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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Schlagwort: city

Joan Gamper: Schweizer, Gastarbeiter und wohl auch Katalane

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Museum des FC Barcelona; Photo by W. Stock

Ein Gastarbeiter in Barcelona. Er war kein Katalane, auch kein Spanier, sondern ein Schweizer. Hans Gamper, katalanisiert als Joan Gamper, Gründungsmitglied und mehrmaliger Präsident der FC Barcelona.

Mit 20 Jahren geht Hans Gamper von Zürich nach Barcelona. Dort arbeitet er für die Crédit Lyonnais, später bei der Sarria Eisenbahngesellschaft als Chefbuchhalter.

Und weil sich die Gastarbeiter aus der Schweiz in ihrer Freizeit ein wenig langweilen, gründen sie als Hobby kurzerhand einen Fußballklub. Wir schreiben das Jahr 1899, und die Schweizer geben dem Verein den Namen Football Club Barcelona, die englische Bezeichnung. Als Farben werden blau-rot gewählt, blaugrana, wie es auf Katalanisch heißt.

1941 wird der Vereinsname ins

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Londons bester Swingerclub

Photo by W. Stock

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Sie sind fast alle verschwunden, entweder von der Bildfläche oder in die Bedeutungslosigkeit. Ich meine die Jazzclubs, dort wo sich in den 60er und 70er Jahren des abends die Anhänger der swingenden Musik trafen, bei einem Bier oder zweien, und den Musikern lauschten.

Wohin man auch blickt, traurig genug, die Jazzclubs spielen keine Rolle mehr. Mit einer Ausnahme, möchte man hoffnungsvoll anfügen, Ronnie Scott’s Jazzclub in London. Der zeigt sich fidel wie in alten Tagen.

Zwar ist sein Gründer, der Londoner Tenorsaxophonist Ronnie Scott, vor einigen Jahren gestorben. Doch es geschah dann etwas, was als großer Glücksfall zu bezeichnen ist. Auf den Gründer folgte mit der Theaterunternehmerin Sally Greene eine neue Generation, die den Laden übernahm, eine Person, die sowohl betriebswirtschaftliches Denken als auch musikalischen Sachverstand in sich vereinigt. Und wohl auch die Liebe zum Jazz.

Ronnie Scott’s Club liegt ein bisschen unscheinbar da in der Frith Street Nummer 47. Zwischen all den trendy Vineshops und Restaurants, den kleinen Trödelläden und den camouflierten Massagesalons. Hier zwischen Piccadilly und der Shaftesbury Avenue schlägt das Herz von London. nicht gerade im feinen und eleganten Takt, aber heftig pulsierend und dem Neuen zugeneigt.

Es fällt auf, dass im Club nicht nur kleine Hausgruppen oder der Nachwuchs spielt, sondern veritable Weltstars. Wenn ein Großer nach Europa kommt, dann ist die Chance groß, dass er hier in London in der Frith Street auftritt. Das lässt sich wegen der hohen Kosten allerdings nur amerikanisch darstellen. Die Auftritte des Stars erfolgen über zwei oder gar Auftritte pro Abend verteilt, wobei das Publikum dann immer ausgewechselt wird.

Zur Musik gibt es Essen, Getränke von der langen Bar links neben der kleinen Bühne. Eine Ronnie’s Bar, eine Lounge im Obergeschoss, rundet das Konzept ab. Dazu Merchandising. Nur in einer solchen Mischkalkulation wird man ein solch anspruchsvollen Programm finanziell stemmen können.

Und so geben sich die Stars von Jazz und Pop in Ronnie Scott’s die Klinke in die Hand: Tania Maria, José Feliciano, Nigel Kennedy, Monty Alexander, Manu Dibango – das sind Namen nur der letzten Wochen.

