Mick Jagger spielt den Wilbur in Werner Herzogs Film Fitzcarraldo.
Iquitos, im Januar 1981; Foto by W. Stock

Iquitos/Peru, im Januar 1981

Wenn einer der ganz großen Musiker unserer Tage in die kleine Stadt kommt, dann steht diese kleine Stadt tagelang Kopf. Reporter treten sich auf die Füsse, die Fernsehkameras schnurren und junge Burschen wachen eifersüchtig über ihre Bräute. Wuselige Presseagenten schirmen die Berühmtheit ab und ein paar Bodyguards tun ein Übriges. Solch einen Rummel kann man bei einem Weltstar doch erwarten.

Nicht jedoch hier, im abgelegenen Dschungel Perus, über tausend Kilometer entfernt von der hektischen Metropole Lima und fünfzehn Flugstunden von Europa. In einer Stadt, die von der Außenwelt abgeschnitten ist, zu der keine Straße hineinführt und keine hinausgeht. Nur über den Oberlauf des Amazonas oder mit dem Flugzeug vermag man in diese Sonnen-Oase Perus gelangen. Merken Sie sich den Namen dieses Juwels: Iquitos!

Da kommt der Chef der berühmtesten Rock-Band der Welt in den Urwald – und nur ganz wenige nehmen Notiz davon. Man mag es kaum glauben, aber es ist so geschehen. Bis auf ein paar eurozentrische Eierköpfe weiß hier in den Tropen rund um den Amazonas so gut wie niemand, wer denn dieser junge schlaksige Mann mit dem rotblauweiß karierten Hemd und dem schon leicht zerknitterten Gesicht nun genau ist.

Ein Künstler aus London, wird geflüstert. Schauspieler vielleicht oder auch ein Sänger, all das wird in Iquitos geraunt. Seine Frau, ein blasses bildschönes Model, ist im Hotel geblieben, am Pool im Holiday Inn, in der Nähe vom Flughafen. Rolling Stones? Musik. Schön und gut. Aber kann man damit Geld verdienen? 

In Peru Mick is nothing, brummelt er halb belustigt und setzt seinen einfachen Strohhut auf. Mick Jagger genießt es, hier und heute ein Unbekannter zu sein. Bei den Dreharbeiten zu Werner Herzogs Filmepos Fitzcarraldo dreht sich alles um Claudia Cardinale, die Hauptdarstellerin aus Italien, deren apartes Antlitz man aus den Klatschseiten der Zeitungen kennt. Aber Mick, Mick is nothing in Peru.

In seiner freien Zeit filmt er mit seiner Nikon die Filmarbeiten. Mick Jagger ist für die Rolle des Wilbur besetzt, das ist der etwas durchgedrehte Kumpan von Fitzcarraldo. Und diese ganze Filmerei macht ihm sichtlich Spaß. Wenn Mick in seiner weißen Leinenkleidung neben Jason Robards, der den Fitzcarraldo gibt, agiert, dann merkt man schnell, hier ist jemand mit Elan, mit Leidenschaft und auch mit Talent bei der Sache.

Und Mick Jagger füllt seine Filmrolle in einer sympathisch skurrilen Interpretation wunderbar aus. Der in Ehren ergraute Schauspieler-Kollege Robards, ein großer amerikanischer Theatermann, lobt seinen Kompagnon denn auch in hohen Tönen. Nach einer Dialogszene, die Kameras sind abgeschaltet, klatscht Robards kräftig Beifall in Richtung Jagger, und beide brechen in fröhliches Lachen aus.

Es stehen Dreharbeiten im Urwald an. Regisseur Werner Herzog hat im Wipfel eines riesigen Amazonasbaumes, in fast 30 Metern Höhe, eine Plattform aus Spanplatten bauen lassen. Auf dieser Plattform, die bei Wind hin und her weht, soll gefilmt werden. Dort oben sollen Jason Robards, immerhin ein Mann von knapp 60, und Wilbur ihren Blick über den weiten, üppigen Amazonasteppich streifen lassen. Und zum guten Ende soll in luftiger Höhe auch eine kleine Rauferei zwischen Robards und Jagger stattfinden, wobei der Kopf des einen über die Brüstung mit Blick in die Tiefe gedrückt werden soll.

Burschikos legt Regisseur Werner Herzog seinen Arm um Mick Jaggers Schulter. Morgen früh gehen wir rauf, sagt Herzog zu Jagger. Und Mick schaut nach oben.

siehe auch:  Mick Jagger im Dschungel – und noch einer