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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Schlagwort: Hollywood

Good night, and good luck

Es war die wichtigste Stunde des Tages. Die sonore Stimme ertönte jeden Abend aus dem Radio. Und die Zuhörer lauschten, wie sie sonst keiner Radiostimme lauschten. This is London, so begann der amerikanische CBS-Reporter Edward Murrow seinen täglichen Kriegsbericht für das Publikum an den Radios in den USA. Das war im Winter 1940 und auf die englische Hauptstadt fielen die Bomben der Nazis.

This is London war Murrows opener. Keiner bekam den Anfang so hin wie er. Nach dem ersten Wort this setzte er eine winzige Kunstpause. Und prompt war das Markenzeichen dieser volltönenden Radiostimme geboren. Und zugleich die berühmte Redewendung dieses berühmten Journalisten.

Ed Murrows Reportagen aus dem Zweiten Weltkrieg in Europa endeten immer mit einem Satz, der dann noch populärer wurde: Good night, and good luck. Gute Nacht und viel Glück. Dieser Satz klang dramatisch, jedenfalls an einem Abend, an dem man nicht wusste, ob die Nacht nun wirklich gut und das Glück auch am nächsten Tag noch anhalten würde.

Die beiden Sätze waren Murrows Markenzeichen. George Clooney sollte 2005 als Regisseur und Autor einen Kinofilm über Murrow drehen. Als Titel des Schwarzweiß-Streifens wählte er Good night, and good luck. Mit wunderbarer Filmmusik aus dem Goldkästchen des Jazz.

Wie soll man solch eine einfache Phrase wie Good night, and good luck bloß übersetzen? Gute Nacht und viel Glück, sicherlich. Aber

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Bleicher Kinski in alter Post

(c) Werner Herzog Film

Eine Szene wie aus einem alten Gemälde, ein wenig Spätromantik und ein bißchen Biedermeier. Farbenfroh, mit Liebe zum Detail, vielleicht etwas kitschig, aber irgendwie auch mythisch.

Ein Notar sitzt vor dem Schreibtisch, davor eine Frau mit breitem Hut und ein Mann mit gebleichtem Wuschelhaar. Links huscht ein Bürobote durchs Bild. In der Ecke steht eine riesige peruanische Flagge.

Der Blick des Mannes, den Kopf auf seine linke Hand gelehnt, wie auch der Blick des Bildbetrachters wandern hinaus durch die beiden hohen Wandtüren über die Balustrade auf den breiten Fluss. Der Amazonas wirkt als perspektivisches Zentrum des Bildes, er ist die Verlängerung, die Schöpfung, das Göttliche. Die kraftvolle Natur steht in einem romantischen Sinne im Mittelpunkt der Szene. Der Mensch wirkt klein, adornisch, fast wie zerbrechliche Püppchen oder kleine Zinnfiguren.

Doch dies ist kein Werk der spätromantischen Malerei, sondern eine Filmszene aus Fitzcarraldo. Klaus Kinski und Claudia Cardinale beim Notar Bill Rose. Die Handlung spielt in der Amazonasmetropole Iquitos kurz nach der Jahrhundertwende, so um 1910. Kautschukboom in Südamerika.

Gedreht wurde diese Szene, wenn ich mich recht erinnere, in der alten Post von Iquitos. Den Raum erkenne ich wieder, denn ich bin Ende der 70er Jahre, wenn ich in Iquitos weilte, oft in das Postamt gegangen, um postlagernde Briefe abzuholen oder Grüsse in die Heimat zu schicken.

Das alte drei- oder viergeschossige Postamt befand sich direkt an der Uferstrasse, dem Malecón, neben dem ehemaligen Hotel Nacional. wo damals Militär untergebracht war. Ein fin-de-siècle-Haus, wie viele in Iquitos, was an die Cauchero-Zeit erinnert. Pompöser, neureicher Jugendstil unter sengender Tropensonne.

In der alten oficina de correos musste man in das erste Stockwerk hoch, über eine alte wuchtige Treppe, antikes Gemäuer, Tropenhölzer, altes Mobiliar. In den 80er Jahren ist das Postamt dann in ein modernes Gebäude in die Avenida Arica, zwei Strassenblocks vom Amazonas entfernt gezogen.

Der Star bei den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo in Iquitos hieß nicht Kinski, sondern Claudia Cardinale. Die damals 42-jährige gibt sich als eine unprätentiöse, kollegiale Schauspielerin. Sie braucht keine Sonderbehandlung, macht kein großes Aufhebens um sich und ihren Ruhm. Ein Typ zum Pferdestehlen, würden die Jungs von nebenan sagen.

