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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Schlagwort: Bücher

Michael Staehler – ein Netzwerker für die Buchbranche

Michael Staehler (li.)

Michael Staehler (links) und Hero Kind (rechts) auf der Frankfurter Buchmesse 1991

Es ist immer schlimm, wenn ein Mensch stirbt. Am schlimmsten ist es, wenn ein Vorbild stirbt. Ein solches Vorbild war für viele Michael Staehler. Der Betriebswirt vom Jahrgang 1948 hat Jahrzehnte erfolgreich in zahlreichen Verlagshäusern gearbeitet. Bei DuMont Schauberg in Köln, bei Bertelsmann in Gütersloh, dann beim Ärzteverlag wiederum in Köln.

Unsere Wege haben sich Ende der 1980er Jahre gekreuzt. Als Peter Schaper zu Droemer nach München ging, wurde Michael Staehler bei der ECON Verlagsgruppe in Düsseldorf dessen Nachfolger. Als Marketing-Geschäftsführer sorgte er dafür, dass die Bücher von ECON, Claassen oder Marion von Schröder als Event zelebriert wurden. Der damalige Erfolg des ECON-Programms war, ohne die Meriten von Verleger Hero Kind zu schmälern, ganz besonders auch Michael Staehler zu verdanken. Lee Iacocca, Lois Fisher-Ruge, Peter Lauster, Gabriele Krone-Schmalz oder Peter Ustinov – allesamt großartige Autoren mit prächtigen Büchern, viele übersprangen die magische 100.000 Verkaufsmarke locker.

Michael Staehler war ein

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Der große Ernest Hemingway hat sich leer geschrieben

Photo by W. Stock

Im Morgengrauen des 2. Juli 1961, es ist ein Sonntag, beginnt der Tag in Ketchum still und hell. Leise schleicht sich Ernest Hemingway aus seinem Schlafzimmer, Mary schläft noch fest.

Hemingway geht hinunter in den Keller und holt aus dem Waffenschrank sein Lieblingsgewehr, geht wieder hoch in die Diele, nimmt die doppelläufige, in Silber eingelegte Jagdwaffe, lädt sie, setzt beide wuchtige Läufe der Schrotflinte an seine Stirn und drückt ab.

Es ist halb acht. Der Schuss zerreißt die Stille des Morgens im ganzen Tal.

Genau genommen war Ernest Hemingway schon vor dem 2. Juli ein toter Mann. Denn Hemingway besaß nicht mehr die Kraft, gegen sein Erlöschen anzukämpfen. Er konnte nicht mehr, er war am Ende angelangt. Als Kerl, als Ehemann und vor allem als Autor.

Er hatte alles geschrieben, was zu schreiben war: über den

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Karl Marx blickt herab auf die Welt

London, im Sommer 1976

Wo liegt Karl Marx, frage ich den Friedhofswärter, der gerade am Eingang mit einem Rechen Laub fegt. Go ahead, deutet er gelangweilt nach Osten in die Ecke nahe dem Waldstück.

Man muss schon eine gute Stunde aus dem Zentrum herausfahren, um zum Highgate Cemetery zu gelangen. Hier im Norden der englischen Hauptstadt liegt der Trierer Karl Marx und findet – wie man so sagt – seine letzte Ruhe.

Das Grabmal besteht aus einer überdimensionalen dunklen Büste, die auf einem hohen und hellen Granitblock steht. Auf dem Grabblock liest man die Inschrift Workers of all lands, unite. Darunter auf einer Marmorplatte seinen Namen, den seiner Frau Jenny von Westphalen und seiner Kinder. Und dann in güldnen Versalien: The Philosophers have only interpreted the world in various ways, the point however is to change it.

Solches aus dem Spruchbeutel des Philosophen hat einen Jugendlichen damals natürlich mächtig impressioniert. An der schwarzen Mosel bin ich zur Schule gegangen und unser streng katholisches Gymnasium war nach dem anderen großen Denken von der Mosel benannt. Nicolaus von Cusanus.

Ich war damals natürlich

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War Ernest Hemingway der Mörder?

Eine Leiche wird gefunden. Eine vierzig Jahre alte Leiche. Umgebracht irgendwann um 1958 bis 1960. Auf Finca Vigía, dem Anwesen Ernest Hemingways auf Kuba. War etwa Hemingway selbst der Mörder?

Das ist der Plot von Adiós Hemingway, zu deutsch erschienen im Schweizer Unionsverlag. Ein Krimi aus der Feder des kubanischen Erzählers Leonardo Padura.

