Mick Jagger am breiten Amazonas. Iquitos, im Januar 1981; Foto: W. Stock

Wenn Herzog und seine Crew sich in den Filmpausen zu Pizza und Pasta im Don Giovanni einfinden, dann werden sie von den Peruanern in einer Mischung aus Staunen und Respekt beobachtet. Que viene el director gringo, da kommt der Gringoregisseur, meint der Besitzer des Maynas Hotels. Und der Gringoregisseur bringt Arbeit, irgendwo wollen die acht Millionen Dollar auch bleiben: Dolmetscher, Koch, Arzt, Kostümschneider, Fahrer, Klempner, Bootsführer, Mechaniker. 

Die berühmten Schauspieler sind im komfortablen Holiday Inn am Flughafen von Iquitos untergebracht, mit Swimmingpool und Klimaanlagen, purer Luxus in diesen Breiten. Einer hat einen Riesenspaß an dem Film, es ist der vielleicht berühmteste Rock-Barde weit und breit. Ab und an wagt er einen Ausflug in die Welt des Films. Mick Jagger steht am Malecón von Iquitos, direkt neben mir, und nimmt die Filmaufnahmen seinerseits mit seiner privaten Schmalfilmkamera auf.

Was er denn von Herzogs Filmen halte, möchte ich wissen. In London, in einem Programmkino, habe ich einige Filme von ihm gesehen. Sie sind sehr eigenartig. Vor Drehbeginn weiß man nie, was zu guter letzt dabei herauskommt. Mal sehen, wie das ganze bei Drehschluss aussieht.

Warum er den Film mache, frage ich, warum tue er sich die ganzen Strapazen an? Es macht mir einfach Spaß, verdienen tu ich da nichts. Wir mussten sogar eine Tournee verschieben. Mick Jagger steht etwas verloren herum, zumal ihn in Peru des Jahres 1981 so gut wie niemand kennt. Heldin der Peruanerinnen ist da eher Bianca Jagger, die verstoßene Ex-Angetraute unseres Musikus.

Der Aufstieg der schönen Nicaraguanerin in die mondäne Glitzerwelt New Yorks lässt hier manchen Teenager an moderne Märchenprinzen glauben. Der schmächtige Mick hat seine neue Flamme in den Amazonasdschungel mitgebracht, vielleicht als eine Art Mutprobe. Das schöne Model liegt viel am Swimmingpool des Luxushotels, am Set des Films lässt sie sich in jenen Tagen nicht blicken.

Doch das große Abenteuer am Amazonas steht unter keinem guten Stern. Dem Kameramann Mauch wird bei einer Schiffshavarie die Hand zerschmettert. Schauspieler Adorf, in der Casa Cohen bei einem Bier im Gespräch noch Feuer und Flamme über sein Dschungelabenteuer, verlässt entnervt den Drehort. Mick Jagger und Jerry Hall folgen auf dem Fuße.

Jason Robards, Jahrgang 1920, erwischt es am schlimmsten. Der Hollywood-Star infiziert sich mit einer Amöbenruhr, das ist nicht zum Spaßen. Der ältere Herr lässt sich von der nächsten Maschine zurück in die USA fliegen. Sie hören von meinem Anwalt, soll er Werner Herzog zum Abschied zornig zugerufen haben.

Alleine bleibt Herzog mit halbgedrehten Film und ohne Schauspieler im Dschungel zurück. Nachdem Robards für keine guten Worte und für kein Geld der Welt zur Rückkehr zu bewegen ist, fliegt der deutsche Regisseur nach Los Angeles, wo er seinen alten Freund Klaus Kinski überredet, den Fitzcarraldo zu spielen. Und dann fängt Werner Herzog noch einmal mit der ersten Klappe an.

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