Nach 63 Jahren kommt Ernest Hemingway zurück zum Rialto Fischmarkt
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Venedig, im September 2011; Photo by W. Stock

Venedig, Anfang September 2011

Ein Spaziergang durch Venedig. Kurz vor dem Canal Grande kommen wir zum Mercato di Rialto mit der Pescheria, dem riesigen Fischmarkt.

Der Fischmarkt an der Rialto-Brücke ist der größte in Venedig, manch einer sagt, ein wenig sei er auch das Herz, oder sollte man besser sagen, der Bauch dieser Stadt. Seit dem 9. Jahrhundert wird hier am Rialto, dem rivo alto, am hohen Fluss gehandelt, und von hier aus begann sich die Stadt in der Lagune zu besiedeln.

Am südlichen Eingang der antiken Markthalle komme ich an einem mannshohes Plakat vorbei. Il Veneto di Ernest Hemingway. In 90 Fotografie. Das Venetien von Ernest Hemingway. Eine Ausstellung in 90 Fotographien.

Die Ausstellung im Palazzo Loredan im Campo Santo Stefano legt Zeugnis davon ab, wie sehr Ernest Hemingway dieses Veneto liebte, und wie sehr das Veneto diesen Ernest Hemingway verehrt. Auch heute noch.

Das Foto des Ausstellungsposters zeigt Hemingway, im Tweed Sakko, vor vollen Fischkisten, wie er einen jungen Fischer befragt. Der junge Mann, ein Kopf kleiner als der Schriftsteller, findet sichtlich Gefallen, sich mit dem Schriftsteller zu unterhalten. Er lächelt. Hemingway seinerseits, notiert fleißig in sein Notizbuch.

Hemingway hat die morbide Schönheit dieser Stadt begriffen. Über den Fluss und in die Wälder heißt seine Liebeserklärung an die Stadt. Die Kunst bestand darin, vom Gritti aus über das Fondamente Nuovo ohne Fehler an den Rialto zu gelangen. Dann konnte man die Brücke erklimmen, sie überqueren und auf den Fischmarkt hinuntergehen. Den Markt mochte er am liebsten. Dieser quirlige Fischmarkt kam dem Amerikaner vor wie ein lebendiges Museum.

Warum prangt ausgerechnet hier das Hemingway-Plakat? Zumal die Ausstellung bereits im Mai 2011 geendet hat. Nun ist September. Ist dies dem, äh, dem lockeren Organisationstalent der Italiener geschuldet? Nein, nein, ganz anders. Der Mann bleibt hängen aus Liebe, aus erwiderter Liebe, möchte man präzisieren.

Denn ein genaues Hinsehen fördert Erstaunliches zu Tage. Das Foto ist damals just an der Stelle aufgenommen, wo das Poster heute auch hängt. Ja, es ist die selbe Stelle. Hier am Eingang zum Fischmarkt erkennt man die runde Säule, die Bögen der Markthalle und wenn man akkurat hinsieht, bemerkt man auch die bogenförmigen Ornamente.

Links oben am Foto sieht man das rechte Ende des Querbogens und selbst eine Aussparung sticht auf meinem wie auf Hemingways Foto wie ein senkrechter Klecks heraus. Kein Zweifel, Hemingway stand hier, keine Armlänge von der Stelle entfernt, wo heute sein Plakat hängt und wo ich heute das Foto schieße.

Ernest Hemingway besuchte Venedig dreimal. Im Herbst 1948, dann 1950 und das letzte Mal 1954. Das Hemingway-Foto des Plakats wurde im Oktober 1948 aufgenommen. Mein Foto Anfang September 2011. Genau 63 Jahre sind seither vergangen. Die Welt hat sich kräftig weiter gedreht. Aber die Stadt verfügt über ein gutes Gedächtnis und ein großes Herz.

Venedig war für den Amerikaner ein Mysterium, dem man sich hingeben musste, um es zu entschlüsseln, und was man gewinnt, ist Beglückung für Auge und Herz. Ernest Hemingway kam nach Venedig, und selbst als er fortging, blieb er da. Für immer.