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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Schlagwort: Music (Seite 1 von 2)

Im Tropicana hageln die Sterne

Grafik by Fernando Tejeda

Havanna, im April 1983

Im doch tristen kommunistischen Alltag auf Kuba erwartet uns am Abend eine farbenprächtige Abwechslung. Wenn man einen guten Tag erwischt, so hat man uns gesagt, dann endet die Show des Tropicana weit nach Mitternacht.

Wie auch immer, der Ruf des Tropicana bleibt legendär. Der beste Nachtclub der Welt. Xavier Cugat und Nat King Cole haben auf der Bühne dieses Freiluftclubs gespielt und in den Zuschauerreihen saßen Leute wie Ernest Hemingway oder Marlon Brando.

So nähern wir uns denn neugierigen Schrittes diesem Club unter dem schwülen Sternenhimmel Havannas. Vor uns sehen wir ein weitläufiges Areal, das von weitem eher an ein schmuckes Farmhaus erinnert. Tropicana prangt mächtig und bunt im Halbkreis über dem Eingang.

Ein Tisch vor der breiten Bühne wird uns zugewiesen. Ohne dass wir etwas bestellt hätten, stellt uns ein langer, ziemlich miesepetriger Ober wortlos drei, vier Flaschen Carta Blanca auf den Tisch, dazu ein paar Gläser, und überlässt uns

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Die besten Sänger aller Zeiten

Vor einiger Zeit gibt der Rolling Stone eine Sondernummer heraus. 100 Greatest Singers of All Time steht auf dem Cover des Musikmagazins. Die Ausgabe der führenden amerikanischen Musikzeitschrift kürt die besten Sänger aller Zeiten – Männlein und Weiblein in einer Liste.

Und hier spricht nicht irgendwer, nein, hier meldet sich die wohl bestgemachte Musikzeitschrift der Welt zu Wort. Und das Wort des Rolling Stone hat Gewicht.

Eine wahrlich imposante Auflistung von Platz 1 bis Platz 100, die da im Rolling Stone zu finden ist, zusammen gestellt von einer überaus gewichtigen Jury aus illustren Journalisten und bekannten Musikern.

Nachstehend die ersten zehn Positionen. Also die 10 größten Sänger der Welt, die 10 größten aller Zeiten, gemäß der Jury des Rolling Stone.

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Teddy Stauffer kann das braune Pack nicht ausstehen

Einige Zeit haben die Nazis die Swing-Musiker in Ruhe gelassen. Eine trügerische Ruhe. Denn die Braunhemden haben die synkopierte Musik als entartete Kunst gehasst und bekämpft.

Doch Teddy Stauffer war Schweizer und bei ihm hätte man diplomatische Verwicklungen riskiert. Zudem wollten die Nazis vor den Olympischen Spiele 1936 der Welt ein freundliches und sauberes Idyll vorgaukeln.

Teddy Stauffer und seine Original Teddies, damals Deutschlands bekannteste Swing-Band, befinden sich im Berlin der 30er Jahre auf dem Höhepunkt ihres Ruhms. Doch nach 1936 nimmt die Pression zu. Die Nazis verachten die Musik aus Amerika, seit 1935 darf Jazz nicht mehr im deutschen Rundfunk gespielt werden und nun werden auch öffentliche Auftritte schwieriger.

Der 73-Jährige führt mich auf die Veranda seiner Turmvilla in Acapulco, so als müsste er nach frischer Luft schnappen. Im November 1982 bin ich zu Besuch bei Teddy Stauffer in Mexiko, seiner neuen Heimat, und der berühmte Orchesterchef erzählt aus seinem bewegten Leben.