Was mir am neuen Ronnie Scott’s zudem auffällt, ist die Qualität des Marketing. Sonst oft nicht gerade die Stärke der Jazz-Freunde, zeigt sich die Werbung für den Club und die Konzerte auf der Höhe der Zeit. Website, Mitgliederkonzept, Thementage, Events, ein informativer Newsletter – alles vom Feinsten. Und all das, obwohl man mittlerweile über 50 Jahre auf dem Buckel trägt. Solches macht Hoffnung, nicht nur für den Jazz, sondern auch für den Live-Jazz.

Mi Buenos Aires

Photo by W. Stock

Buenos Aires, im Januar 1988

Stünde ich vor der kniffligen Entscheidung, die schönste Metropole dieser Welt bestimmen zu müssen, dann würde wohl vieles auf diese Stadt zulaufen. Klima, Gastronomie, Musik, Literatur, Fussball, Lebendigkeit – Argentiniens Hauptstadt beflirtet den Besucher heftig mit ihren Reizen. Kommt man nach Buenos Aires, so  merkt man der Stadt schnell an, wie glanzvoll ihre Vergangenheit war. Man wird erschlagen von prächtigen Fin de siècle-Bauten, breiten Avenuen und monumentalen Denkmälern.

Noch immer sieht man dieser Metropole den bürgerlichen Pomp und Prunk großer Jahre an. Jedoch verspürt man genauso schnell, dass ihre Gegenwart ein wenig zweifelhaft scheint und auch der nahen Zukunft mag man nicht so recht über den Weg trauen.

Fast hat man vergessen, dass Argentinien in den 40er Jahren eines der reichsten Länder dieses Erdballs war. Jedoch haben unfähige und korrupte Regierungen dieses Land der weiten Getreidefelder und der riesigen Rinderherden langsam aber sicher aus voller Blüte in ein Armenhaus der Dritten Welt herunter gewirtschaftet.

Als ich Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal Buenos Aires besuche, ist dies eine Großstadt, in der so vollgestopfte Buchhandlungen zu finden sind wie sonst nirgendwo in Amerika. In jenen Tagen brauchen sich die Theater, die Kinopaläste und Musikhallen nicht vor denen Italiens oder Frankreichs zu verstecken. Diese Stadt bleibt dem Genuss und den schönen Künsten zugeneigt, ihre DNA scheint ein sonnenverwöhnter Mix aus savoir vivre und la dolce vita. Also fast das Paradies.

An den Sonntagen breitet der Trödelmarkt in San Telmo, dem Künstler- und Studentenviertel, seine Waren aus. An angestaubten Folianten und wieder blank polierten Grammophonen lässt sich ablesen, dass diese Nation einst von Einwanderern gegründet worden ist. Mitten auf dem Platz stehen die Alten, die hier nicht Schach oder Domino spielen, sondern den Tango singen.

Meist in ein angenehm temperiertes Wetter gehüllt, kommt diese Stadt an guten Tagen daher wie eine tropische Mischung aus Florenz und Paris. Buenos Aires erscheint mir als Weltstadt, die in ihrem Zentrum aussieht wie die schönste aller europäischen Metropolen, deren blankes Elend jedoch nur drei Straßenzüge weiter beginnt und sich endlos in die Peripherie hineinbeißt.

Wenn man in diesen besseren Jahren abends ein Restaurant besucht und sein Asado, die über dem offenen Feuer gegrillte Rinderlende, bestellt, so bekommt man auf einem großen Teller das Fleisch, das zudem noch über den Tellerrand schlägt und erst auf einem zweiten, etwas kleinerem Teller werden die Beilagen, meist Kartoffeln und Gemüse, gereicht.

Wie eine Oase der Lebenslust kommt einem diese Stadt entgegen. In den Cafés, die in den Nebengassen der Calle Lavalle zu finden sind, trinken die Argentinier, jung und alt, reich oder verarmt, gemächlich ihren café cortado und vielleicht auch den einen oder anderen roten Pinot Negro gegen die schlechten Politiker.

