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Anuradhapura, im Dezember 1981

Wenn man von Colombo in den Norden der Insel reist, so scheint des Weges die Zeit still zu stehen. Auf Sri Lanka läuft der Alltag einem einfachen, archaischen Rhythmus entlang. Bisweilen gewinnt man den Eindruck, die Uhr sei um einhundert Jahre zurück gedreht. Die Infrastruktur rührt zum großen Teil noch aus der britischen Kolonialzeit her, das Denken wird von einem noch wenig säkularisierten Buddhismus geprägt.

Die buddhistischen Tempelstätten von Anuradhapura, das lange Zeit Königsstadt gewesen war, dürfen nur ohne Schuhe besucht werden. Wie wahr, an den Schuhen klebt der Schmutz dieser Welt.

In meiner Stammkneipe streunt freudig vor meinen Füßen eine fette Ratte. Werde morgen wiederkommen, der Milo für zwei Rupien ist einfach köstlich. Am Nachmittag fragt mich ein Limoverkäufer, was ich in Germany so im Monat verdiene.  Ich sage, vielleicht so 30.000 Rupien. Er mag es nicht glauben. Er dürfte auf 300 Rupien kommen. So hoch ist auch der Betrag, den die konservative UNP-Regierung als Sterilisationsprämie zahlt.

Die United National Party ist an der Macht und die Sri Lankan Freedom Party SLFP von Frau Bandaraneike spielt die Opposition. Welche Berechtigung ein solcher Sozialdemokratismus in einem Land wie Sri Lanka haben kann? Als Nachhilfeunterricht für rosa Politiker empfehle ich, sich des Abends am Busbahnhof die endlosen Reihen ausgemergelter Bettler anzusehen.

Trotz allem, hier hegt man mehr Respekt vor dem Alter als in Westeuropa. Das Wort Altersheim existiert im Singhalesischen nicht. Auch die Kinder werden verehrt. Verrückte Welt. Sri Lanka hat eine hohe Kindersterblichkeit, aber ich habe selten so viele lachende Kinder gesehen wie hier.

Die Leute leben am Abgrund, so scheint es, pfeifen aber ihr fröhlich Lied. Vielleicht weil Armut und Reichtum nur relative Größen sind? Oder weil Reichtum, wie die Religion meint, nur beschwert? Bei der Heimkehr erwartet mich mein Vermieter, der Dorflehrer, an der Pforte. Wir haben uns schon Sorgen gemacht, so spät. Everything is allright, Sir – lache ich – good night.

Am Nachmittag nehme ich den Zug nach Talaimannar. Die Ceylonesen zelebrieren eine hohe Gastfreundschaft: Mein Teacher kommt eigens zur Verabschiedung an den Bahnsteig. Im Zug nach Talaimannar eine lankanesische Familie, deren 10jähriger Sohn in den USA aufgewachsen ist und dolmetscht. Was man denn in Deutschland so esse, will die Familie wissen, auch Reis, Curry und Mais? Nein, McDonald’s versuche ich es mit leiser, ironischer Kulturkritik. Oh, stöhnt mein kleiner Übersetzer voller Verzweiflung, das kennen die hier nicht.

Nach vier Stunden Bummelfahrt Ankunft in Talaimannar. Ein gottverlassenes Nest ohne Strom und fließend Wasser, umrahmt von ein paar holzverfaulten Fischerbuden. Das Schiff nach Indien wird erst morgen früh um 9 Uhr ablegen und so suche ich nach einer Unterkunft. Das Beherbergungsmonopol in diesem von Passagieren überlaufenen Fischerdorf haben ein paar Lodgen neben der Pier, wo das Doppelzimmer 38 Rupien kostet. Hier funktionieren weder das Licht noch die simpelsten Gesetze des Kapitalismus. In einer Fischerkneipe esse ich zu Abend ein scharfes Fisch-Curry, neben einer Petroleumfunzel.

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