Wir spielten 1938 in Leipzig, im Felsenkeller, wo auf der Bühne und vor der Tanzfläche große Plakate hingen: Swing tanzen und Swingmusik verboten – Reichskulturkammer. Zwischen zwei Musikstücken kam plötzlich die Gestapo auf die Bühne und stoppte das Konzert. Der Gestapoleiter sagte ganz formell: ‚Man hat reklamiert, dass Sie Swingmusik spielen.‘ Da meinte ich: ‚Ja, was ist denn das, Swingmusik?‘ Er konnte es natürlich nicht erklären.

Über das Gesicht des betagten Mannes huscht ein verschmitztes und zufriedenes Lächeln, während seine Augen zu dem blauen, sanften Meer vor Acapulco schweifen. Dann verdunkelt sich seine Miene und er versucht im nächsten Satz den melodiösen Klang seines Schweizerspanischs mit dem ruppigen Tonfall des Nazideutschs zu überspielen.

‘Spielen Sie keine deutschen Schlager?‘, fragte der Gestapomann hart. Da habe ich zu meinen Musikern gesagt, Nummer 43, das war Bei mir bist Du schön. Das hört sich schön deutsch an, ist aber ein hundertprozentig jüdisches Lied. Das haben wir dann gespielt, aber die Gestapo sagte, dies sei immer noch amerikanische Negermusik. Daraufhin spielten wir den Bugle Call Rag, aber im Marschrhythmus. In seinem Klarinettensolo hat Ernst Höllerhagen dann über das Horst-Wessel-Lied, die inoffizielle Nazi-Hymne, improvisiert. Das war so der Anfang von meinem Ende in Deutschland.

Der Völkische Beobachter, die Tageszeitung der Nazis, und ein Musikfachblatt griffen Stauffer und die Band dann an und schrieben: Raus mit diesen Ausländern und der Judenmusik. Das Ende der Schweizer Swing-Band in Deutschland war dann abzusehen. Die Teddies spielten auf der Schweizer Landesausstellung, als der Geisteskranke aus der Berliner Reichskanzlei 1939 den Überfall auf Polen befahl.

Der Krieg, vor dem so viele gewarnt haben, ist da. Es wird ein Krieg, an dessen Ende halb Europa in Schutt und Asche liegen wird und Millionen von Müttern, Vätern und Kindern in Konzentrationslagern um ihr Leben gebracht sein werden.

Doch Deutschland befindet sich im Kriegstaumel. Es herrscht Mobilmachung, die deutschen Musiker der Teddies werden eingezogen. Das Orchester zerbricht. Nein, nein, Widerstandskämpfer sei er nicht gewesen, meint Teddy Stauffer, das sei zu viel der Ehre. Er habe einfach dieses braune Pack mit seiner bornierten und freudlosen Auffassung vom Leben nicht ausstehen können.

Und 1941 packt Teddy Stauffer dann seinen Koffer, fährt mit einem Dampfer über den Atlantik nach New York und wird viele Monate später hier in Acapulco stranden. Es wird für Teddy der Eintritt ins Paradies.

Londons bester Swingerclub

Photo by W. Stock

Photo by W. Stock

Sie sind fast alle verschwunden, entweder von der Bildfläche oder in die Bedeutungslosigkeit. Ich meine die Jazzclubs, dort wo sich in den 60er und 70er Jahren des abends die Anhänger der swingenden Musik trafen, bei einem Bier oder zweien, und den Musikern lauschten.

Wohin man auch blickt, traurig genug, die Jazzclubs spielen keine Rolle mehr. Mit einer Ausnahme, möchte man hoffnungsvoll anfügen, Ronnie Scott’s Jazzclub in London. Der zeigt sich fidel wie in alten Tagen.

Zwar ist sein Gründer, der Londoner Tenorsaxophonist Ronnie Scott, vor einigen Jahren gestorben. Doch es geschah dann etwas, was als großer Glücksfall zu bezeichnen ist. Auf den Gründer folgte mit der Theaterunternehmerin Sally Greene eine neue Generation, die den Laden übernahm, eine Person, die sowohl betriebswirtschaftliches Denken als auch musikalischen Sachverstand in sich vereinigt. Und wohl auch die Liebe zum Jazz.

