwo hier zwischen dem Golf von Mexiko und Tehuantepec.

Luis Spota entlarvt B. Traven

Acapulco 1982; Photo by W. Stock

Der enigmatische Schriftsteller B. Traven war untergetaucht, und zwar im sonnigen Acapulco. Im Juli 1948 entdeckt der damals 25-jährige mexikanische Reporter Luis Spota den scheuen und geheimnisumwitterten Autor B. Traven in der Hafenstadt am Pazifik.

Spota ist ein junger investigativer Reporter aus der Hauptstadt Mexico City. Finde heraus, wer Traven ist, hatte ihm sein Chefredakteur als Auftrag mit auf den Weg gegeben.

Spota hat nach Beendigung der Dreharbeiten zu Der Schatz der Sierra Madre die Spur von Hal Croves, angeblich Travens Sekretär, verfolgt. Diese Spur von Croves führt nach Acapulco an den Pazifik, wo Croves unter dem Namen Berick Torsvan als Inhaber eines kleinen Restaurants lebt.

Den entscheidenden Tipp und die Adresse bekommt Spota von der Banco de México zugesteckt. Als ein Briefträger in Acapulco ihm obendrein verrät, dass ein geheimnisvoller Señor Berick Torsvan Honorarzahlungen des Literaturagenten Josef Wieder aus Zürich erhält, die an einen gewissen B. Traven adressiert sind, da verfliegt bei Luis Spota der letzte Zweifel: Berick Torsvan ist B. Traven. Spota hat den unsichtbaren deutschen Autor entdeckt, als erster.

In Acapulco legt sich Spota auf die Lauer, als Torsvan alias Traven seinen täglichen Gang zum Postamt in der Nähe der Uferpromenade unternimmt. Luis Spota sieht einen gutgekleideten Mann in einer weißen Flanellhose, einem hellblauen Hemd und mit einer dunklen Sonnenbrille, der kurz mit einigen Einheimischen plaudert.

Der mitgebrachte Fotograf drückt auf den Auslöser und schießt seine Schnappschüsse von dem Mann. Es werden die ersten öffentlichen Fotos sein, auf denen der merkwürdige B. Traven abgebildet ist. Nunmehr erhält Mexiko und die Welt ein Bild dieses Autors. Als Traven den jungen Spota und seinen Fotografen bemerkt, wird er sichtlich nervös, dann ungehalten und schließlich ergreift er die Flucht.

Spota besucht Traven alias Torsvan alias Croves in seinem Restaurant und konfrontiert ihn mit seiner Recherche. Zuerst redet der kleine Mann, den sie hier el gringo nennen, drumherum bis er schließlich seine Identität preisgibt. In Tampico störte es mich, dass sie mich nur den Schweden nannten, deshalb nannte ich mich Traven. Ein Verleger in München hat dann das B. davor gesetzt.

Luis Spota schreibt für das Magazin Mañana eine mehrseitige Reportage, die am 7. August 1948 veröffentlicht wird. Mañana descubre la identidad de B. Traven! Mañana enthüllt die Identität von B. Traven!, heißt die reißerische Überschrift des Artikels. Berick Torsvan ist Hal Croves ist B. Traven.

Blätter in aller Welt drucken den Scoop Spotas nach. Das größte Nachrichtenmagazin der Welt, das Time Magazin, berichtet in seiner Ausgabe vom 16. August 1948 von Spotas Entdeckung unter der Überschrift The Secret of El Gringo.

Doch trotz Spotas Beweisen streitet der kauzige Gastwirt Berick Torsvan später wieder ab, der Autor B. Traven zu sein. Torsvan taucht nun bei seinem Freund Gabriel Figueroa unter, womit Traven dann ein weiteres Mal für geraume Zeit von der Bildfläche verschwunden ist.

Teddy Stauffer kann das braune Pack nicht ausstehen

Einige Zeit haben die Nazis die Swing-Musiker in Ruhe gelassen. Eine trügerische Ruhe. Denn die Braunhemden haben die synkopierte Musik als entartete Kunst gehasst und bekämpft.

Doch Teddy Stauffer war Schweizer und bei ihm hätte man diplomatische Verwicklungen riskiert. Zudem wollten die Nazis vor den Olympischen Spiele 1936 der Welt ein freundliches und sauberes Idyll vorgaukeln.

Teddy Stauffer und seine Original Teddies, damals Deutschlands bekannteste Swing-Band, befinden sich im Berlin der 30er Jahre auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Doch nach 1936 nimmt die Pression zu. Die Nazis verachten die Musik aus Amerika, seit 1935 darf Jazz nicht mehr im deutschen Rundfunk gespielt werden und nun werden auch öffentliche Auftritte schwieriger.

