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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

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The Beatles, geehrt von Count Basie

Unverschämt! Eine Frechheit! Welch ein Frevel! Ein Unterfangen jedenfalls, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.

Die Beatles zu covern?! Das nimmt sich wie der Versuch aus, einen Roman im Stile von John Dos Passos zu schreiben.

Denn die Songs der Beatles sind so genial, dass man sie eigentlich nicht verbessern kann. Und überhaupt. Die Lieder der Fab Four wirken so stilbildend, dass man sich mit anderen Arrangements schwer tun würde.

Aber doch: Basie’s Beatle Bag. Elf frühe Kompositionen von John Lennon und Paul McCartney hat der wunderbare Arturo Chico O’Farrill für Count Basie und sein Orchester arrangiert.

Die Count Basie Big Band jener Tage liest sich wie ein Who is who des Jazz: Sonny Cohn, Wallace Davenport an den Trompeten, der Posaunist Al Grey, Tenorsaxophonist Eddie Lockjaw Davis, Freddie Green an der Gitarre. Im Mai 1966 ging es dann los.

Es ging los und vielleicht ging es auch

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Warum ist Cool Jazz so cool?

Miles ist cool. Chet ist cool. Und der Pianist Lennie Tristano ist der coolste überhaupt. Kein Wunder, bei dem Namen! Aber, liebe Leute, was ist das eigentlich, Cool Jazz?

Die Antwort darauf fällt nicht ganz leicht, eigentlich kann man sich der Antwort nur nähern. Versuchen wir es so: Während der Bebop extrovertiert, hektisch und zappelig war, so ist der Cool Jazz nun wieder mehr nach innen gekehrt und kontemplativ.

Diese Musik ist denn auch weniger bein-, sondern mehr kopfgesteuert. Sie ist europäischer, wenn man so will, konzertanter, reflektierter. Von den Ursprüngen des Jazz entfernt sich der Cool Jazz ein wenig, er ist nicht so schwarz und nicht so afroamerikanisch wie der pure Jazz. Blues-Elemente verlieren an Bedeutung. Ja, man kann sagen, der Cool Jazz zeigt sich eher als eine weiße Musik.

Beim Cool Jazz geht auch nicht die Post ab. Es dominieren eher die langsamen tempi. Jetzt kommen weit geschwungene und lang gezogene Melodiebögen. Dazu eher gehauchte und gedämpfte Töne, ganz ohne Vibrato. Der Ton der coolen Trompete beispielsweise wirkt wie eingefroren, er klingt kurz, durchdringend und harsch wie bei dem jungen Miles Davis. Trotz dieses rauen Charakters geht von dem coolen Ton zugleich auch etwas fragiles aus. Und wohl auch etwas liebliches.

Die Melodiebewegung scheint zu retardieren. Sie schleppt sich mühevoll durch den Song, irgendwie langsam, so als wolle sie eigentlich gar nicht zum Ende kommen. Die  ganze Tonführung wandelt auf dem Grat von Traurigkeit und Bitterkeit auf der einen und Zartheit und Zerbrechlichkeit auf der anderen Seite.

Cool Jazz ist nicht nur ein Musikstil, es ist auch eine Lebensauffassung. Sie passt beispielsweise zum Pariser Existenzialismus der 50er Jahre. Der Cool Jazz wird zur Musik der Verlorenheit, der Melancholie. Dieser merkwürdige Ton scheint traurig, und doch strahlt er eine gewisse Zartheit aus. Der Cool Jazz mag als kühle Musik daher kommen, aber nicht ohne Hoffnung.

Miles Davis – Trompeter, Genie, Kotzbrocken

Der amerikanische Trompeter Miles Davis war für die moderne Musik das, was Pablo Picasso für die Malerei und Charles Chaplin für den Spielfilm waren – ein über Jahrzehnte eigensinniger Innovator und intelligenter Stilpräger.

Miles Davis gilt als Gründer des Cool Jazz, er trieb den Bebop voran und spielte dann im Fusion, jenen Mix aus Jazz und Rock, eine tragende Rolle. Und dann zum Schluss kam der Electric Jazz. Plus populäre Songs. Wenn er mit seiner gestopften Trompete Pop-Balladen wie Time after time zelebrierte, entströmte da die ganze Herrlichkeit und zugleich auch der ganze Schmerz einer suchenden Generation aus seinem goldenen Instrument. Miles ist mehr als ein Musiker, er ist unser Master, der Champion, ein Genius der sperrigen Virtuosität.

Sicher, Miles war kein einfacher Mensch, aber man zeige ein Genie, das einfach wäre. Ein ziemlicher Kotzbrocken soll er gewesen sein. Es gab auch Kritiker, nicht an der Musik, natürlich, aber am Charakter. Wieder einmal hat der liebe Gott, wie schon bei Wagner und Karajan, in einem Anfall von Zerstreutheit eine große Begabung an ein großes Arschloch vergeben, das schrieb beispielsweise der Jazzjournalist Werner Burkhardt über Miles Davis.