Ronnie Scott’s Club liegt ein bisschen unscheinbar da in der Frith Street Nummer 47. Zwischen all den trendy Vineshops und Restaurants, den kleinen Trödelläden und den camouflierten Massagesalons. Hier zwischen Piccadilly und der Shaftesbury Avenue schlägt das Herz von London. nicht gerade im feinen und eleganten Takt, aber heftig pulsierend und dem Neuen zugeneigt.

Es fällt auf, dass im Club nicht nur kleine Hausgruppen oder der Nachwuchs spielt, sondern veritable Weltstars. Wenn ein Großer nach Europa kommt, dann ist die Chance groß, dass er hier in London in der Frith Street auftritt. Das lässt sich wegen der hohen Kosten allerdings nur amerikanisch darstellen. Die Auftritte des Stars erfolgen über zwei oder gar Auftritte pro Abend verteilt, wobei das Publikum dann immer ausgewechselt wird.

Zur Musik gibt es Essen, Getränke von der langen Bar links neben der kleinen Bühne. Eine Ronnie’s Bar, eine Lounge im Obergeschoss, rundet das Konzept ab. Dazu Merchandising. Nur in einer solchen Mischkalkulation wird man ein solch anspruchsvollen Programm finanziell stemmen können.

Und so geben sich die Stars von Jazz und Pop in Ronnie Scott’s die Klinke in die Hand: Tania Maria, José Feliciano, Nigel Kennedy, Monty Alexander, Manu Dibango – das sind Namen nur der letzten Wochen.

Was mir am neuen Ronnie Scott’s zudem auffällt, ist die Qualität des Marketing. Sonst oft nicht gerade die Stärke der Jazz-Freunde, zeigt sich die Werbung für den Club und die Konzerte auf der Höhe der Zeit. Website, Mitgliederkonzept, Thementage, Events, ein informativer Newsletter – alles vom Feinsten. Und all das, obwohl man mittlerweile über 50 Jahre auf dem Buckel trägt. Solches macht Hoffnung, nicht nur für den Jazz, sondern auch für den Live-Jazz.

Drei Wünsche des Jazz

Dies ist ein wunderbares Buch, ein Buch voller Anmut und Sentimentalität. Es lädt ein zur nostalgischen Reminiszenz und zum tiefgehenden Staunen. Ein Kleinod für Jazz-Freunde aus dem Reclam-Verlag.

Die Mentorin des Werkes, die Baronesse Pannonica de Koenigswarter, die jüngste Tocher von Charles Rothschild, war eine Jazzverrückte, seit sie als junges Mädchen die Plattensammlung ihres Vaters entdeckte.

Später wurde sie Vertraute, Beichtmutter und letzte Hilfe vieler Jazz-Musiker im New York der 50er und 60er Jahre. Nica war die Frau, in deren Wohnung Charlie Parker Obdach fand und starb. Und in der Thelonious Monk neun Jahre lebte.

In über zwei Dutzend Jazzkompositionen flog ihr der Dank der meist schwarzen Musiker zu. Nica oder My Dream of Nica von Sonny Clark beispielsweise oder das berühmte Pannonica von Thelonious Monk.

Mit ihrer Polaroid-Kamera fotografierte die Baronesse 300 ihrer Musikerfreunde und ihnen allen hat sie die Frage gestellt, was sie sich wünschen würden, hätten sie drei Wünsche frei. Ihre Großnichte Nadine de Koenigswarter hat aus den Antworten ein leidenschaftliches und zugleich liebenswertes Buch zusammen gestellt.

