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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Schlagwort: musician

Miles Davis – Trompeter, Genie, Kotzbrocken

Der amerikanische Trompeter Miles Davis war für die moderne Musik das, was Pablo Picasso für die Malerei und Charles Chaplin für den Spielfilm waren – ein über Jahrzehnte eigensinniger Innovator und intelligenter Stilpräger.

Miles Davis gilt als Gründer des Cool Jazz, er trieb den Bebop voran und spielte dann im Fusion, jenen Mix aus Jazz und Rock, eine tragende Rolle. Und dann zum Schluss kam der Electric Jazz. Plus populäre Songs. Wenn er mit seiner gestopften Trompete Pop-Balladen wie Time after time zelebrierte, entströmte da die ganze Herrlichkeit und zugleich auch der ganze Schmerz einer suchenden Generation aus seinem goldenen Instrument. Miles ist mehr als ein Musiker, er ist unser Master, der Champion, ein Genius der sperrigen Virtuosität.

Sicher, Miles war kein einfacher Mensch, aber man zeige ein Genie, das einfach wäre. Ein ziemlicher Kotzbrocken soll er gewesen sein. Es gab auch Kritiker, nicht an der Musik, natürlich, aber am Charakter. Wieder einmal hat der liebe Gott, wie schon bei Wagner und Karajan, in einem Anfall von Zerstreutheit eine große Begabung an ein großes Arschloch vergeben, das schrieb beispielsweise der Jazzjournalist Werner Burkhardt über Miles Davis.

Dieser Jazzmusiker war ein Star, jemand der Hallen und ein Festivalgelände locker füllen konnte. Es war schon seltsam, wie Miles Davis da auf der Bühne stand, der Rumpf vornüber gekrümmt, den – naja – verlängerten Rücken dem Publikum zu gewandt. Aber Miles war kein Mann der Kompromisse. Er blieb kompromisslos der Musik verfallen.

Die Musik des Künstlers nimmt das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf. Seine surreal hauchende Trompete dient den Pariser Existenzialisten zur Inspiration. Sein brillanter Ton trifft die kühle Leidenschaft der an Gott und an der Welt verzweifelnden jungen Intellektuellen vom Montmartre bis Berkeley .

Er selbst nennt sich Prince of the Darkness. Und er ist von einer beeindruckenden Kreativität. Bitches Brew, We Want Miles, Kind of Blue und Some day my prince will come – mindestens vier Platten plaziert Miles Davis auf der ewigen Bestenliste des Jazz. Konservativ gerechnet.

Man kann Miles Davis zehn Mal, man kann ihn hunderte Male hören, stets entdeckt man etwas Neues, etwas Überraschendes. Die Musik von Miles Davis scheint – so wie eine schöne Liebe – ewig jung zu bleiben und alterslos zu sein. Wenn ich Miles höre, so denke ich, wie kann einem einfachen Stück Blech nur ein solcher Liebreiz und eine solche Schönheit entströmen?

Miles Davis, eigentlich ein Mann für die Ewigkeit. Irgendwann hat es den schwarzen Prinzen dann doch erwischt. 1991 stirbt er in Santa Monica. Er konnte nicht mehr spielen. Lungenembolie sagen die einen, Aids, die anderen. Alles Unsinn, die Wahrheit ist diese: Erst stirbt die Trompete, dann der Mensch.

Mel Tormé, der weiche Jazzer

Zunächst ein kleines Geständnis: Früher, so vor zwanzig, dreißig Jahren, da mochte ich diesen Melvin Mel Tormé überhaupt nicht. Ich kannte ihn von Platten, habe ihn auch einmal live gesehen, und war stets so ziemlich unbeeindruckt. Tormé kam mir, für den Jazz eher ein räudiger Strassenköter denn ein parfümierter Pudel ist, als ein seltsamer Jazzsänger vor. In seinem Smoking, mit seiner Fliege und diesem albernen Einstecktüchlein. Tormé sang mir einfach zu affig, zu affektiert, zu sehr auf Effekt angelegt.

Da lag ich gehörig daneben! Welch ein gewaltiger Irrtum! Erst in den letzten Jahren habe ich wahr genommen, was für ein formidabler Sänger dieser Mel Tormé war. Vielleicht der beste nach Sinatra und Nat King Cole. Der Mann ist einfach Spitze. Tormé verfügt über eine technisch perfekte Intonation und über ein gutes, sicheres Swing-Gefühl.

Großartig ist seine Zusammenarbeit mit dem britisch-amerikanischen Pianisten George Shearing. Da sind zwei, die sich perfekt verstehen und traumwandlerisch harmonieren.

Shearing, mit seinem harschen aber swingenden Anschlag, bringt Tempo und Dynamik in die Performance. Tormé setzt seine Stimme fast wie ein Instrument ein, sagen wir, ein Tenorsaxophon. In der kleinen Combo kommt Mel Tormés Stimme voll zu Geltung, seine Stimmfarbe ist wunderbar, sehr weich, sehr angenehm.