Dieser Jazzmusiker war ein Star, jemand der Hallen und ein Festivalgelände locker füllen konnte. Es war schon seltsam, wie Miles Davis da auf der Bühne stand, der Rumpf vornüber gekrümmt, den – naja – verlängerten Rücken dem Publikum zu gewandt. Aber Miles war kein Mann der Kompromisse. Er blieb kompromisslos der Musik verfallen.

Die Musik des Künstlers nimmt das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf. Seine surreal hauchende Trompete dient den Pariser Existenzialisten zur Inspiration. Sein brillanter Ton trifft die kühle Leidenschaft der an Gott und an der Welt verzweifelnden jungen Intellektuellen vom Montmartre bis Berkeley .

Er selbst nennt sich Prince of the Darkness. Und er ist von einer beeindruckenden Kreativität. Bitches Brew, We Want Miles, Kind of Blue und Some day my prince will come – mindestens vier Platten plaziert Miles Davis auf der ewigen Bestenliste des Jazz. Konservativ gerechnet.

Man kann Miles Davis zehn Mal, man kann ihn hunderte Male hören, stets entdeckt man etwas Neues, etwas Überraschendes. Die Musik von Miles Davis scheint – so wie eine schöne Liebe – ewig jung zu bleiben und alterslos zu sein. Wenn ich Miles höre, so denke ich, wie kann einem einfachen Stück Blech nur ein solcher Liebreiz und eine solche Schönheit entströmen?

Miles Davis, eigentlich ein Mann für die Ewigkeit. Irgendwann hat es den schwarzen Prinzen dann doch erwischt. 1991 stirbt er in Santa Monica. Er konnte nicht mehr spielen. Lungenembolie sagen die einen, Aids, die anderen. Alles Unsinn, die Wahrheit ist diese: Erst stirbt die Trompete, dann der Mensch.

Jawoohl, Jahaaz Yatra

Jazz Yatra

Jazz Yatra, Mumbai/India, im Februar 1982; Photo by W. Stock

In Bombay, das heute Mumbai heißt, hole ich bei Niranjan Jhaveri die Pressekarten für das Jazz Yatra Festival ab. Niranjan bittet mich zu Tisch und so esse ich bei den Jhaveris zu Mittag. Yatra ist Sanskrit und beschreibt im Hinduismus die Wallfahrt an geheiligte Orte. Eine hübsche Metapher für den Jazz.

Die Familie wohnt in einem Condominium am Kher Marg etwas außerhalb der Stadt. Niranjan, Generalsekretär von Jazz India und Manager des Yatra Festivals, hat sich wie kein zweiter um den Jazz in Indien verdient gemacht. Gleichzeitig ist er auch ein hervorragender Journalist und Dozent in Sachen moderne westliche Musik.

Zwischen dem Jazz und Indien gibt es einige interessante Berührungspunkte. So wilderten beispielsweise Ravi Shankar und der Altsaxophonist Bud Shank und Don Ellis im jeweils anderen Revier. Dabei galt die einfache Devise: Der Rhythmus eint, die Melodie trennt.

Eine indisch-jazzige Fusion mit Erfolg gründeten John McLaughlin und der indische Violinist Laxminarayan Shankar. Der Name dieser Gruppe: Shakti. Auch sie tritt beim diesjährigen Jazz Yatra auf.

Am Abend dann auf dem Festivalgelände. Der legendäre Radiomann Willis Conover aus den USA hat als Master of Ceremony abgesagt und nun übernimmt der lustige Terry Isono den Part als M.C.. Wenn der Japaner John Coltranes A Love Supreme ansagt, dann sagt er A Love Supleme. Das Programm ist nett bis obernett und immer wenn es rockig wird, springt das Publikum von den Stühlen auf.

Der Pianist Billy Taylor, der Flötist Herbie Mann aus den USA. Dann der deutsche Saxophonist Ernst-Ludwig Petrowsky, das ist raubeiniger Free Jazz aus der DDR. Dazu Jazz plus Indien mit Shakti. Ein solches Festival in der Dritten Welt muss mit beschränkten Finanzmitteln arbeiten. Damit hängt eine solche Veranstaltung am Tropf des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts oder der amerikanischen Kulturförderung. Aber dies muss das schlechteste ja auch nicht sein.

Niranjan kümmert sich rührend um die Journalisten. Manche schreiben fleißig, andere rauchen ihr Pfeifchen. Das Festival findet im Mumbais Zentrum statt, direkt neben einer belebten Tangente. Was allerdings den Vorteil besitzt, dass man schnell über die Strassenbrücke in ein populäres Restaurant huschen kann, um ein Lamb Masala zu verdrücken.

An den vier Tagen des Festivals schwebt die Frage in der Luft, ob der Jazz in einem bitterarmen Land wie Indien denn seinen Sinn macht. Welch arroganter Gedanke! Mehr als 20.000 begeisterte Zuhörer geben auf diese abwegige Frage die gebührende Antwort. Übrigens, 20.000 im Beat kräftig mitgehende Besucher.

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