Der 73-Jährige führt mich auf die Veranda seiner Turmvilla in Acapulco, so als müsste er nach frischer Luft schnappen. Im November 1982 bin ich zu Besuch bei Teddy Stauffer in Mexiko, seiner neuen Heimat, und der berühmte Orchesterchef erzählt aus seinem bewegten Leben.

Wir spielten 1938 in Leipzig, im Felsenkeller, wo auf der Bühne und vor der Tanzfläche große Plakate hingen: Swing tanzen und Swingmusik verboten – Reichskulturkammer. Zwischen zwei Musikstücken kam plötzlich die Gestapo auf die Bühne und stoppte das Konzert. Der Gestapoleiter sagte ganz formell: ‚Man hat reklamiert, dass Sie Swingmusik spielen.‘ Da meinte ich: ‚Ja, was ist denn das, Swingmusik?‘ Er konnte es natürlich nicht erklären.

Über das Gesicht des betagten Mannes huscht ein verschmitztes und zufriedenes Lächeln, während seine Augen zu dem blauen, sanften Meer vor Acapulco schweifen. Dann verdunkelt sich seine Miene und er versucht im nächsten Satz den melodiösen Klang seines Schweizerspanischs mit dem ruppigen Tonfall des Nazideutschs zu überspielen.

‘Spielen Sie keine deutschen Schlager?‘, fragte der Gestapomann hart. Da habe ich zu meinen Musikern gesagt, Nummer 43, das war Bei mir bist Du schön. Das hört sich schön deutsch an, ist aber ein hundertprozentig jüdisches Lied. Das haben wir dann gespielt, aber die Gestapo sagte, dies sei immer noch amerikanische Negermusik. Daraufhin spielten wir den Bugle Call Rag, aber im Marschrhythmus. In seinem Klarinettensolo hat Ernst Höllerhagen dann über das Horst-Wessel-Lied, die inoffizielle Nazi-Hymne, improvisiert. Das war so der Anfang von meinem Ende in Deutschland.

Der Völkische Beobachter, die Tageszeitung der Nazis, und ein Musikfachblatt griffen Stauffer und die Band dann an und schrieben: Raus mit diesen Ausländern und der Judenmusik. Das Ende der Schweizer Swing-Band in Deutschland war dann abzusehen. Die Teddies spielten auf der Schweizer Landesausstellung, als der Geisteskranke aus der Berliner Reichskanzlei 1939 den Überfall auf Polen befahl.

Der Krieg, vor dem so viele gewarnt haben, ist da. Es wird ein Krieg, an dessen Ende halb Europa in Schutt und Asche liegen wird und Millionen von Müttern, Vätern und Kindern in Konzentrationslagern um ihr Leben gebracht sein werden.

Doch Deutschland befindet sich im Kriegstaumel. Es herrscht Mobilmachung, die deutschen Musiker der Teddies werden eingezogen. Das Orchester zerbricht. Nein, nein, Widerstandskämpfer sei er nicht gewesen, meint Teddy Stauffer, das sei zu viel der Ehre. Er habe einfach dieses braune Pack mit seiner bornierten und freudlosen Auffassung vom Leben nicht ausstehen können.

Und 1941 packt Teddy Stauffer dann seinen Koffer, fährt mit einem Dampfer über den Atlantik nach New York und wird viele Monate später hier in Acapulco stranden. Es wird für Teddy der Eintritt ins Paradies.

B. Traven versteckt sich in Acapulco

Ein sonniges Plätzchen für schattige Winkelzüge. In Acapulco hält sich B. Traven ab 1930 versteckt, wo er ein kleines Landhaus mit einen großen Obstgarten außerhalb des Zentrums bewohnt. El Parque Cachú an der Avenida Costa Grande 901 ist ein mit vielen Bäumen und Gestrüpp bewuchertes Landhaus an der Strasse nach Pie de La Cuesta.

Die heute heruntergekommene Obstplantage liegt an einer vielbefahrenen Ausfallstrasse Acapulcos, weit weg von den imposanten Hotels und der azurblauen Bucht. Eine Holzgittertüre, vom Staub der Strasse und der schwülen Tropenhitze angefressen, verdeckt den Blick auf das einfache Ziegelhaus.

Es ist, wie in diesen Breiten üblich, ein bescheidenes eingeschossiges Bauwerk mit einem flachen Dach und einfachen Klappfenstern. Das Haus wurde ohne jeden Schnörkel symmetrisch auf einer kleinen Anhöhe gebaut, zu der die Dutzend Steinstufen einer kleinen Treppe führen. Um das Gebäude herum gruppiert sind Mangobäume und vor allem zahlreiche Nussbäume, die der Huerta den Namen geben.

Der Autor von El Tesoro de la Sierra Madre – Der Schatz der Sierra Madre – lebt im Parque Cachú mit einer jungen indianischen Frau zusammen, Maria de la Luz Martínez, die Besitzerin der Obstplantage ist. Maria und ihre Schwester Elva betreiben im Parque ein kleines Gartenrestaurant, das den Geschwistern und ihrem Mitbewohner Traven, insbesondere in den Kriegsjahren, als aus Europa nur geringe Tantiemezahlungen fließen, den Lebensunterhalt garantiert.

