Vom Leben und Sterben einer Stadt und eines Flusses
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Iquitos 1987, Photo by N. Böer

An einem Flecken wie diesem hätte man wohl einen klitzekleinen Zipfel des Paradieses abgreifen können. Solch ein Gedanke jedenfalls kam mir in den Sinn, als mich der Zufall, möglicherweise aber auch das Schicksal, zum ersten Mal nach Iquitos verschlug, mitten in das Herz Amazoniens.

Und immer wenn ich diese von der Außenwelt abgeschnittene Stadt besuchte, überfiel mich dort sogleich diese Urgewalt der Natur. Hier wirkt das Menschlein so klein, so schutzlos, so unwichtig, hier spürt es andererseits jedoch auch, was Leben und Lebenslust denn so heißen kann.

Es mag vielleicht diese Mischung aus Demut und Faszination sein, was diese Stadt im Urwald uns beibringen will. Ein Blick aus dem Hotel Maynas, in dem ich meist unterkam, öffnet den Blick auf die flache Stadt und den breiten Amazonas.

Denn Iquitos lässt sich nicht ohne diesen wuchtigen Fluss denken. Ein Fluss der Phantasie, schrieb Jules Verne 1880 über den Amazonas. Und in der Tat zeichnet diese Stadt etwas Unwirklichen aus, dieser Landstrich bewegt sich wie hinter Milchglas, in einer sonnigen Phantasiewelt, sie kommt einem vor wie ein heißer Traum, aus dem man eigentlich nicht aufwachen möchte.

Die Abgeschiedenheit war bei meinen ersten Besuchen, noch in den 70ern, deutlich zu spüren, später hat die moderne Kommunikation das entlegene Iquitos näher an das Land und an den Moloch Lima heran geführt. Die moderne Welt ist in den letzten dreißig Jahren über Iquitos hergefallen wie die Hunnen über Rom.

In den letzten Jahren hat sich, so berichtet Joaquin García Sánchez, diese Stadt einer tiefgreifenden Transformation unterzogen. Die Wirtschaftskurven zeigen nach unten, die Stadt verarmt, wirtschaftlich, aber auch moralisch. El desencanto del Paraíso, die Entzauberung des Paradieses, beklagt Pater Joaquín, der unerschrockene Chronist Amazoniens.

Erdölförderung, Kokainschmuggel, Brandschatzung und Waldrodung, die Zerstörung der Indio-Zivilisationen, die Schädigung des Öko-Systems. Kurz: heute mangelt es an Respekt vor der Schöpfung, die gerade hier in Iquitos ein außergewöhnliches Meisterwerk vollbracht hat. El Paraíso perdido, das Paradies ging verloren, ebenso wie die Achtung vor Natur und Mensch.

Und in einem Vortrag meint Padre Joaquín keck, ich sei el ultimo turista, der letzte Besucher, der dieses Paradies noch erleben durfte. El último turista tal vez sea Wolf Stock, un periodista Alemán, quien pasó por Iquitos en 1987. Traía en su mochila la rara misión de hacer un reportaje sobre la arquitectura regional tan despreciada por nosotros.

Diese Rede von Joaquín am 21. September 2004 steht unter der Überschrift Del nacimiento, vida y muerte de una ciudad y un rio. Von der Geburt, dem Leben und dem Sterben einer Stadt und eines Flusses.

Ich träume noch ein wenig länger. Wenn ich an diese außergewöhnliche Stadt denke, dann summt in meinem Schädel ein hübsches Gedicht, das als Lied dieser Stadt gewidmet wurde:

Si tienes que marchar,
hazlo sin sollozar,
pues tarde o temprano
buscarás un río
para regresar.

Wenn du zur Reise aufbrichst,
weine nicht,
denn früher oder später
wirst du einen Fluss suchen,
um zurückzukehren.

Deshalb Einspruch, verehrter Padre Joaquín, mit dem Sterben dieser Stadt und dieses Flusses warten wir noch ein wenig. Der letzte Tourist war nicht ich, er wird noch kommen. Jedenfalls solange du und ich und wir alle den Traum vom Paradies noch träumen mögen.