Mi Buenos Aires querido, heißt das Lied dieser Stadt, quando te vuelvo a ver. Mein geliebtes Buenos Aires, wann werde ich dich wiedersehen. Und der Tango fragt, aber eigentlich scheint jene Frage mehr ein Bitten und Betteln. Ein Wunsch jedenfalls, der in der Erkenntnis mündet, diese Stadt möge einen niemals loslassen. Nicht in den guten und auch nicht in den düsteren Tagen.

Mein Lieblingshotel: Hyatt Regency Köln

hyatt2.jpgMan kommt hinein in das weitläufige Foyer des Hotels, alles in einem dezenten Warmton gehalten, und hört zuerst das Rieseln von Wasser und erblickt dann in der Mitte den hohen Wasserfall, der nach Feng Shui bekanntlich Wohlstand und Reichtum verheißt.

Das Kölner Hyatt Regency ist nicht das neueste, und auch nicht das modernste Hotel auf der Rheinschiene. Aber es ist ein Hotel mit Blick und mit einem spürbaren Wohlfühlfaktor. Überhaupt gilt Hyatt für mich weltweit als der Inbegriff des wohnlichen Luxus.

Ich meine jetzt nicht diesen widerwärtigen Protz-Luxus à la Marbella oder Monte Carlo, wo das schicke Diamanten-Täschlein den Menschen spazieren trägt. Nein, ich denke an richtig guten, soliden Luxus, diesen selbstverständlichen, unprätentiösen amerikanischen Luxus, der das Dasein angenehm und praktisch zu gestalten vermag.

Wenn man auf dem Zimmer eine Grusskarte von Axel Ziegler, dem Hoteldirektor, vorfindet, die einen freundlich begrüsst, dann sind im Hintergrund der Karte die beiden gotischen Türme des Kölner Doms abgebildet. Der Hotelier heißt auch nicht Willkommen in Köln, sondern, man achte auf Nuancen, er begrüßt den Gast in der Domstadt.

Damit kommen wir zum Ausblick. Wenn man ein Zimmer zur Rheinseite erhält, und darauf sollte man bestehen, dann hat man diesen mystischen Kölner Dom vor Augen. Des abends, wenn das Kirchenhaus in zarten Blautönen erleuchtet wird, mag es keinen besseren Blickfang im ganzen Rheinland geben. Diese Kathedrale, erhaben und majestätisch, über dem Rhein, fast schwebend.

Der Dom zu Köln. Man kann Buddhist, Brahmane oder meinetwegen auch Agnostiker sein, man wird trotzdem von dem wuchtigen Bauwerk in den Bann gezogen. Und wenn man dann doch als Katholik zur Welt kommt, und zudem auch noch im Rheinland, dann wird der Kölner Dom so etwas wie der Nukleus mit der Welt da draußen. Er steht da, groß und gewaltig, über Jahrzehnte und Jahrhunderte, und um ihn herum spielt sich das kleine Leben ab.

Und wenn dieses Leben gut oder auch böse ist, er hat ja alles gesehen, wenn Soldaten marschieren und Bomben fallen, wenn der Fluss vor Dreck und Gift stinkt oder Häuser in sich zusammen fallen als seien sie aus Pappmaschee, der Dom trotzt all diesem Übel, und lässt sich nicht beirren. Und sollte eines Tages alle Zuversicht weichen und es auf letzte Fragen keine gescheite Antwort mehr geben, auch dann wird er immer noch dort am Rheinufer stehen. Und wenn man ihn sieht, dann spürt man, welch eine Energie in einem zum Himmel gereckten Steinklotz stecken kann.

Ich kenne Leute, Rheinländer zumeist, die das Schicksal, Gott weiß wohin, in die entlegensten Winkel der Welt verschlagen hat, wilde Burschen, die viel gesehen haben und sich in der Fremde mächtig durchbeißen mussten. Harte Jungs, denen, wenn sie nach Köln kommen und den Dom erblicken, Tränen in die Augen schießen wie bei den kleinen Schulbuben.