Ebenso interessant wie die leicht vergilbten Polaroids erscheinen die drei Wünsche der Giganten des Jazz. Von Monk, Dizzy Gillespie, Coleman Hawkins, Art Blakey oder Clark Terry. In ihren Wünschen zeigen sich die Künstler als sorgengeplagte underdogs, die in einem zähen Kampf um künstlerische Anerkennung, materielles Auskommen und wohl auch um ein bisschen Liebe ringen. So drehen sich die meisten Wünsche um die Themen Geld, Musik und Frauen.

Mein Lieblings-Dreier? Hier ist er:
1. Glück.
2. Musikalischen Erfolg.
3. Das Dritte will mir nicht einfallen!… Ich überlegte krampfhaft, was es ist…. Jetzt weiß ich’s! Ich wünsche mir ein Baby!

Dies schrieb Freddie Hubbard.

Der lakonische Miles Davis brachte nur drei Wörter zu Papier, denn er hatte nur einen Wunsch: WEISS zu sein.

Carlos Gardel singt jeden Tag besser

Photo by W. Stock

Buenos Aires, im Januar 1988

Der Gott der Porteños ist schon lange tot. Genauer gesagt, seit 1935, als er bei einem Flugzeugabsturz in Medellín ums Leben kam. Und doch scheint dieser Tote lebendiger zu sein als so mancher in dieser Stadt.

Man kann ihn nicht übersehen in Buenos Aires. Sein Foto baumelt wie eine Duftkerze in den Taxis, er klebt als Postkarte in der Kante des Friseurspiegels oder man betritt eine U-Bahn-Station, die seinen Namen trägt.

Und das riesige weiße Mausoleum des Tangosängers auf dem Chacarita-Friedhof ist eine Pilgerstätte, die mit allerlei Devotionalien der Ehrerbietung bestückt ist und stets von Bewunderern umlagert wird. Cada dia canta mejor, wohl wahr, mit jedem Tag singt er besser, steht als Losung auf einem goldenen Schild.

Carlos Gardel gilt in Buenos Aires als Gott des Tangos, was wahrscheinlich aber untertrieben ist. Denn eher ist er Gott, Jesus und Moses in einer Person. Wen sollte man hier sonst verehren? Die Politiker? Korrupt bis auf die Knochen. Manager? Schmierig und gierig. Schauspieler? Ziemlich bedeutungslos. Nein, nein, der Tango, diese traurige und doch irgendwie trotzige Musik eignet sich wunderbar, die unaufhörlich platzenden Träume des argentinischen Bürgers zu beklagen.

Der Tango, der um die Wende zum 20. Jahrhundert in den Matrosenkaschemmen des La Boca-Hafenviertels entstanden ist, beschreibt die melancholische, teils resignative, aber auch stolze Haltung der sozial Benachteiligten. Im Tango klagt der kleine Mann über seine Not und das Schicksal, das es nicht gerade gut mit ihm gemeint hat. Der Tango jammert über das fehlende Geld und den verbleichenden Glanz der Schönheit, über den Krach mit einer Frau, die Bitternis einer nicht erhörten Liebe.

Auf die Kernbotschaft verdichtet, beschreibt der Tango das erschreckte Aufwachen aus einem schönen Traum. Wie das Erwachen aus dem Traum vom Reichtum, der Illusion von Liebe und dem Traum, der zwischen Geburt und Tod liegt. Der bekannte Gardel-Tango Adios Muchachos ist so eine typische wehmütige und bockige Abrechnung mit dem hiesigen Leben, in der Botschaft ähnlich wie Frank Sinatra My Way singt. Und bei beiden könnte es auch heißen: Lebt wohl, Ihr Scheißkerle, ich mach mich davon, und Ihr dürft mich mal alle mal kräftig!

Sicherlich ist der Tango ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann. Noch mehr ist er aber ein stummer Dialog zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischen Mann und Frau, zwischen Nähe und Fremdheit. Für die Argentinier als Nation drückt der Tango den kollektiven Wunsch nach Geborgenheit und Heimat aus, eine Träumerei, die von der Wirklichkeit so schändlich hintertrieben wird. Und es ist der tote Carlitos, der von dieser Utopie singt. Mit jedem Tag besser.