Wenn sie abends beim Italiener Don Giovanni, dem Stammlokal der Filmleute in der Calle Putumayo, ihre Pasta bestellt, und da in Jeans und T-Shirt sitzt, schlank, mit den leuchtenden schwarzen Haaren, so ganz ohne Allüren, dann ist sie die Claudia aus Rom. An der Seite stets ihr 24-jähriger Sohn Patrick, der seine Mama um fast zwei Köpfe überragt.

Das alte Postgebäude in Iquitos. Ein wunderschönes Gemälde, das in Wirklich eine Filmszene darstellt. An solch eingefrorenen Bildern mag man erahnen, welch ein Meisterwerk dem Regisseur Werner Herzog 1982 da mit Fitzcarraldo gelungen ist.

Normalerweise steht hier kein werblicher Hinweis. Aber bei einem solch betörenden Werk machen wir die Ausnahme. Den Movie Stills gibt es im Kunsthaus Lumas als Fotografieabzug, nummeriert und signiert. Zu einem, wie ich meine, unexotischen Preis.

Mick Jagger ist Wilbur

Photo by W. Stock

Iquitos/Peru, im Januar 1981

Wenn einer der ganz großen Musiker unserer Tage in die kleine Stadt kommt, dann steht diese kleine Stadt tagelang Kopf. Reporter treten sich auf die Füsse, die Fernsehkameras schnurren und junge Burschen wachen eifersüchtig über ihre Bräute.

Solch einen Rummel kann man doch erwarten. Nicht jedoch hier, im abgelegenen Dschungel Perus, über tausend Kilometer entfernt von der hektischen Metropole Lima und fünfzehn Flugstunden von Europa.

Da kommt der Chef der Rollling Stones in den Urwald – und nur ganz wenige nehmen Notiz davon. Man mag es kaum glauben, aber es ist so geschehen. Bis auf ein paar eurozentrische Eierköpfe weiß hier in den Tropen rund um den Amazonas so gut wie niemand, wer denn dieser junge schlanke Mann mit dem rotblauweiß karierten Hemd und dem schon leicht zerknitterten Gesicht nun genau ist.

Ein Musiker, ein Weltstar, Schauspieler vielleicht, all das wird geraunt. Rolling Stones? Hat man alles schon einmal gehört, aber genaues weiß man nicht.

In Peru Mick is nothing, brummelt er halb belustigt und setzt seinen einfachen Strohhut auf. Mick Jagger genießt es, hier und heute ein Unbekannter zu sein. Bei den Dreharbeiten zu Werner Herzogs Fitzcarraldo dreht sich alles um Claudia Cardinale, die Hauptdarstellerin aus Italien, deren apartes Antlitz man aus den Klatschseiten der Zeitungen kennt. Aber Mick, Mick is nothing in Peru.

In seiner freien Zeit filmt er mit seiner Nikon die Filmarbeiten. Mick Jagger ist für die Rolle des Wilbur besetzt, das ist der etwas durchgedrehte Kumpan von Fitzcarraldo. Und diese ganze Filmerei macht ihm sichtlich Spaß. Wenn Mick in seiner weißen Leinenkleidung neben Jason Robards, der den Fitzcarraldo gibt, agiert, dann merkt man schnell, hier ist jemand mit Elan, mit Leidenschaft und auch mit Talent bei der Sache.

Und Mick Jagger füllt seine Filmrolle in einer sympathisch skurrilen Interpretation wunderbar aus. Der in Ehren ergraute Schauspieler-Kollege Robards, ein großer amerikanischer Theatermann, lobt seinen Kompagnon denn auch in hohen Tönen. Nach einer Dialogszene, die Kameras sind abgeschaltet, klatscht Robards kräftig Beifall in Richtung Jagger, und beide brechen in fröhliches Lachen aus.

Es stehen Dreharbeiten im Urwald an. Regisseur Werner Herzog hat im Wipfel eines riesigen Amazonasbaumes, in fast 30 Metern Höhe, eine Plattform aus Spanplatten bauen lassen. Auf dieser Plattform, die bei Wind hin und her weht, soll gefilmt werden. Dort oben sollen Jason Robards, immerhin ein Mann von knapp 60, und Wilbur ihren Blick über den weiten, üppigen Amazonasteppich streifen lassen. Und zum guten Ende soll in luftiger Höhe auch eine kleine Rauferei zwischen Robards und Jagger stattfinden, wobei der Kopf des einen über die Brüstung mit Blick in die Tiefe gedrückt werden soll.

Burschikos legt Regisseur Werner Herzog seinen Arm um Mick Jaggers Schulter. Morgen früh gehen wir rauf, sagt Herzog zu Jagger. Und Mick schaut nach oben.

siehe auch:  Mick Jagger im Dschungel – und noch einer

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