Hören Sie mal diesen Anfang The way you look tonight. Da legt Shearing einfach los und geht ab wie eine Rakete. Da sind zwei, die Spass haben am Musizieren. Hier finden sich zwei Jazzer aus Leidenschaft.

Mick Jagger im Dschungel – und noch einer

Foto by René Pinedo

Iquitos, im Januar 1981

Er setzt seinen einfachen Strohhut auf, schlendert durch die Menge und durchstreift die schwüle Welt des Amazonas. Er fällt nicht weiter auf, hier in der Amazonasstadt Iquitos. Mit seinem karierten Hemd, der grauen Hose. Eigentlich bewegt er sich wie du und ich. Er ist zu Dreharbeiten hier nach Peru gekommen, zu dem Film Fitzcarraldo, in dem er eine Nebenrolle spielt.

So war es bei Mick Jagger immer, die Musik ist seine grosse Passion, der Film seine kleine. Und Fitzcarraldo im Dschungel, auch das ist so ganz nach seinem Geschmack.

Nun ja, 1981 hat gerade sonnig begonnen, und in diesen Jahren wird noch nicht soviel Aufhebens gemacht um Stars und Superstars wie heutzutage. Keine Leibwächter, keine Absperrung, keine Akkreditierung.

Der Musiker kann sich frei bewegen wie es ihm beliebt, er wird nicht angesprochen, nicht behelligt, keiner geht ihm auf die Nerven. Die Stadt ist eh voll von Filmprominenz.

Mick wohnt im Holiday Inn, dem feinsten Haus am Platze, etwas außerhalb der Stadt. Das Holiday Inn verfügt über einen hübschen Swimmingpool, was bei Temperaturen um die 40 Grad ein Genuß ist. Dort sieht man dann den Boss der besten Band der Welt sich auf der Pool-Liege sonnen, die Freundin Jerry Hall daneben. Und zwischendrin huscht er auf’s Zimmer und werkelt an neuen Songs der neuen Platte. The Rolling Stones Tattoo You soll sie heißen.

Da keiner Mick kennt, kann man auf ihn zugehen, ihn begleiten. Mick Jagger ist hier in den fernen Tropen so ganz anders als auf der Bühne, wo er als Vulkan an Extrovertiertheit auftritt. Hier zeigt er sich von einer ruhigen, unauffälligen Seite, ja, bisweilen mag man ihn schüchtern nennen.

Schön auch, dass ich fast der einzige Journalist vor Ort bin. Da ist nur noch Tomás d’Ornellas von der Tageszeitung Expreso aus Lima. Und auch der Fotograf René Pinedo, der Jahre später unter tragischen Umständen ums Leben kommen sollte, als er auf der Landstrasse von einem LKW erfasst werden sollte und er tagelang im Leichenhaus lag und niemand um seine Identität wusste. Ich bitte René Pinedo, einige Fotos von Mick und mir zu schießen, die ich dann Tage später bei ihm in der Redaktion in Lima abhole.

Mick Jagger im Dschungel und dieser Schreiber auch. Das glaubt zu Hause doch keiner, Seemannsgarn aus dem Urwald, eine nette Flunkerei. Nein, nein, es ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Für den jungen Journalisten ist die Begegnung in den Tropen ein Scoop, seine Berichte über Jagger in the Jungle werden in mehr als einem Dutzend Länder veröffentlicht.

Heute ist Sonntag und wir stehen am prächtigen Malecón, der steil abgehenden Uferböschung zum Amazonas, und schauen den Dreharbeiten zu. Mick fotografiert alles mit seiner schwarzen 8mm-Kamera. Und René Pinedo fotografiert Mick und – Mich.

siehe auch: Mick Jagger ist Wilbur

Frank Sinatra fliegt zum Mond

Bart Howard hatte Fly me to the Moon 1954 komponiert und getextet. Zahlreiche Interpreten haben den Song aufgenommen. Johnny Mathis, Ella Fitzgerald, Mel Tormé, Sarah Vaughan, Tony Bennett. Alles nett bis obernett. Jedoch kommen sie alle an die Version Frank Sinatras nicht heran, weil er wie kein anderer dieses perfekte, swingende Taktgefühl besitzt.

Ein Erfolgsgeheimnis Sinatras war, dass er sich immer mit den allerbesten seines Faches umgeben hat, musikalisch zumindest. Mit den besten Solisten, den besten Arrangeuren, den besten Orchestern. Da er schon früh Erfolg errang, besaß er auch das nötige Kleingeld immer Spitzenleute zu verpflichten. Und sobald Sinatra die Basie Big Band im Nacken spürte, dann lief er zur Hochform auf. Frankieboy vermochte bei Count Basie seine retardierende Phrasierungen einzubauen, die einen ungewöhnlichen Kontrast zur explosiven Dynamik der Basie-Musiker bildeten.