Miles Davis – Trompeter, Genie, Kotzbrocken

Der amerikanische Trompeter Miles Davis war für die moderne Musik das, was Pablo Picasso für die Malerei und Charles Chaplin für den Spielfilm waren – ein über Jahrzehnte eigensinniger Innovator und intelligenter Stilpräger.

Miles Davis gilt als Gründer des Cool Jazz, er trieb den Bebop voran und spielte dann im Fusion, jenen Mix aus Jazz und Rock, eine tragende Rolle. Und dann zum Schluss kam der Electric Jazz. Plus populäre Songs. Wenn er mit seiner gestopften Trompete Pop-Balladen wie Time after time zelebrierte, entströmte da die ganze Herrlichkeit und zugleich auch der ganze Schmerz einer suchenden Generation aus seinem goldenen Instrument. Miles ist mehr als ein Musiker, er ist unser Master, der Champion, ein Genius der sperrigen Virtuosität.

Sicher, Miles war kein einfacher Mensch, aber man zeige ein Genie, das einfach wäre. Ein ziemlicher Kotzbrocken soll er gewesen sein. Es gab auch Kritiker, nicht an der Musik, natürlich, aber am Charakter. Wieder einmal hat der liebe Gott, wie schon bei Wagner und Karajan, in einem Anfall von Zerstreutheit eine große Begabung an ein großes Arschloch vergeben, das schrieb beispielsweise der Jazzjournalist Werner Burkhardt über Miles Davis.

Dieser Jazzmusiker war ein Star, jemand der Hallen und ein Festivalgelände locker füllen konnte. Es war schon seltsam, wie Miles Davis da auf der Bühne stand, der Rumpf vornüber gekrümmt, den – naja – verlängerten Rücken dem Publikum zu gewandt. Aber Miles war kein Mann der Kompromisse. Er blieb kompromisslos der Musik verfallen.

Die Musik des Künstlers nimmt das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf. Seine surreal hauchende Trompete dient den Pariser Existenzialisten zur Inspiration. Sein brillanter Ton trifft die kühle Leidenschaft der an Gott und an der Welt verzweifelnden jungen Intellektuellen vom Montmartre bis Berkeley .

Er selbst nennt sich Prince of the Darkness. Und er ist von einer beeindruckenden Kreativität. Bitches Brew, We Want Miles, Kind of Blue und Some day my prince will come – mindestens vier Platten plaziert Miles Davis auf der ewigen Bestenliste des Jazz. Konservativ gerechnet.

Man kann Miles Davis zehn Mal, man kann ihn hunderte Male hören, stets entdeckt man etwas Neues, etwas Überraschendes. Die Musik von Miles Davis scheint – so wie eine schöne Liebe – ewig jung zu bleiben und alterslos zu sein. Wenn ich Miles höre, so denke ich, wie kann einem einfachen Stück Blech nur ein solcher Liebreiz und eine solche Schönheit entströmen?

Miles Davis, eigentlich ein Mann für die Ewigkeit. Irgendwann hat es den schwarzen Prinzen dann doch erwischt. 1991 stirbt er in Santa Monica. Er konnte nicht mehr spielen. Lungenembolie sagen die einen, Aids, die anderen. Alles Unsinn, die Wahrheit ist diese: Erst stirbt die Trompete, dann der Mensch.

Mick Jagger im Dschungel – und noch einer

Foto by René Pinedo

Iquitos, im Januar 1981

Er setzt seinen einfachen Strohhut auf, schlendert durch die Menge und durchstreift die schwüle Welt des Amazonas. Er fällt nicht weiter auf, hier in der Amazonasstadt Iquitos. Mit seinem karierten Hemd, der grauen Hose. Eigentlich bewegt er sich wie du und ich. Er ist zu Dreharbeiten hier nach Peru gekommen, zu dem Film Fitzcarraldo, in dem er eine Nebenrolle spielt.

