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Erwin Barths Geheimnis

Frankfurt am Main, im Juni 1990

Frankfurt am Main, im Juni 1990

Von diesem älteren Herrn kann man eine Menge lernen. Erwin Barth von Wehrenalp. Der Gründer des ECON Verlages, ein Mann von ausgeprägtem Esprit, hat Buchgeschichte geschrieben.

Ich habe nie mit ihm bei ECON zu tun gehabt, zwei Generationen lagen zwischen uns, er hatte sich zu meiner ECON-Zeit schon aus dem Geschäft zurück gezogen. Obgleich es an manch trübem Tag in den Lektoraten an Düsseldorfs Kaiserswerther Strasse schien, als müsste man den Erfolgsgeist des Altverlegers ein wenig beschwören. So jedenfalls waren die Meriten damals verteilt: hier die Legende, dort die Grünschnäbel.

Im Juni 1990 bekomme ich die Einladung zu einem Festbankett von Kienbaum in Frankfurt, auf dem ich Erwin Barth von Wehrenalp nun auch von Angesicht zu Angesicht kennenlernen sollte. Einen ganzen Abend sitze ich neben ihm, bin als sein Tischnachbar gesetzt und wir reden über Gott und die Welt, über Bücher und über’s Büchermachen.

Ein liebenswerter und sympathischer Menschenfreund, so das Fazit des Festes, dieser Erwin Barth. Aber auch ein Schlaufuchs, ein richtiger Schlawiner, wenn es darauf an kommt. Besonders wie man mit Menschen umgeht, das kann man sich bei Erwin Barth ab schauen. Er war bei Adenauer, bei Ludwig Erhard, seinem Bestseller-Autor, und auch bei John F. Kennedy.

Barth hatte Kennedys The Strategy of Peace als deutsche Ausgabe Der Weg zum Frieden 1961 im ECON Verlag veröffentlicht. Nun empfing der amerikanische Präsident seinen deutschen Verleger im Weißen Haus zu Washington. Für die Audienz habe er genau 15 Minuten, wurde Erwin Barth streng beschieden, der Zeitplan des Präsidenten sei eng. Als später der präsidiale Assistent drängte, die Zeit sei um, fing Kennedy an zu gestikulieren, und meinte trocken ten minutes more. Auch ihn hatte Erwin Barth in seinen Bann gezogen.

Worin lag das Geheimnis Erwin Barths, Menschen zu fesseln? Nun, er ließ sein Gegenüber Interesse und Verbundenheit spüren. Und mehr noch, er nahm sich zurück und stellte seinen Gesprächspartner in den Mittelpunkt. Und dann überfiel Erwin Barth das arme Opfer vehement mit einer tour de charme. Das ganze Programm, rauf und runter: Bauchpinseln, in den Himmel heben, loben, schmeicheln – bis der Arzt kommt.

Wollte er einen Menschen endgültig auf seine Seite ziehen, dann sagte er irgendwann im Gespräch, Sie müssen über Ihr Leben ein Buch schreiben!, selbst wenn sein Gesprächspartner keinen geraden Satz heraus bekommen konnte. Und schon hatte der findige Verleger einen Gewogenen, einen Sympathisanten, einen Türöffner vielleicht.

Und noch etwas. Erwin Barth gab dem jungen Lektor einst den Ratschlag, bei der Autorenakquisition den Blumenstrauß für die Dame des Hauses nicht zu vergessen. Dieser Rat hat sich stets bewährt, er erwies sich als wirksamer Türöffner. Auch hier lag Erwin Barth von Wehrenalp richtig.

siehe auch: Wie Erwin Barth von Wehrenalp „Mister Sachbuch“ wurde

New Journalism in altem Land

Der Journalist muss reinspringen ins Geschehen, er muss das Blut spritzen sehen, den Staub riechen und das Geschrei hören können. Der Reporter sollte erzählen und eine Geschichten schreiben. Aber nicht mehr wie der General auf seinem Feldherrnhügel, sondern er sollte hinab laufen ins Getümmel.

Die neue Schule des Journalismus. Der New Journalism geht nah ran, nah wie ein Paparazzo. Das war die Revolution, ausgerufen von jungen Journalisten in den 60er Jahren in den USA.

Das war natürlich nichts für das ehrpusselige Deutschland. Da gab es wenig neuen Journalismus, keine New Journalists von Bedeutung. Keinen wirklichen Star.

Erich Wiedemann hätte sicherlich das Zeug dazu gehabt. Vielleicht hätte er gewollt, aber Der Spiegel nicht. Jörg Fauser und Axel Arens, die wohl grössten Talente, beide zu früh gestorben. Marie Luise Kaltenegger, eine Österreicherin, hat’s gekonnt, ist aber nicht richtig dran geblieben. Jürgen Ploog, der hätte was werden können, wenn er gefördert worden wäre und nicht immer überdrehen würde.

Heute bleibt eigentlich nur einer über. Helge Timmerberg, der ist richtig gut, der kann’s. Auch, weil er sich kompromisslos hinter seine Sache stellt. Als brillanter Stilist überzeugt er obendrein. Eine Stadt-Reportage über Dublin fängt Timmerberg so an: Das Wetter: Beschissen wäre geprahlt. Die Preise: balla-balla. Der Nichtraucherschutz: total durchgeknallt.

