Reisen & Begegnungen

Schlagwort: Miles Davis

Die beste Jazzplatte, überhaupt.

Miles Davis
Miles Davis: Someday my Prince will come.

Es ist ein klarer Märzmorgen an der amerikanischen Ostküste. Über den Häuserschluchten von Manhattan liegt noch die Kälte des vergangenen Winters, und ein scharfer Wind treibt Abfallfetzen über die Bürgersteige der 30. Straße. In Washington hat vor wenigen Wochen ein junger, charismatischer Präsident sein Amt angetreten: John F. Kennedy, Hoffnungsträger einer neuen Generation.

Die Welt steht am Beginn eines Jahrzehnts voller Umbrüche. Von der Berliner Mauer ist noch kein Stein gesetzt, doch der Kalte Krieg liegt bereits wie ein unsichtbarer Schatten über den Kontinenten. Es ist das Jahr 1961 – eine Zeit zwischen Aufbruch und Unsicherheit, zwischen Eleganz und Bedrohung.

Während draußen die Stadt lärmt und hupt, herrscht im Columbia Studio an der 30th Street eine fast feierliche Ruhe. Die ehemalige Kirche mit ihrer hohen Decke und ihrer legendären Akustik wird an diesem 20. März Musikgeschichte schreiben. Techniker prüfen Kabel und Mikrofone, Aschenbecher stehen auf den Notenpulten, der Geruch von Tabak, Kaffee und kaltem Wintermantel liegt in der Luft.

Dann betritt Miles Davis den Raum – schlank, kühl, unnahbar. Der Dark Prince des Jazz spricht wenig, wie immer. Seine Präsenz allein genügt, um die Atmosphäre zu verändern. An diesem Tag wird er Someday My Prince Will Come aufnehmen – ein Album, das später für viele Jazzliebhaber zu den vollkommensten Aufnahmen überhaupt zählen wird. Miles’ Trompete klingt darauf zugleich verletzlich und souverän, weich und schneidend.

Neben ihm stehen einige der größten Musiker ihrer Zeit: John Coltrane, rastlos und spirituell, dessen Tenorsaxophon wie ein innerer Monolog voller Sehnsucht klingt; Hank Mobley mit seinem warmen, erdigen Ton; Wynton Kelly am Klavier, elegant swingend und voller Bluesgefühl; Paul Chambers am Bass, das ruhige Fundament jeder Passage; und Jimmy Cobb am Schlagzeug, dessen feines Besenspiel den Aufnahmen ihre schwebende Leichtigkeit verleiht.

Im Hintergrund wacht Produzent Teo Macero über die Session – energisch, ideenreich und mit sicherem Gespür für den historischen Augenblick. Er hat diese Musiker zusammengebracht und versteht, dass hier mehr entsteht als nur eine weitere Platte. Es ist die Begegnung außergewöhnlicher Persönlichkeiten in einem kurzen, kostbaren Moment musikalischer Vollkommenheit.

Als schließlich die ersten Töne erklingen, scheint die Zeit stillzustehen. Miles spielt sparsam, fast zurückhaltend, und gerade darin liegt seine Größe: jede Note sitzt, jeder Ton erzählt eine Geschichte. Coltrane antwortet mit langen, suchenden Linien, während die Rhythmusgruppe den Sound mit einer Gelassenheit trägt, die nur große Jazzmusiker erreichen. Aus spontanen Improvisationen wächst etwas Zeitloses – Musik voller Eleganz, Melancholie und stiller Intensität.

Niemand im Studio kann an diesem Märztag genau wissen, dass diese Aufnahmen Jahrzehnte überdauern werden. Doch jeder spürt, dass etwas Besonderes geschieht. Draußen rauscht New York durch das Frühjahr des Jahres 1961. Drinnen aber entsteht ein Klang, der bleiben wird – ein Klang, der den Jazz für immer verändern soll.

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Miles Davis – Trompeter, Genie, Kotzbrocken

Miles Davis: Time After Time, Montreal 1985.

Der amerikanische Trompeter Miles Davis war für die moderne Musik das, was Pablo Picasso für die Malerei und Charles Chaplin für den Spielfilm waren – ein über Jahrzehnte eigensinniger Innovator und intelligenter Stilpräger.

Miles Davis gilt als Gründer des Cool Jazz, er trieb den Bebop voran und spielte dann im Fusion, jenen Mix aus Jazz und Rock, eine tragende Rolle. Und dann zum Schluss kam der Electric Jazz. Plus populäre Songs. Wenn er mit seiner gestopften Trompete Pop-Balladen wie Time after time zelebrierte, entströmte da die ganze Herrlichkeit und zugleich auch der ganze Schmerz einer suchenden Generation aus seinem goldenen Instrument. Miles ist mehr als ein Musiker, er ist unser Master, der Champion, ein Genius der sperrigen Virtuosität.

Sicher, Miles war kein einfacher Mensch, aber man zeige ein Genie, das einfach wäre. Ein ziemlicher Kotzbrocken soll er gewesen sein. Es gab auch Kritiker, nicht an der Musik, natürlich, aber am Charakter. Wieder einmal hat der liebe Gott, wie schon bei Wagner und Karajan, in einem Anfall von Zerstreutheit eine große Begabung an ein großes Arschloch vergeben, das schrieb beispielsweise der Jazzjournalist Werner Burkhardt über Miles Davis.

Dieser Jazzmusiker war ein Star, jemand der Hallen und ein Festivalgelände locker füllen konnte. Es war schon seltsam, wie Miles Davis da auf der Bühne stand, der Rumpf vornüber gekrümmt, den – naja – verlängerten Rücken dem Publikum zu gewandt. Aber Miles war kein Mann der Kompromisse. Er blieb kompromisslos der Musik verfallen.

Die Musik des Künstlers nimmt das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf. Seine surreal hauchende Trompete dient den Pariser Existenzialisten zur Inspiration. Sein brillanter Ton trifft die kühle Leidenschaft der an Gott und an der Welt verzweifelnden jungen Intellektuellen vom Montmartre bis Berkeley .

Er selbst nennt sich Prince of the Darkness. Und er ist von einer beeindruckenden Kreativität. Bitches Brew, We Want Miles, Kind of Blue und Some day my prince will come – mindestens vier Platten plaziert Miles Davis auf der ewigen Bestenliste des Jazz. Konservativ gerechnet.

Man kann Miles Davis zehn Mal, man kann ihn hunderte Male hören, stets entdeckt man etwas Neues, etwas Überraschendes. Die Musik von Miles Davis scheint – so wie eine schöne Liebe – ewig jung zu bleiben und alterslos zu sein. Wenn ich Miles höre, so denke ich, wie kann einem einfachen Stück Blech nur ein solcher Liebreiz und eine solche Schönheit entströmen?

Miles Davis, eigentlich ein Mann für die Ewigkeit. Irgendwann hat es den schwarzen Prinzen dann doch erwischt. 1991 stirbt er in Santa Monica. Er konnte nicht mehr spielen. Lungenembolie sagen die einen, Aids, die anderen. Alles Unsinn, die Wahrheit ist diese: Erst stirbt die Trompete, dann der Mensch.

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