So war es bei Mick Jagger immer, die Musik ist seine grosse Passion, der Film seine kleine. Und Fitzcarraldo im Dschungel, auch das ist so ganz nach seinem Geschmack.

Nun ja, 1981 hat gerade sonnig begonnen, und in diesen Jahren wird noch nicht soviel Aufhebens gemacht um Stars und Superstars wie heutzutage. Keine Leibwächter, keine Absperrung, keine Akkreditierung.

Der Musiker kann sich frei bewegen wie es ihm beliebt, er wird nicht angesprochen, nicht behelligt, keiner geht ihm auf die Nerven. Die Stadt ist eh voll von Filmprominenz.

Mick wohnt im Holiday Inn, dem feinsten Haus am Platze, etwas außerhalb der Stadt. Das Holiday Inn verfügt über einen hübschen Swimmingpool, was bei Temperaturen um die 40 Grad ein Genuß ist. Dort sieht man dann den Boss der besten Band der Welt sich auf der Pool-Liege sonnen, die Freundin Jerry Hall daneben. Und zwischendrin huscht er auf’s Zimmer und werkelt an neuen Songs der neuen Platte. The Rolling Stones Tattoo You soll sie heißen.

Da keiner Mick kennt, kann man auf ihn zugehen, ihn begleiten. Mick Jagger ist hier in den fernen Tropen so ganz anders als auf der Bühne, wo er als Vulkan an Extrovertiertheit auftritt. Hier zeigt er sich von einer ruhigen, unauffälligen Seite, ja, bisweilen mag man ihn schüchtern nennen.

Schön auch, dass ich fast der einzige Journalist vor Ort bin. Da ist nur noch Tomás d’Ornellas von der Tageszeitung Expreso aus Lima. Und auch der Fotograf René Pinedo, der Jahre später unter tragischen Umständen ums Leben kommen sollte, als er auf der Landstrasse von einem LKW erfasst werden sollte und er tagelang im Leichenhaus lag und niemand um seine Identität wusste. Ich bitte René Pinedo, einige Fotos von Mick und mir zu schießen, die ich dann Tage später bei ihm in der Redaktion in Lima abhole.

Mick Jagger im Dschungel und dieser Schreiber auch. Das glaubt zu Hause doch keiner, Seemannsgarn aus dem Urwald, eine nette Flunkerei. Nein, nein, es ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Für den jungen Journalisten ist die Begegnung in den Tropen ein Scoop, seine Berichte über Jagger in the Jungle werden in mehr als einem Dutzend Länder veröffentlicht.

Heute ist Sonntag und wir stehen am prächtigen Malecón, der steil abgehenden Uferböschung zum Amazonas, und schauen den Dreharbeiten zu. Mick fotografiert alles mit seiner schwarzen 8mm-Kamera. Und René Pinedo fotografiert Mick und – Mich.

siehe auch: Mick Jagger ist Wilbur

Frank Sinatra fliegt zum Mond

Bart Howard hatte Fly me to the Moon 1954 komponiert und getextet. Zahlreiche Interpreten haben den Song aufgenommen. Johnny Mathis, Ella Fitzgerald, Mel Tormé, Sarah Vaughan, Tony Bennett. Alles nett bis obernett. Jedoch kommen sie alle an die Version Frank Sinatras nicht heran, weil er wie kein anderer dieses perfekte, swingende Taktgefühl besitzt.

Ein Erfolgsgeheimnis Sinatras war, dass er sich immer mit den allerbesten seines Faches umgeben hat, musikalisch zumindest. Mit den besten Solisten, den besten Arrangeuren, den besten Orchestern. Da er schon früh Erfolg errang, besaß er auch das nötige Kleingeld immer Spitzenleute zu verpflichten. Und sobald Sinatra die Basie Big Band im Nacken spürte, dann lief er zur Hochform auf. Frankieboy vermochte bei Count Basie seine retardierende Phrasierungen einzubauen, die einen ungewöhnlichen Kontrast zur explosiven Dynamik der Basie-Musiker bildeten.

