Karl Marx blickt herab auf die Welt

London, im Sommer 1976

Wo liegt Karl Marx, frage ich den Friedhofswärter, der gerade am Eingang mit einem Rechen Laub fegt. Go ahead, deutet er gelangweilt nach Osten in die Ecke nahe dem Waldstück.

Man muss schon eine gute Stunde aus dem Zentrum herausfahren, um zum Highgate Cemetery zu gelangen. Hier im Norden der englischen Hauptstadt liegt der Trierer Karl Marx und findet – wie man so sagt – seine letzte Ruhe.

Das Grabmal besteht aus einer überdimensionalen dunklen Büste, die auf einem hohen und hellen Granitblock steht. Auf dem Grabblock liest man die Inschrift Workers of all lands, unite. Darunter auf einer Marmorplatte seinen Namen, den seiner Frau Jenny von Westphalen und seiner Kinder. Und dann in güldnen Versalien: The Philosophers have only interpreted the world in various ways, the point however is to change it.

Solches aus dem Spruchbeutel des Philosophen hat einen Jugendlichen damals natürlich mächtig impressioniert. An der schwarzen Mosel bin ich zur Schule gegangen und unser streng katholisches Gymnasium war nach dem anderen großen Denken von der Mosel benannt. Nicolaus von Cusanus.

Ich war damals natürlich anti. Also contra Nick, pro Charly. Contra bonum, pro malo. 70er Jahre. So war das halt damals. Heute schüttelt man sich.

Später, als man das Hirn langsam einzuschalten beginnt, entzaubert sich der Bärtige von der Mosel rasch. Man bemerkt die verschwurbelte Denkweise, erkennt die politische Abstrusität.

Wie viele Menschen haben wegen den kruden Theorien von diesem Kerl ihr Leben lassen müssen? Wie viel Leid und Kummer hat man in Sibirien, in Nordkorea oder in Kambodscha im Namen dieses Mannes erleben müssen? Wie viel Armut und Elend hat der Trierer in die Welt gebracht?

Und nach und nach wird man dann auch gewahr, welch lausiger Mensch dieser Karl Marx eigentlich war. Bei seinem reichen Freund Fritz Engels aus Wuppertal hat er geschnorrt bis zum Abwinken. Seine Frau Jenny hat er betrogen mit der Haushälterin, seine Kinder auch nicht gut behandelt.

All das wundert nicht mehr. Elf Menschen waren bei Marx’ens Begräbnis im März 1883 auf Highgate zugegen.