Aber ich wollte über das Hotel und weniger über den Dom schreiben. Obwohl sich hier ein hübscher Dreiklang ergibt, von Deutz aus gesehen. Hyatt, Rhein, Dom. Das sollen andere Städte erst einmal nachmachen. Da kann mich das Adlon mit Blick auf das Brandenburger Tor nicht mehr beeindrucken.

Kommen wir zurück zum Hotel mit seinem unaufgeregten, und doch leicht spürbaren Luxus. So läuft das hier. Feiner Service, aufmerksam und wohltuend. Auf dem Executive Floor im sechsten Stock wird das ganze mit dem Regency Club dann noch ein wenig verfeinert. Das Restaurant wunderbar und auch am SPA-Bereich mit Pool und Sauna gibt es wenig zu mäkeln.

Illustre Gäste haben im Hyatt Regency Cologne genächtigt: Der amerikanische Präsident Bill Clinton, hochmögende Künstler, Stars und Sternchen. Und, in einer Suite in der obersten Etage, als er sein Konzert auf der Domplatte gab, der große Frank Sinatra. Fünf Sterne und Frank Sinatra. Das muss reichen.

Berlin, die welke Rose

Photo by W. Stock

Die Grundmelodie Berlins klingt tonal nach moll. Traurig und grau. Die Stadt kommt einem immer etwas dunkler vor als andere Großstädte. Irgendwie erscheint diese Stadt gris, vernebelt, so ohne Wärme, selbst wenn die Sonne scheint.

Wenn München einen Schuß Italien besitzt, Hamburg Skandinavien und Köln etwas savoir vivre, so hat Berlin allenfalls etwas von der tristen Melancholie osteuropäischer Metropolen.

Stets schwankt mein Eindruck von Berlin. Wohlfeile Neubauten, eine spürbar wachsende Weltläufigkeit, adrette Restaurants, besonders in Berlin-Mitte, dem ehemaligen Ost-Berlin. Im alten Westteil der Stadt hingegen sehen die Fassaden piefig, triste und verschlampert aus.

Wenn ich in Berlin weile, fällt mir auf, dass die Zahl der Bettler wächst. Bettler finden sich auch in München. Aber in Berlin sind es andere Bettler. In München kommen die Bettler von außen, aus Rumänien beispielsweise, und ihre Bettelei wird organisiert wie im Konzern. In Berlin jedoch kommen die Bettler von innen, es sind Berliner, ihre Arbeit wirkt nicht organisiert, sondern verzweifelt.

Schnell steht man in Berlin auch im Tabakqualm. In New York sieht man auf den Strassen mittlerweile fast gar keine Paffer mehr. Und die Berliner mit ihren Glimmstängel scheinen oft keine Genussraucher, sondern Unterschichtsraucher.

Deutlich merkt man der Stadt noch immer die dreifache Hypothek an. Den DDR-Kommunismus, die BRD-Subventionsmentalität und das Rot-Rote des Stadtchefs Klaus Wowereit. Man kann ziemlich erbärmliche Ecken in Berlin finden und eine erschreckende materielle Kargheit beobachten in dieser Stadt. Annahme von Sozialscheinen lese ich in riesigen Lettern an der Fassade eines Haushaltswarengeschäftes in der Beusselstrasse.

Nun könnte man Berlin als seltsames Biotop aus Politik am Tropf, Multikulti-Romantik und vier Jahrzehnte kommunistische Diktatur abtun. Doch seit mehr als 20 Jahren ist dies unsere Hauptstadt, eigentlich müsste die Stadt erblühen wie eine Frühlingsrose nach einem strengen Winter.