Sinatra hatte den Song erstmals 1964 für das Album It Might as Well Be Swing aufgenommen. Zwei Jahre später singt er das Lied meisterhaft bei seinem Live-Auftritt im Sands von Las Vegas. Oder er tritt, wie im Youtube-Video zu sehen, auch mal vor ziemlich schweren Jungs auf.

Bei Sinatras Fly me to the Moon schrieb das Arrangement, das darf nicht vergessen werden, der geniale Quincy Jones. Der rhythmische Spannungsbogen, eine lockere Melodie, die knallenden Blechbläser, Quincy Jones hat alles perfekt zusammengeführt.

Fly me to the moon
Let me play among the stars
Let me see what spring is like
On Jupiter and Mars

Am 20. Juli 1969 wird der Song endgültig unsterblich. Neil Armstrong und Edwin Buzz Aldrin stehen als erste Menschen auf der Mondoberfläche, Michael Collins bleibt an Bord der Apollo 11. Buzz Aldrin spielt auf einem Kassettenrekorder die Sinatra/Basie-Version von Fly me to the Moon.

Es ist das erste Lied, das je im Orbit zu hören ist. Ein Traum der Menschheit ist Wirklichkeit geworden. Der Mann im Mond ist angekommen. Fly me to the Moon. Und Frank Sinatra schickt seine besten Grüsse aus dem Weltall auf die Erde.

Der Jazz ist tot!

Eubie Blake, 1978; Photo by W. Stock

Wenn man sich die Programme der sommerlichen Jazz Festivals von Montreux über Nizza bis Los Angeles anschaut, dann kommen einem schnell die Tränen. Und auch wenn man in die Programmhefte der in Ehren ergrauten Jazzclubs blickt, dann überfällt den Jazzfan das Grausen.

Die Clubs leeren sich, das Programm dünnt sich aus. Da ist kein Jazz mehr, weil die Jazzer fehlen. Dem Jazz – Musiker wie Publikum – fehlt ganz einfach der Nachwuchs. Ist der Jazz ein Generationen-Projekt, das in diesen Jahren zu enden droht?

Was in unserer Zeit unter dem Label Jazz läuft, entpuppt sich meist als Etikettenschwindel. Da hört man vielleicht ein bisschen Fusion, Rockjazz oder Weltmusik. Und wenn es dann doch richtiger Jazz ist, dann spielt die Epigone der Jazz-Epigone. Aber das sind noch die guten Fälle.

Oft hören wir bloss musikalische Hochstapelei oder Heiratsschwindel, der sich dann ganz frech Jazz nennt. Man erkennt die Roßtäuscher ganz schnell, denn die neue Musik zeichnet eine stilistische Beliebigkeit aus , es fehlt dieser neuen Musik an Substanz, an Vorbildern und an Tradition, aus der sie schöpfen könnte. Und, möchte man anfügen, es fehlt ganz einfach an Wettbewerb. An Wettbewerb, an dem sich die neue Musik messen lassen kann.

Kein Wunder, wenn das Publikum  nicht nachwächst, sondern nur älter wird. Kein Wunder, wenn Jazzmusiker nicht nachrücken, sondern aussterben. Und vielleicht war diese prächtige Musik ja auch nur eine Musik, die nicht älter als 80 Jahre werden durfte.

Das sind die Tatsachen, so sehen die Fakten aus. Und leider müssen wir uns dieser Wirklichkeit stellen, so schmerzlich sie auch sein mag. Es ist traurig. Chet Baker ist tot. Charlie Parker ist tot. Miles Davis ist tot. Stan Getz ist tot. Und dann, liebe Leute, ist ja wohl auch der Jazz tot!

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