Wider die quantitative VWL
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RWTH Aachen

Aachen, im Sommer 2010; Foto by C. Stock

Es macht mir immer wieder Freude, meine alte Uni zu besuchen. Die RWTH Aachen, ihre Lehre und Forschung, ich behalte sie in vorzüglicher Erinnerung. Doch unter die Freude mischt sich in den letzten Jahren Wehmut.

Die heutigen VWL-Studenten tun mir ein wenig leid. Denn deren Blickfeld, das zu unserer Studienzeit in den 70ern noch humboldtig weit war, hat sich im Laufe der Zeit beängstigend eingeengt.

Die Gründe sind bekannt. Verschulischung des Lernens, Bachelor-Studiengänge, Turbo-Studium. Bei der VWL und der BWL kommt die zunehmende Dominanz von Rechen- und Statistikmodellen hinzu, so wie es die mathematische oder quantitative Volkswirtschaftslehre halt vorlebt.

Vergessen wird bei diesem Lernen an Modellen, dass die VWL weder eine Naturwissenschaft noch Wirtschaftsmathematik ist. Mathematische und statistische Technik können in der Analyse helfen, dürfen aber nicht Grundlage oder Selbstzweck der Forschung sein.

Diese Fixierung auf mikro- und makroökonomische Denkmodelle, diese Abstraktion des Wissens, wiegt die VWL in einer scheinbaren wissenschaftlichen Sicherheit und führt zu unkritischen und falschen Visionen. Financial engineering beispielsweise zeigt keine Auswege aus der Finanzkrise, im Gegenteil, eigentlich hat sie eher die Krise befeuert.

Die Anwendung solcher mathematischen Modelle jedenfalls, man kann es drehen und wenden wie man will, bildet die komplexe Wirklichkeit von heute nicht ab, die heutige VWL bleibt stumm und seltsam ratlos in der Analyse und Bewältigung der Krisen.

Es gilt den Tunnelblick von heute abzustellen. Eine interdisziplinäre Breitenschau muss als Bereicherung angesehen werden. Wirtschaftsphilosophie, Ideengeschichte, Ordnungslehre, Wirtschaftsgeschichte oder politische Philosophie müssen in die Betrachtung mit einfließen. Entstanden ist die VWL aus der Philosophie, eigentlich aus der Moraltheologie, sie hat viel mit Ideen und Idealen zu tun.

Nur wenn wir die etablierte Methodik und Methodenlehre interdisziplinär anreichern, wenn wir zum Beispiel wieder mit der historischen Analyse arbeiten, werden wir uns wieder im Hinterfragen üben, in der Neugier und dem Herausfinden.

Das Rechnen und Verargumentieren an engen Modelle mag schön und gut sein, ergeben allerdings keine Kritikfähigkeit und münden nicht im selbstständigen Denken. Der Tunnelblick der heutigen Studentengeneration führt letztlich zur schmalspurigen Wissenschaft und praxisfernen Belanglosigkeit.

In den USA ist das Studium der Makroökonomie näher am Leben. Case Studies, viel Interaktion und Diskussion, Gruppenarbeit, harte empirische Forschung, die enge Verzahnung mit der Wirtschaft, die Förderung durch Unternehmen lassen die VWL viel praxisnäher erscheinen. In Deutschland hingegen verlieren die Wirtschaftswissenschaften mehr und mehr an Bedeutung. Wir sind selber schuld.