Ohrenschmerzen in Havanna
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Dies ist ein Auszug aus dem Buch von Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Havanna, Kuba, April 1983

Kurz vor Mitternacht plagen mich grausige Ohrenschmerzen. Rechts. Der Nachtportier des Hotels Capri schickt mich zur nächstgelegenen Hospitalambulanz und ich schlurfe die halbe Stunde durch das nächtliche Havanna.

Das Calixto-García-Krankenhaus liegt gleich neben der Universität und verarztet seine Patienten in drei Schichten rund um die Uhr. Ein etwas verschlafener HNO-Arzt diagnostiziert eine Vereiterung im Ohr und verschreibt Antibiotikum.

Als ich nach dem Preis der Behandlung frage und das Portemonnaie zücke, wehrt mein Ohrendoktor ungerührt ab. „Kostet dich nichts. In Kuba ist Krankenbehandlung umsonst.“ Duzen inbegriffen. Man dankt. Eine aparte Krankenschwester winkt mir nett nach. In der Apotheke gibt es kleine weiße Pillen.

Am nächsten Tag sind die Ohrenschmerzen weg. Und Havanna ist noch da. Die Avenida Las Americas im Botschaftsviertel Miramar ist eine prachtvolle, von leicht verfallenen Villen eskortierte Wohnallee der besseren Art. Neben dem Vedado gilt Miramar als erste Adresse am Ort. Dagegen sieht Ciudad Cienfuegos im Osten, nach der Revolution eilig hingestellte Wohnblöcke, aus wie die lieblos aufgestapelten Margarinekartons beim Aldi. Sicherlich kein ästhetischer Genuss, aber andererseits immer noch besser als die in Lateinamerika typischen Slumviertel und  Blechhütten mit ihrem zum Himmel schreienden Elend.

So wie es kein himmelschreiendes Elend gibt, so ist allerdings auch kein Wohlstand zu entdecken. Die Menschen sind einfach und ärmlich gekleidet, der Luxus eines guten Radios oder eines neuwertigen Fahrrades für die allermeisten unerreichbar. Der Besitz der vor der Revolution getürmten Oberschicht wurde nach der Machtübernahme der Bärtigen 1959 kurzerhand verstaatlicht und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im einst noblen Yachtclub von Miramar residiert heute die Arbeiterwohlfahrt. Auch glaubt man, dass Doktor Fidel Castro in Miramar wohnt. Aber keiner weiß Genaues.

Einer, der von der Revolution überrascht wurde und dem kaum Zeit zum Kofferpacken blieb, war der glatzköpfige Zuckerbaron Julio Lobo. Hals über Kopf hatte er sich abgesetzt und seine napoleonischen Antiquitäten im Wert von acht Millionen Dollar und ein paar Mätressen zurückgelassen. Lobos mit italienischem Marmor ausgelegtes Anwesen ist heute ein öffentliches Museum durch das man uns führt, damit uns die Dekadenz des kapitalistischen Systems wie Schuppen von den Augen fällt.