Notizen und Anmerkungen von unterwegs

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Fernando Tejeda, der junge Wilde aus den Tropen

Ölgemälde by Fernando Tejeda, Collection WJS

Einst wollte er Chiles bester Maler werden, das stand für Fernando Tejeda schon als Jugendlicher fest. Seinem Onkel Mono Tejeda wollte er nacheifern, einem gefeierten chilenischem Karikaturisten, seinem großen Vorbild. Nach Abitur und Industriedesign-Studium in der Hafenstadt Valparaiso ging es dann für Fernando Tejeda allerdings nicht schnurstracks nach oben, er konnte in seinem Heimatland nicht mehr bleiben. Der Generalsdiktator Pinochet wütete in Chile, Fernando zog nach Deutschland, ins kalte Exil.

Dort gelingt es Fernando Tejeda in den 80er Jahren allmählich, die Dunkelheit der Vergangenheit abzustreifen und seinen eigenen Stil zu finden. Und es zieht ihn eigentümlicherweise hin zu sehr grellen und vitalen Ausdrucksformen: Er verbindet nun Stilformen der Jungen Wilden, die von Berlin ausgehend in Deutschland gerade dabei waren ihren Siegeszug anzutreten, mit schrillen karibischen Elementen.

Da tauchen dann Tejedas berühmte Papageienkopf-Tänzer auf, barbusige Frauen mit Stiergesichtern, Menschen, die Fischen oder Lurchen ähneln. Er malt tanzende Vogelhautmenschen, Bongos-spielende Tierköpfe oder nackte Grazien mit spitzen Brüsten – und all dies in einer für ihn nun typischen, explodierenden Farbmischung. Tejeda stellt hocherotische, bisweilen derbe Macho-Phantasien vor, die stets mit der für Lateinamerika eigenen farbenreichen Lebensfreude einher gehen.

Im Einfangen dieser Gefühlswelt ähnelt Fernando Tejeda den ganz großen Malern seines Kontinents, dem kubistischen Exotiker Wifredo Lam aus Kuba, der allegorischen Dampfwalze des Muralismus Diego Rivera, dem folkloristischen Ironiker Fernando Botero aus Kolumbien. Die erstklassigen lateinamerikanischen Maler bevorzugen traditionsreiche, phantasievolle Motive, in die das ganze emotionelle Erbe des Kontinents – die Magie, die Phantasie, die Träumereien, aber auch das Ekelhafte, das Widerliche und das Grauen – einfließt.

Genauso wie in den Büchern eines Gabriel García Márquez oder eines Juan Rulfo ereignen sich auf den Bildern der tropischen Maler für den Europäer verrückte und irrationale Dinge, die für einen Lateinamerikaner jedoch keineswegs weltfremd scheinen, weil er sie schon oft in Traum und Phantasie erlebt hat: ein Krokodil mit wohlgeformten Frauenbeinen, eine Frau mit drei Brüsten, Männer mit erschreckenden Stierhörnern, eine Welt, die nur aus dicken Menschen zu bestehen scheint. Sujet und Farben vieler Bilder wirken für das deutsche Auge zunächst seltsam und bizarr, aber dann

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Horacio Politi malt sein Buenos Aires

Buenos Aires, im Dezember 1987; Photo W. Stock

Buenos Aires, im Dezember 1987; Photo W. Stock

Das Haus des Malers hat schon bessere Zeiten gesehen, und sein Bewohner, man merkt es schnell, wohl auch. Als ich Horacio Politi im Dezember 1987 in Buenos Aires aufsuche, spürt man, dass auch Engel auf den Boden fallen.

Das sonnige Leben, der Selbstzweifel vielleicht oder womöglich der Ehrgeiz haben ihm ein gutes Stück seiner Zuversicht ausradiert. Er steht da, mit weißen Bart und höchst vergnügt, an seiner Staffelei im Caminito von La Boca, dem von italienischen Einwanderern geprägten farbenfrohen Hafenviertel der argentinischen Hauptstadt.

Jetzt zählen die zwei Nationalpreise für Malerei nicht mehr, die man ihm angetragen hat, besitzt auch die Tatsache keine Bedeutung, dass er lange Jahre als der Picasso Argentiniens gegolten hat. All das ist weit weg. Jetzt hält er nur noch die Fahne hoch, die ein wenig nach billigem Fusel riecht.

Daniel Horacio Politi ist ein echtes Kind dieser Stadt, hier wurde er 1928 geboren. Die Malerei hat er bei Didimo Nardini und Enrique de Larragaña studiert, das Zeichnen bei Lajos Szalay. Unter den Picasso-Schülern ist er immer einer der eifrigsten und talentiertesten gewesen. Denn er kombiniert gekonnt den feinen und doch opulenten Strich des Maestro mit Porteño-Motiven.

Er lädt mich zu sich nach Hause um die Ecke ein, in ein bröckelndes Bauwerk mit wüsten politischen Graffitis und Parolen, quer über Hinterhöfe und hinter mit Unkraut bewucherten Bahngleisen. Seine schwarzhaarige Frau schaut mich zerknirscht und voller Gram an und man möchte mit arger Müh ahnen, dass hinter den zahlreichen Falten und all der Lebenspein einst eine hübsche Person steckte.

In einer Abstellkammer zieht Maestro Politi aus Falttaschen Dutzende von Aquarellen, Kreidezeichnungen und Wachsbilder hervor, die er allein in den letzten Monaten gemalt hat. Vieles erscheint von mittlerem Belang, doch einiges ist von erstklassiger Güte: die versunkene Melancholie des einsamen Bandoneon-Spielers, das Tango-tanzende Liebespaar unter der La-Boca-Zugbrücke. Oder die laszive Herausforderung Evas mit Apfel im Paradies.

Horacio Politi malt viel, er malt den Liebreiz und die Eigenheit von Buenos Aires und seinen Bewohnern, er malt die Verlassenheit und das Leben, ein Leben, das langsam zerbröselt, so wie Staub zwischen den Fingern zerrinnt. Politi hat sein karges Leben in den letzten Jahren merklich nach innen gekehrt. Da überrascht es nicht, dass nun zunehmend religiöse Motive in seine Werke einfließen.

Wir sitzen in seinem kleinen fensterlosen Atelier und an uns vorüber rauscht die Einmaligkeit dieser Stadt. Zu Papier gebracht von einem begnadeten Künstler, der all die Höhen und Tiefen eines Menschenlebens erfahren hat, und vielleicht auch ein bisschen mehr. Als mir Horacio Politi die Hand zum Abschied fest drückt, gehe ich mit der Empfindung, dass dieser Maler typisch ist für diese Metropole am Mündungsdelta von La Boca. Typisch für eine Stadt, die an guten Tagen beschwingt und ausgelassen daher kommt, sich in den trüben Stunden aber in aller Armseligkeit und voller Schwermut durch den Tag schleppt.

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