Na, ein üblicher Kriminalroman zunächst, denn die Aufklärung der Causa zeigt sich frei von Überraschungen, aber nicht unspannend. Mehr als ein Kriminalfall jedenfalls beschreibt Adiós Hemingway das Psychogramm des alternden Schriftstellers. Und so schildert Padura einen Hemingway, den die Krätze juckt, die Blase plagt und dem das Hirn entffleucht.

Padura fängt diese Atmosphäre des persönlichen Niedergangs des Siegertypen eindrucksvoll ein. Fast im Duktus des Meisters himself. Sinngemäß: Früher, da hatte er einen Sack voller Ideen und Stories. Früher. Aber heute, da musste er feststellen: Dieser Sack war leer.

Stattdessen gibt es einen Sack mit

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Cojímar schenkt Ernest Hemingway ein Jahr, mindestens

Photo by W. Stock

Der Taxifahrer fährt uns die fünfzehn Kilometer aus Havanna heraus, Richtung Osten, wo das Fischerdorf Cojímar liegt. Ein saphirblauer Himmel, das türkishelle Meer und das strahlende Grün der Palmen heißen uns willkommen. Es ist tropisch schwül hier an der karibischen See, und na ja, die Menschen halten ziemlich lange Siesta.

Vor der menschenleeren Hafenpromenade fällt ein sechspfähliges Rondell aus hellem Stein mit einer lebensgroßen Büste ins Auge. Hier sonnt sich Ernest Hemingway.

Auf Betreiben des Schriftstellers Fernando Campoamor und mit Hilfe der Fischerkooperative von Cojímar wurde diese Büste, ein Werk des Bildhauers Boada, 1962 aufgestellt, lautet die Inschrift unter dem glänzenden Bronzestein. Ernest Hemingway, steht da, 1898 – 1961.

Hoppla, 1898, da lassen Cojímars Fischer ihren Don Ernesto allerdings ein Jahr zu früh auf die Welt kommen als in Wirklichkeit. Ein Jahr mehr. Es hätte ihn gefreut.

Des Dichters Blick zur unendlichen See ist durch die Meersalzerosion leicht getrübt. In der Nachbarschaft zum Rondell findet sich ein winziger Park. Ernest-Hemingway-Park, weist eine liebevoll angebrachte Widmung aus. Dem unsterblichen Autor von „Der alte Mann und das Meer“, eingeweiht am 21. Juli 1962, seinem 63. Geburtstag. In dankbarem Andenken. Die Bevölkerung von Cojímar.

An jener berühmtesten Erzählung Hemingways, dieser einfachen und ehrlichen Liebeserklärung an den Fischer und das Meer, ist nun wirklich alles kubanisch. Merkwürdigerweise nur ihr Autor nicht.

Doch für die Fischer von Cojímar ist der bärtige Gringo mit den khakifarbenen Bermudas und den verschwitzten Guayabera-Hemden längst einer der ihren. Und Hemingway hat all die Zuneigung, die er hier erfuhr, zurück gegeben. Er liebt dieses Dorf, die breite Strasse, die zum Meer führt, den kleinen Fischerhafen, die einfachen Leute. Hier ist er weit weg vom Dünkel und dem Hochmut der Intellektuellen, weit weg vom Verdruss und Selbstzweifel der Kollegen, hier in Cojímar herrscht die Bescheidenheit des Alltags, hier ist er weit weg von New York und Paris, die ihm irgendwie fremd geworden sind.

Viele Sequenzen des Spielfilms mit Spencer Tracy sind in Cojímar gedreht worden, erklärt ein alter Mann mit breitkrempigem Sombrero. Fünfundzwanzig Pesos haben sie damals als Komparsen bekommen, eine Menge Geld. Dafür habe Don Ernesto gesorgt. Die grandiosen Angelszenen wurden allerdings im peruanischen Cabo Blanco gedreht. Der Velador-Fisch, wie ihn Hollywood verlangte, ist vor Kubas Küste nicht anzutreffen.

Der ehemalige Statist führt uns zur Playa de Cachón, wo die pittoresken Boote der Marlin-Fischer im feinkörnigen Sand vor sich hindösen. Don Ernesto liebte dieses bescheidene und verschlafene Fischerdorf. Was ihn an Kuba so anzog, zählte er 1949 in der Holiday-Reportage The Great Blue River auf: Die kühle Meeresbrise an schwülen Tagen, die Hahnenkämpfe, die Mauereidechsen in seiner Laube, die achtzehn Mangofruchtarten im Garten, der Sportklub von San Francisco de Paula, wo er stundenlang auf Punchingbälle eindrosch, und natürlich das Angeln.