In Acapulco erhält Traven auch seinen ersten mexikanischen Personalausweis. Gastwirt trägt Traven in manchen Lebenslauf als Berufsbezeichnung ein, und in diesen Jahren sollte dies ausnahmsweise dann annähernd den Tatsache entsprechen.

Traven arbeitet viel im Obstgarten, ansonsten schreibt er in seiner oficina an seinen Romanen. Wie ein Einsiedler ohne jeden tieferen Kontakt lebt der kauzige Mann in diesem sonnigen, verfallen wirkenden Gartenhaus in Acapulco und die Nachbarn nennen den drahtigen, kleinen grauen Mann El Gringo.

Acapulco ist damals noch lange nicht der mondäne Badeort späterer Jahre, keine Jetset-Destination, sondern ein armes, verlassenes Fischernest am Pazifik mit gerade mal 8.000 Einwohnern. Und im heiteren Acapulco kann man sich höchst angenehm verstecken.

Der geheimnisumwitterte Schriftsteller lebt in Acapulco unter dem Namen Berick Traven Torsvan, was einerseits seine Identität ausreichend camoufliert, ihn anderseits noch in die Lage versetzt, Honorare für einen B. Traven anzunehmen. Postfach 49, Acapulco, Guerrero, México – das bleibt seine einzige Verbindung zur Welt nach draußen.

Auch während der Zeit des Zweiten Weltkriegs bleibt er in dem idyllischen Pazifikstädtchen untergetaucht. Dies besitzt den charmanten Nebeneffekt, dass er den nun zahlreichen deutschen Emigranten, die es nach Mexiko City verschlägt, nicht über den Wege laufen muss. Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter, beispielsweise macht sich auf die Suche nach seinem schreibenden Kollegen, von dem er weiß, dass er der frühere Münchner Revolutionär Ret Marut sein muss.

Ein Flüchtiger auf der Flucht vor Flüchtlingen, merkt der Traven-Biograf Karl Guthke spitz an. Aber B. Traven versteckt sich unbeirrbar viele, viele Jahre in seiner Huerta und in diesen beiden Jahrzehnten hier in Acapulco schreibt der deutsche Autor ein halbes Dutzend detailreicher Romane über tapfere Campesinos, darbende Indios und feiste Hacendados. Also, über Mexiko.

Puerto Marqués – Acapulcos kleine Schwester

Photo by C. Stock

Puerto Marqués, im April 1992

La Bahia de Puerto Marqués, zwanzig Minuten südlich von Acapulco gelegen, ist nicht so hektisch und auch nicht so laut wie Acapulco. Hier zeigt sich der Strand auch nicht mit Hotels oder Hochhäusern zubetoniert, vielmehr genießt der Besucher, umgeben von einfachen Holzhütten, die freie Sicht auf die blaue Bucht.

Die Wirte der kleinen Restaurants bieten auf offenem Grill frische mariscos an, Meeresgetier, und ein kühles Corona-Bier. Besonders das Ceviche mundet, ein marinierter Fischsalat, der mit Limonensaft abgeschmeckt wird.

In Puerto Marqués, nicht durch hohe Palmen oder Bauten geschützt, brennt die Sonne stärker und intensiver als in der Stadt. Das Thermometer steigt schnell auf 40 Grad im Schatten, aber viel Schatten findet sich hier nicht.

Die Hitze des Tages droht einen förmlich umzuwerfen. Man schlafft ab, der Schweiß tritt aus und es scheint so, als ob das alte Leben wie in einem Saunarium den Körper hinunter gerinnt.

Diese Schwüle löst darüber hinaus einen erotisierenden Reflex aus mit einer spürbaren Allgewalt auf alle Körperlichkeit. Man wird schnell übermütig und draufgängerisch unter Mexikos Sonne.

Hier erwacht auch das Verlangen, den eigenen Körper zu spüren. Plötzlich zeigen Amerikaner, Europäer und andere Bleichgesichter jene elementare Lust, in Shorts zu schlüpfen, sich ein einfaches T-Shirt überzuziehen und den feinkörnigen, weißen Sand des Strandes an den nackten Füßen zu spüren. Es sind jene, die man in früheren Tagen beachcomber nannte, Menschen, die froh sind endlich ohne Schlips und Kragen ins richtige Leben springen zu dürfen.

Schlagartig erblickt so mancher im Geist Getrübter, der eigentlich nur der Kälte und der Beengtheit seiner Heimat weglaufen wollte, hier in Puerto Marqués diesen unglaublich blauen und erhabenen Himmel. Spätestens jetzt siegt die Bereitschaft, sich dem Leichtsinn dieses Fleckchens am Pazifik hinzugeben.

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