Hemingway ist der Meister des Weglassens

Was macht Hemingways Stil aus? Ernest Hemingway gilt als der Lakoniker unter den Weltautoren. Der Amerikaner schreibt eine knappe, sachliche und schnörkellose Prosa. Kurze Sätze, wenig Adjektive, sparsame Attribute.

Hemingway zelebriert eine einfache Syntax. Hauptsatz, dann nächster Hauptsatz. Die Sätze: karg, einfach und direkt. So wird ein ganz eigener nüchterner Rhythmus mit großer Wiedererkennung erzeugt.

Durch diesen kurzen Rhythmus werden Hemingways Sätze schnell. Der Leser wird nicht eingelullt, eher im Gegenteil. Der Leser kriegt kaum Zeit zum Luftholen. Er wird von der Rasanz der Satzmelodie in den Bann gezogen, wie auf einer Achterbahnfahrt.

Dem Leser bleibt keine Zeit zum Nachdenken, zur Reflektion, zur Opposition, zur Neutralität, er liest, und liest und mag dann auch kaum hinterfragen.

Ähnlich funktioniert auch Hemingways Eisbergstil. Durch die Reduktion bleibt nur die Spitze sichtbar. Vieles liegt unter Wasser, was dann in der Phantasie des Lesers stattfinden kann. Diese stilistische Kunst des Weglassens, des Schweigens, der Enthaltsamkeit und des doch Sagens ist typisch für Ernest Hemingway.

Lakonie und Understatement kann allerdings nur bei Exaktheit funktionieren. Sonst rutscht die Sprache ab ins Lapidare. Davor ist Ernest Hemingway jedoch gefeit, weil seine Sprache fast chirurgisch präzise ist.

Diese dürre Sprache spiegelt die Desillusionierung jener Generation, die mit dem Ersten Weltkrieg groß geworden ist, jene tiefe Wirtschaftsdepression der 20er erlebt hat und nun an den eigenen Ideen und Idealen zweifelt. Sprachlich nutzt Hemingway die Vorwärtsverteidigung, Männer-Sprache, Macho-Themen, um seine Zweifel zu kaschieren.

Eine lakonische Prosa ist auch ein patriarchalischer Sprachstil. Sprachlicher Machismo, wenn man will. Nur Intellektuelle ziselieren und ornamentieren. Wenn der Padrone spricht, bedarf es keiner Schnörkel. Durch eine klare Sprache wird eine Einprägsamkeit erzeugt, Sprache wird zur Ansage, ja, zum Befehl. Die Sprache des Patriarchen duldet keinen Widerspruch, denn Lakonie erzeugt Autorität und Autoritarismus. Und Wahrheit.

Ein ähnliches Phänomen kann man auch bei einem anderen lakonisch schreibenden Autoren feststellen. Den Namen des Autors kennt man nicht, das Buch heißt Die Bibel.

Wie auch immer, mit Ernest Hemingway schreibt ein Mann, der sich seiner Sache – literarisch wie inhaltlich – sehr sicher scheint. So ist es. Vielleicht dachte er, so funktioniert die Welt. Und, verdammt, sie funktioniert auch so.