Und einen besseren Ort zum Fischen als die Küste vor Cojímar, so Ernest Hemingway, habe er auf der ganzen Welt nicht gefunden. Dieses kleine Dorf war seine große Liebe.

Norbert Bolz, der elitäre Aufklärer

Photo by Hasso von Bülow

München, im September 1992

Große und klare Denker besitzt dieses Land ja nicht viele. Und insbesondere mangelt es an Philosophen, die sich nicht dem herrschenden Mainstream unterordnen, sondern die unkonventionell und auch politisch unkorrekt zu analysieren vermögen. Solche gibt es ganz wenige.

Einer, vielleicht der beste, ist Norbert Bolz. Im Herbst 1992 lernte ich ihn kennen, als er im Münchner Künstlerhaus einen rasanten Vortrag hielt und ich diese Veranstaltung moderieren durfte. Der studierte Philosoph, Germanist und Religionswissenschaftler Bolz überzeugt mit breitem Wissen und einer beeindruckenden Tiefenschärfe.

Den gebürtigen Ludwigshafener nur als ein Kommunikationstheoretiker abzutun, greift zu kurz. Eigentlich ist er ein Kulturphilosoph, der verwandte Disziplinen wie die Volkswirtschaftslehre oder die Soziologie in seine Überlegungen einfließen lässt.

Norbert Bolz, ein jugendlich und asketisch wirkender Mann des Jahrgangs 1953, arbeitet als Hochschullehrer, zuerst in Essen, jetzt an der TU Berlin. Der Vater von vier Kindern ist ein extrem fleißiger und produktiver Geistesarbeiter. Und er tritt als Kulturkritiker mit deutlicher Aussprache auf. Nicht wie andere seiner Spezies, die larmoyant ihre eigene Befindlichkeit in den Mittelpunkt rücken, sondern als jemand, der ungewöhnliche Fragen stellt, auch wenn diese unangenehm daher kommen mögen.

Wieso sind die Deutschen so nörgelig, wo sie doch die Freiheit haben? Warum wird Freiheit oft als Bürde aufgefasst? Wird der Wohlfahrtsstaat mehr und mehr zum Vormund? Woher kommt diese Sehnsucht nach der verwalteten Welt? Kann es Sinn der Emanzipation sein, nur wegen des Prinzips eine vernünftige Arbeitsteilung aufzuheben?

Mit solchen Fragen macht man sich heute keine Freunde, viele werden solche Gedanken als elitär empfinden. Gerade die Gutmenschen kriegen bei Bolz ihre Abreibung. Die Gutmeinenden wollen Gleichheit statt Freiheit – und zwar Ergebnisgleichheit statt Chancengleichheit. Touché. Hier sitzt ein Provocateur, der wahrscheinlich auch noch Spass an seiner Provokation hat.

Im Grunde genommen liegt das Hauptthema von Norbert Bolz im Spanungsverhältnis von Freiheit und Gerechtigkeit. Wenn beides in Balance steht, so mag eine Gesellschaft produktiv funktionieren. Doch Bolz erkennt, dass der Gleichheits- und Gerechtigkeitsfanatismus unserer Breiten zu Lasten der Freiheit geht. Wohlfahrt sei eine Droge, die den Menschen in Abhängigkeit hält.

Der Fürsorgestaat erzeuge Unmündigkeit, jene Geisteshaltung, gegen die die Aufklärung eigentlich kämpfe. Man gibt Freiheit zugunsten von Versorgungssicherheit auf. Diese Tyrannei der Wohltaten erzeuge im Grunde genommen eine Sklavenmentalität.

Als Gegenentwurf zu diesem Paternalismus, der die kreativen Kräfte einer Gesellschaft lähmt, stellt Bolz die liberalen Ideen der Aufklärung. Der Liberalismus besteht aus Marktwirtschaft, Eigentum, Freiheit des Einzelnen, Herrschaft des Rechts, staatlicher Sicherheit und Ordnung, formaler Chancengleichheit und Karrierechancen für jedes Talent. Der Liberale erkennt im Wettbewerb das Schicksal der Freiheit und im Recht das regulierende Supplement des Wettbewerbs. Mehr Ordnung ist für eine moderne Gesellschaft weder nötig noch sinnvoll möglich. Die offene Gesellschaft kann man nur offen halten – aber das ist den meisten zu wenig.