Sinatra hatte den Song erstmals 1964 für das Album It Might as Well Be Swing aufgenommen. Zwei Jahre später singt er das Lied meisterhaft bei seinem Live-Auftritt im Sands von Las Vegas. Oder er tritt, wie im Youtube-Video zu sehen, auch mal vor ziemlich schweren Jungs auf.

Bei Sinatras Fly me to the Moon schrieb das Arrangement, das darf nicht vergessen werden, der geniale Quincy Jones. Der rhythmische Spannungsbogen, eine lockere Melodie, die knallenden Blechbläser, Quincy Jones hat alles perfekt zusammengeführt.

Fly me to the moon
Let me play among the stars
Let me see what spring is like
On Jupiter and Mars

Am 20. Juli 1969 wird der Song endgültig unsterblich. Neil Armstrong und Edwin Buzz Aldrin stehen als erste Menschen auf der Mondoberfläche, Michael Collins bleibt an Bord der Apollo 11. Buzz Aldrin spielt auf einem Kassettenrekorder die Sinatra/Basie-Version von Fly me to the Moon.

Es ist das erste Lied, das je im Orbit zu hören ist. Ein Traum der Menschheit ist Wirklichkeit geworden. Der Mann im Mond ist angekommen. Fly me to the Moon. Und Frank Sinatra schickt seine besten Grüsse aus dem Weltall auf die Erde.

Teddy Stauffer: Der Swingkönig im Paradies

Teddy Stauffer

Teddy Stauffer, Acapulco im November 1982, Photo by W. Stock

Acapulco, im November 1982

Wenn Teddy Stauffer Besuch empfängt, so lässt er zunächst eine schmale, zwei Meter lange Zugbrücke aus Holz herunter, die seinen Wohnturm von der Strasse trennt. Die Villa Vera ist oberhalb des Stadtzentrums in den Hang gebaut und gilt mit seinem luxuriösen Swimmingpool und dem Racquet Club als die mondäne Luxusherberge der Stadt.

Von Teddys Hotelturm aus erhält man einen atemberaubenden Blick auf die Iacacos-Bucht und den kilometerlangen Strand, der wie eine Sichel den mexikanischen Badeort umläuft.  In etwa so, denke ich bei mir, muss der liebe Gott sich das Paradies vorgestellt haben.

Ins Paradies vertrieben, aus Nazi-Deutschland. In den späten 30ern ist der Schweizer Teddy Stauffer der Swingkönig von Berlin, gefeiert und bejubelt. Nach braunen Schikanen und Kriegsausbruch packt Teddy 1941 seinen Koffer, lässt die Heimat, auch Band und Musik hinter sich, fährt über den Atlantik nach New York, dann nach Hollywood und wird viele Monate später hier in Acapulco stranden.

Neben dem früheren Staatspräsidenten Miguel Alemán, dessen Einsatz Ende der 40er Jahre die touristische Erschließung Acapulcos voranbringt, hat Teddy Stauffer am meisten dafür getan, dass heute alle Welt diese Stadt am Pazifik kennt. Folgerichtig bezeichnen ihn die Amerikaner als Mister Acapulco, während er von den Einheimischen liebevoll Señor Teddy genannt wird.

In den letzten Jahren ist ihm, der noch das kleine Fischerdorf von 8.000 Bewohnern kannte, Acapulco ein wenig fremd geworden. Meine wunderschöne Bucht von Acapulco ist verschwunden, meint Teddy Stauffer bitter. Statt dessen erblicke er aus seinem Turm am Berghang die wuchtigen Condominiums und Hotelbauten, die den Blick auf das azurblaue Wasser verstellen.

Bei aller Melancholie mag Teddy das süße Leben, die Frauen, die wilde Jazzmusik, er kennt alle Großen der Glitzerwelt, und alle kennen ihn. Der Mann ist ein Träumer, vielleicht ein Traumtänzer, manchmal gar ein Hallodri. Ein Romantiker jedenfalls, jemand, der die Geige streicheln kann, das Saxophon spielt, jemand, der weiß, wer Jimmie Lunceford ist, und wie man eine Rita Hayworth rumkriegt. Als ob das nicht schon reichen würde.

Ob er denn nicht ab und an Heimweh nach der Schweiz, nach dem ruhigen Bern und dem beschaulichen Murtensee verspüre, frage ich ihn. „Ach, wissen Sie,“ antwortet der 73-jährige Musiker, „seit vierzig Jahren laufe ich hier in Acapulco barfuss herum. Ich glaube, an richtige Straßenschuhe könnte ich mich gar nicht mehr gewöhnen.“

Also, wenn das kein überzeugendes Argument ist. Nicht zuletzt aus einem solchen Grund passt Teddy so gut zu Acapulco. Aber wohl auch Acapulco zu Teddy, möchte man rasch hinzufügen.

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