Doch hier zeigt sich auch, wo rot regiert, da zieht über kurz oder lang eine schleichende Armut in die Strassen und eine verschämte Not auf die Plätze. Und wo tiefrot regiert, da geht es für viele rasch abwärts mit materiellem Wohlstand und auch mit bürgerlicher Gediegenheit.

Das ist Berlin: Ein Drittel Bürokraten, ein Drittel Rentner, ein Drittel Hartz IV-Empfänger. Traurig genug, dass Deutschlands größte Stadt keinen einzigen Konzern von Weltrang, kein DAX-Unternehmen und keine bedeutende internationale Firma vorzuweisen hat. Traurig, aber irgendwie bezeichnend!

Arm aber sexy umschreibt der Regierende Bürgermeister seine Stadt, und der Slogan impliziert eine nonchalante Rotzigkeit des mit seiner Politik Gescheiterten. Arm ist unsexy möchte man rufen, aber ein Sozialscheine-Verwalter wird dies nicht kapieren.

Hemingway und der Stierkampf

Außerhalb der iberischen Halbinsel versteht man Sinn und Hintergrund des Stierkampfes nur unzureichend. Ernest Hemingway, der bärtige Amerikaner, hat die Philosophie der Corrida de Toros intuitiv erfasst.

Bei seinen Besuchen in Spanien erliegt Hemingway der Faszination des Stierkampfes. Einmal hat er sich sogar selbst als Torero versucht. Was aber mehr zu Belustigung seiner Umgebung beigetragen haben soll.

In seinem ersten Roman Fiesta von 1926 behandelt er das Thema erstmals. Und in Tod am Nachmittag, eigentlich ein reportageartiger Essay über den Stierkampf, hat Hemingway 1932 die Philosophie und das Ritual des Stierkampfes dargelegt und sich tief in das für Mitteleuropäer fremde Denken der Iberer zum Stierkampf eingefühlt.

Der größte Irrtum über den Stierkampf weithin: Die Corrida sei der Kampf „Mensch gegen Tier“. Das ist eine grundlegend falsche Sicht der Dinge. Der Stierkampf, und hier kommen wir zum Kern der Taurus-Philosophie, ist kein Wettkampf und auch kein Sport. Er ist vielmehr ein Schauspiel, eine Theaterinszenierung mit Publikum und Spielern. Neben dem schwarzen Bullen und dem bunten Torero spielt noch eine dritte Figur mit. Und dies ist die wichtigste Figur in dem Drama: der Tod.

Und die Plaza de Toros ist eine der wenigen Plätze, wo der ritualisierte Umgang mit dem Tod beobachtet werden kann. Bullfighting is the only art in which the artist is in danger of death. Hier in dieser Arena trifft der Tod auf das Leben und das Leben auf den Tod. In der Essenz ist der Stierkampf ein Kampf Mensch gegen Tod. Der Stierkampf symbolisiert die Konfrontation mit dem Tod aus, er ist zugleich eine Herausforderung des Todes. Der Mensch, in Gestalt des Torero, hänselt den Stier, den Tod, er spielt mit ihm, macht sich lustig, nicht ohne Respekt, aber doch überlegen.

Der eigentliche Kampf besteht aus drei Teilen. Tercios, jeweils einem Drittel, die durch Hornsignale voneinander getrennt werden und meist mit Paso Doble-Musik dynamisiert werden. Im Stierkampf tritt uns kein allegorischer oder metaphorischer Tod entgegen wie sonst im Theater. Nein, hier kommt der Tod ohne Maske, es ist der richtige Tod und am Ende des dritten Tercios wird jemand wirklich tot sein. Meist wohl der Stier.

Hemingways Faszination des Todes findet im Stierkampf Ventil und beschreibbare Ratio. Die Sympathien des Schriftstellers liegen überwiegend beim Matador, aber auch der Stier erhält Respekt und, ja, Zuneigung. Der einzige Ort, wo man Leben und Tod sehen konnte, und zwar gewaltsamen Tod, das war die Arena, da die Kriege vorbei waren, und ich wollte brennend gern nach Spanien, wo ich das studieren konnte, und dieser Tod ist eines der Themen, über die ein Mann schreiben kann.