In die Nebensätzen des Liberalen Norbert Bolz schleicht sich so ein Hauch von Resignation ein. Sicher, heute ist der Liberalismus keine Volksbewegung, vielleicht ist er auch nicht mehr mehrheitsfähig. Jedenfalls, und auch dies ist ein Teil des globalen Wettbewerbs, jedenfalls nicht in Europa.

Hemingway – ein politischer Kopf?

Hemingway war kein politischer Schreiber. In Sachen Politik war er eigentlich ein dummer Kerl. Politik interessierte ihn, den Anti-Intellektuellen, nur am Rande. Er war ein Bauchmensch.

Das hinderte ihn nicht, schnell Position zu beziehen. So im Spanischen Bürgerkrieg, so bei der kubanischen Revolution. Seine Standortbestimmung war jedoch meist intuitiv, emotional oder an Personen geknüpft. Und wehe, wenn man auf der falschen Seite, von Hemingway aus gesehen, stand!

Das bekam beispielsweise John Dos Passos zu spüren. Der Autor des Megaromans Manhattan Transfer hatte 1937 zusammen mit anderen Intellektuellen unter Leitung des holländischen Dokumentarfilmers Joris Ivens den Propagandastreifen The Spanish Earth als Unterstützung für die Republikaner gedreht. Zu dem Film hatte Hemingway den Kommentar geschrieben, den Orson Welles sonor vortrug.

Ein Jahr später legte Dos Passos leichte Sympathien für den aufständischen General Franco an den Tag, weil seiner Meinung nach – und was nicht zu leugnen war – stalinistische Kommunisten auf Republikanerseite die Oberhand gewannen und die verbündeten Anarchisten und Trotzkisten terrorisierten.

Hemingway schrieb seinem alten Freund John Dos Passos einen gesalzenen Brief und stauchte ihn zusammen. John sei oberflächlich, was für einen Schriftsteller ein ziemlicher Vorwurf ist. Die Sache ist, dass Du die Wahrheit nicht in zehn Tagen oder drei Wochen herausfinden kannst, und dieser Krieg ist lange Zeit nicht von den Kommunisten geführt worden. Wenn die Leute eine Artikelserie von Dir lesen, die sechs Monate und länger läuft, merken sie gar nicht, wie kurz Du in Spanien gewesen bist und wie wenig Du gesehen hast.

Auch wenn Hemingway eher unpolitisch daher kam, so besaß er doch seine Grundüberzeugung. Grundwerte, die sich aus seinem Leben und seinem Temperament ableiteten. Sein Verständnis als Schriftsteller beschrieb Hemingway 1935 in einem Brief an Iwan Kaschkin. Jeder versucht einen jetzt mit der Behauptung einzuschüchtern, wenn man nicht Kommunist werde oder einen marxistischen Standpunkt einnehme, wird man keine Freunde haben und allein sein. Ich kann jedoch kein Kommunist werden, weil ich nur an eines glaube: an die Freiheit.

Ein Haudegen wie Hemingway konnte den Freiheitsbegriff politisch nicht abstrahieren. Er ging mit einem solchen Wert eher pragmatisch, träumerisch, ja romantisierend um. Freiheit bedeutete für ihn immer das Gegenteil von Zwang. Hemingway, dem Individualität und Unabhängigkeit wichtig waren, besaß stets eine große Skepsis gegenüber dem Kollektiv. Als erstes würde ich mich um mich selbst kümmern. Dann würde ich meinem Nachbarn helfen. Aber um den Staat kümmere ich mich überhaupt nicht.

Ein Schriftsteller hat laut Hemingway nicht die Aufgabe, einen politischen oder Klassenstandpunkt einzunehmen. Er soll ein Geschehen aufschreiben und nicht erfinden oder fabulieren. Ein guter Autor habe nicht für eine Sache oder für eine politische Zielsetzung  zu schreiben. Ein Autor diene niemandem, nur der Wirklichkeit. Ein echtes Kunstwerk ist von unbeschränkter Dauer, egal, welche politische Meinung darin steckt. Wer genug Talent hat, ist in allen Klassen zu Hause. Er nimmt von ihnen allen und was er gibt, gehört jedem.

Die Arbeit eines Schriftstellers sollte allein dem Anliegen dienen, große Kunst zu schaffen. Ein Autor geht hinaus in die Welt, beobachtet und schreibt auf. Das habe ohne Vorurteil zu erfolgen. Nur zweitklassige Schriftsteller, nur Autoren ohne Talent, seien darauf angewiesen, sich in den Klassenkampf zu begeben.

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