Da merkt man bei den ersten Sätzen Leidenschaft, da spürt man Tempo und Humor. Der richtig gute Reporter ist ein streunender Strassenköter und kein parfümierter Pudel. Und Timmerberg gibt den ganz wilden Streuner, einen, der an jeder Ecke schnüffelt.

Nun ist Helge Timmerberg in der Mitte der Gesellschafts angekommen, er schreibt für die BILD am SONNTAG, aus Afrika, was schön und exotisch und ziemlich weit weg ist. Man würde Timmerberg einen Gefallen tun, ihn über sturzlangweilige deutsche Themen schreiben zu lassen, über eine Vorstandssitzung eines Versicherungskonzern meinetwegen, oder über einen Arbeitersportverein in Ostthüringen. Afrika, möchte man sagen, ist einfach. Ob einer wirklich was drauf hat, merkt man bei Ostthüringen. Und Timmerberg hat wirklich eine Menge drauf.

Nach Timmerberg kommt zunächst einmal nichts. Dann vielleicht die heutige Ärmelschoner-Generation der Fichtners, Büschers, Schnibben, Schreps. Dort herrscht allerdings publizistischer Stillstand, denn diese Reporter schreiben seit Jahren genau jenes, was ihr Publikum von ihnen erwartet. Nach dem ersten Satz weiß man, wie es weitergeht, die Perspektive ist immer die gleiche. Inhalte langweilig, Stil gut, aber Timing lau.

Es finden sich in Deutschland nicht solch mutige unideologische Magazine wie in den USA, die den New Journalists eine Plattform eingeräumt haben: The New Yorker, Atlantic Monthly, Esquire oder Rolling Stone. Wahrscheinlich ist der New Journalism in Deutschland auch an der Armseligkeit seiner Magazine gescheitert.

Konrad Kujau – ein Original als Fälscher

Welches dieser beiden Bilder ist das Original? Und welches ist die Fälschung? Ist nun das linke oder das rechte Bild von Pablo Picasso?

Gut, der Kunstliebhaber und Sammler erkennt schon die Unterschiede. Als Beispiel: In dem rechten Bild ist erkennbar mehr Spannung drin, in der Aufwärtsbewegung des Stieres, beim Torero. Der Schweif des linken Stieres ist ziemlich verunglückt. Nun ja, daran erkennt das Expertenauge: Rechts, das ist der echte Picasso.

Wobei man sagen muss, die linke Fälschung ist schon sehr gut. Sie stammt von einem Mann, der eine große deutsche Wochenillustrierte – und mit ihr gleich eine ganze Nation – über Wochen zum Narren gehalten hat. Konrad Kujau heißt der Fälscher.

Kujau war kein Kopist, sondern hat sich immer als Fälscher bezeichnet. Darauf legte er Wert: Keine Kopien zu malen, sondern Falsifikationen. Denn meist malte er im Stil eines Malers, aber er malte keine Bilder ab. Hier hat er eine Ausnahme gemacht.

Aber dieser Konrad Kujau war schon Spitze. Wie er bei der Fälschung den Bodenschatten gemalt hat, das gefällt mir besser als im Original, auch die Beine des Toreros. Man sieht, kein Zweifel, nicht nur malerisch war Konrad Kujau ein Schlitzohr. Kujau signierte deutlich mit der Unterschrift des Maestro und in die rechte untere Ecke plazierte er – kaum lesbar – sein Signet Kujau.

In seiner 50qm-Kellergalerie in Stuttgart wimmelte es von van Goghs, Toulouse-Lautrecs und Cesannes. Hier, im länglichen Souterrain der Schreiberstrasse 22, hingen neben den Gemälden und Skizzen auch allerlei Handschriften und Notenblätter. Befehle vom alten Fritz oder Partituren von, drunter tut Kujau es nicht, vom Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart. Das vergilbte Papier hübsch eingerahmt.

Ich besuchte Anfang der 90er Jahre die Galerie zwei- oder dreimal und fand den Meisterfälscher als kauzigen Spaßvogel mit fleißiger und kundiger Fälscherhand. Ich brauche heute nachmittag noch etwas Geld für’s Einkaufen beim Aldi, meinte er damals verschmitzt zu mir, da male ich noch schnell einen Matisse.

Am meisten lag ihm Pablo Picasso. Ein Normalmensch würde einen Kujau-Picasso für einen echten Picasso halten. So wie hochdekorierte Schriftexperten die Handschrift Kujaus für die Hitlers gehalten haben. Und nun ist Konrad Kujau selbst ein Star, der, als kuriose Fussnote, nun selbst kopiert wird. Fälschungen werden gefälscht.

Aber Kujau bleibt eine amüsante Fussnote im Kunstbetrieb. Als penibler Hitler-Fälscher wanderte er durch die Gazetten. Der Fälscher, so windig sein Metier auch sein mag, hat die Lacher auf seiner Seite. Über die Jahre wurde Konrad Kujau salonfähig. Aus einem falschen Picasso wird nun ein echter Kujau.

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