Guter Stierkampf ist Kunst. Und der Star der Veranstaltung ist der Stier, nicht der Torero. Dem Stier gehört die Arena. Ihm bleiben 20 Minuten. Dann ist er tot. Ein solcher Stierkampf ist die einzige Kunstform, wo am Ende der Künstler stirbt, richtig stirbt.

Leben, Kampf und Tod sind für Hemingway die Eckpfeiler des Daseins und dieser Spannungsbogen gründet sein literarisches Grundmuster. Der Stierkampf bringt all das zusammen, was Ernest Hemingway wichtig ist: Die Kraft der Natur, die Auseinandersetzung, die Gefahr, der Mut, der Stolz, das Ehrgefühl, der Kampf und schließlich der Tod.  Der Stierkampf als die allgegenwärtige Gefahr des Todes wird eines der Themen, denen sich Hemingway Zeit seines Lebens immer wieder in Geschichten und Artikeln widmet.

Im Sommer 1959 schickt die Illustierte Life Hemingway nach Spanien, auf seine letzte Reise, um über die Rivalität der beiden größten Stierkämpfer zu schreiben. Im August 1959 sieht sich Hemingway nochmals einen Höhepunkt des Stierkampfes an. In der Plaza de Toros de La Malaguetas in Málaga. Die beiden Könige der Toreros, Luis Miguel Dominguín und Antonio Ordóñez, kämpfen. Jeder gegen drei Stiere.

In seinem 1985 posthum veröffentlichten Werk Gefährlicher Sommer beschreibt Hemingway, die Endlichkeit erahnend, diese Stierkampfreise nach Spanien. Antonio zielte entlang der Degenklinge, beugte sein linkes Knie vor, schwang dem Stier die muleta entgegen und ließ ihn bis zu dem Punkt an sich herankommen, wo die Hörner ihn erwischen würden, dann drang die Spitze des Degens ein, der Stier stemmte sich dagegen, den Kopf gesenkt, dem roten Tuch folgend, während Antonio mit der flachen Hand gegen den Degenknauf drückte, glitt die Klinge langsam oben auf der höchsten Stelle zwischen den Schulterblättern hinein. Antonio hatte seine Füße nicht bewegt, und der Stier und er waren nun eins, als seine Handfläche das schwarze Fell berührte, war das Horn schon an seiner Brust vorbei, und der Stier unter seiner Hand war tot.

Der Stier und er sind nun eins. Für Hemingway ist der Stierkampf die Auseinandersetzung mit dem Tod, der Degen des Matador das Aufbäumen der männlichen Tugend, der Tapferkeit und der Leidenschaft, dem wuchtigen Stier entgegen. Aber eines bleibt: Der Respekt vor dem allmächtigen Gegner. Ihn zu bezwingen, in der Arena des Lebens, mag als Illusion des Menschen gelten.

Der General lebt

Auszug aus Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Wer die lange, breite baumgesäumte Allee von Ezeiza-Flughafen ins Stadtzentrum entlang fährt, der sieht an den grauen Mauern der Fabriken und Häuser recht seltsame Parolen gepinselt. In den allermeisten Metropolen dieses Kontinents findet man mehr oder weniger geistreiche Losungen wie Nieder mit den Bonzen oder Hoch lebe die Partei der Arbeiterklasse oder zumindest Wählt MüllerMeierSchulze.

Nicht so in dieser Stadt. Wer sich in den tristen Vororten von Buenos Aires bewegt, der kriegt höchst merkwürdige Sätze zu lesen. Mi General, tu pueblo cumple steht auf den langen Wänden der verfallenden Industrieanlagen, Mein Gereral, dein Volk hält, was es Dir versprochen hat. Oder man kann auf verwitterten Wohnblöcken lesen Siempre contigo, was auf Deutsch denn – fast religiös – meint: Immer mit Dir.

