Lima, vom Erdbeben durchrüttelt
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Dies ist ein Auszug aus dem Buch von Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Lima/Peru, 1978

Zwei Stunden nach Mitternacht bebt die Erde. Die Wände wackeln, das Geschirr klappert, mein Bett zittert. Lima liegt genau in der Andreasspalte und in schöner Regelmäßigkeit brodelt es unter der Pazifikplatte, so dass es die Küsteneinwohner jedes mal gehörig durchrüttelt.

Die Regierungen von der Firma ‚Schmier & Raff‘ haben über die Jahrzehnte hinweg dieses mineralienreiche und schöne Land an den Abgrund gewirtschaftet. Die Löhne sind mickrig, die Lebensmittel teuer und die Arbeit ist knapp. In den Geschäften findet sich kein Zucker, wenig Fleisch, keine Milch, kaum Eier. Des öfteren wird morgens das Leitungswasser abgestellt. Auch die Mittelklasse bekommt die Krise zu spüren.

In der Nacht hängen Terroristen tote Hunde mit den Hinterpfoten an Laternenpfähle auf und stecken ihnen ein paar Stangen Dynamit ins Maul. Ihr seid die nächsten, die wir auf Bäume und Pfähle knüpfen und euer Leben ist uns nicht mehr wert als das eines räudigen Köters – mit dieser Botschaft wollen die Terroristen die Bürger aus den wohlhabenden Stadtvierteln in Angst und Schrecken versetzen.

Auch erblickt man um Mitternacht bisweilen auf den fernen Hügeln im Osten der Stadt Feuerkränze aus brennenden Ölfässer. Strahlende Funken, die sich als Hammer und Sichel in die dunkle Nacht hinein brennen. Den Gruß schickt eine maoistischen Terrorgruppe, die sich den poetischen Namen Sendero Luminoso zugelegt hat. Sendero Luminoso, ein Begriff, der auch in der deutschen Übersetzung mit Leuchtender Pfad seine lyrische Kraft nicht verliert.

Ab zehn Uhr nachts traut sich niemand mehr auf die Strasse, die Regierung hält seit Monaten eine Ausgangssperre über die Hauptstadt aufrecht. In den Eiscafés und den grünen Parks von Miraflores, wo früher junge Burschen mit ihren Mädchen kokett flanierten und sich Rentner zum Dominospiel trafen, herrscht nun ab Einbruch der Dunkelheit gähnende Leere und eine beklemmende Stille. Wer es bis 22 Uhr nicht bis nach Hause geschafft hat, sollte auf der Hut sein. Das Militär besitzt Anweisung, ohne Vorwarnung zu schießen.

Auch mit dem Humboldtstrom, der genau auf Lima zuläuft, ist in diesem Jahr etwas schief gelaufen. Statt frischen Brisen, kühlender Strömung und dem üblichen Nieselregen bleibt es stickig wie in einer asiatischen Waschküche. El Niño mit seinen launenhaften Wetterkapriolen scheint diesem geplagten Land den endgültigen Knock out verpassen zu wollen.