Photo by W. Stock

Peking, Anfang November 2011

Der große Vorsitzende Mao Zedong zeigt sich immer noch präsent in Peking. Auf dem Tiananmen Platz natürlich in seinem Mausoleum, in einem Glassarg. Nicht tot, dafür aber überlebensgroß am Tor des himmlischen Friedens, der Kopf überlebensgroß, noch in Hunderten Metern sichtbar.

Mao prangt auf Geldscheinen, Gemälde mit seinem Konterfei finden sich in den Straßen, Zeichnungen in den Shops. In den Buchläden ist sein rotes Spruchbeutel-Büchlein noch immer im Stapel ausgelegt. Die weisen Worte des großen Vorsitzenden. Mao-Bibel haben wir sie früher genannt. Fotos, Poster, Statuen, groß, klein, mittel. Oben, unten. Der Chairman Mao ist überall.

Doch wie sieht das heutige moderne China diesen Mann? Ich frage nach, und bekomme meist die gleiche Antwort. Mao sei der Vater der Unabhängigkeit, der Einheit Chinas, man möge ihn, man verehre ihn.

Insbesondere in der Generation der 60- bis 80-Jährigen scheint Mao populär. Er wirkt als Katalysator. Für alle, denen die neue Zeit nicht ganz geheuer ist, die mit dem Tempo der Reformen so ihre Schwierigkeiten haben, für all die, bleibt Mao die fixe Größe, der Anker, das Stetige.

Der Mythos Mao steht so für den Pakt des neuen China mit dem alten China. In diesem Sinne kommt die Glorifizierung Maos den jetzigen Herrschern gelegen. Auch wenn Maos Ideologie in der heutigen Politik und Wirtschaft keine Rolle spielt, so hilft diese Vaterfigur die Alten, die Traditionalisten und die Zweifelnden in den Transformationsprozess einzubinden.

Eine ernsthafte Abrechnung mit der Mao-Ära ist deshalb in China auch nie erfolgt. Kein Wort über die Millionen Hungertote, die sein verfehlter Großer Sprung nach vorn gekostet hat, keine Auseinandersetzung mit der blutigen Kulturrevolution, die Andersdenkende und Intellektuelle ermorden lies. Und auch kein Wort zu Maos archaischer Wirtschaftsordnung, die Menschen in ihrer bitteren Armut beließ.

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Auch wenn seit Deng Xiaoping und seinen Nachfolgern eine Kehrtwendung um 180 Grad zum maoistischen Modell erfolgte, so bleibt doch die Vaterfigur Mao leuchtend. Für die jüngeren Leute, die sich kleiden wie im Westen, die bei Starbucks ihren Caramel Macchiato trinken und gerne im Hyundai fahren, all denen sagt Mao nur noch wenig. Wie bei einem Großvater, dessen Heldentaten immer größer werden, je länger er nicht mehr da ist.

Für die jungen Chinesen ist Mao der Mann aus dem Souvenirshop, der als Poster gleich neben Michael Jackson hängt. Zwei Tote, zwei Idole. Gute Leute, man mag sie, auch wenn man um ihre Schattenseite weiß. Aber manchmal fallen Schatten sanft, jedenfalls auf Großväter und Popstars.

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