Von diesem General, der dort so hymnisch verehrt wird, erhält man, sollte man Menschen auf der Strasse befragen, höchst widersprüchliche Einschätzungen. Für die einen war er ein Politiker, der viel für das Volk getan hat, einer der für die Blüte dieses Landes gesorgt hat, jemand, dem auch die Armen, die Descamisados – die Hemdlosen – nicht einerlei waren. Für andere bleibt jener Juan Domingo Perón ein ausgekochter Schuft, ein gewissenloser Lump, ein aufgeblasener Operetten-Duce bestenfalls, in jedem Fall ein größenwahnsinniger Parvenue, der dieses herrliche Land in Grund und Boden gewirtschaftet hat.

Alleine schon der Name von Peróns Partei mutet höchst kurios an. Partido Justicialista nennt sie sich, was flott übersetzt Gerechtigkeitspartei heißen kann, manche sagen – nach europäischem Maßstab wohl Richtung aufrechte Sozialdemokraten. Andere meinen, die PJ sei eine typische Klientel-Partei, geführt von sonderbaren Pampa-Caudillos wie Perón oder Carlos Saúl Menem. Wie dem auch sei, sollte es einmal eine Trophäe für den blumigsten Parteinamen Lateinamerikas geben, die Partido Justicialista würde einen hübschen Silberpokal gewinnen – knapp geschlagen von der mexikanischen PRI, der Partei der Institutionalisierten Revolution.

Es gibt wohl keinen Politiker seiner Generation in Amerika, der von seinem Volk noch so verehrt wird wie dieser General Juan Domingo Perón. Nicht Lázaro Cárdenas in Mexiko, nicht Trujillo in der Dominikanischen Republik und auch nicht Franklin Delano Roosevelt in den USA.

Als Perón 1946 zum Präsidenten Argentiniens gewählt wird, regiert er eines der reichsten Länder des Erdballs. Während Europa im Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs versinkt, verhelfen Argentinien eine fruchtbare Landwirtschaft und eine fleißige Arbeiterschaft zu nie gekanntem Wohlstand. Denn dieses sonnige Land besitzt alles in Hülle und Fülle: Getreidefelder, soweit das Auge blicken kann, Fischfanggründe im Südatlantik, Zitrusfrüchte im Norden, Erdöl und Mineralien, und vor allem jenes unerschöpfliche Fleischreservoir, für das die ausgedehnten Rinderfarmen im Süden des Landes sorgen.

Doch bei seiner Wiederwahl 1952 hat General Perón durch Enteignung und Verstaatlichung das Land bereits an den wirtschaftlichen Abgrund gedrückt. Statt eines florierenden wirtschaftlichen Wettbewerbs wächst nun die nach Pfründen trachtende Bürokratie, eine Hydra der Korruption, aus deren Fängen sich Argentinien nicht mehr hat befreien können – bis heute. Ein Militärputsch treibt den gescheiterten General 1955 ins Exil. Doch die Erinnerung an die guten Tage der Herrschaft Peróns bleibt bei vielen Argentiniern während der nun folgenden, fast 30 Jahre währenden, blutigen Militärdiktatur wach.

Als Perón 1973 aus seinem Madrider Exil im Triumphzug nach Buenos Aires einzieht, da wird er noch einmal als Heilsbringer gefeiert, obwohl der 78-Jährige da schon nicht mehr seine fünf Sinne beisammen hat. Aber sein Statthalter als Präsident, der sympathische Kinderarzt Hector Cámpora tritt zurück, damit für den greisen General der Weg frei ist. Perón wird mit überwältigender Mehrheit zum Präsidenten gewählt. Mochten auch die Tatsachen noch so gegen diesen Mann sprechen, das Volk liegt ihm abermals zu Füssen.

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