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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Kategorie: Indien

Mumbai – unten Ratten, oben Polizei

Mumbai, im Februar 1982; Photo by W. Stock

Mumbai, im Februar 1982

Die Stadt, die früher Bombay hieß, kommt so erbärmlich daher wie keine andere. Chaotisch, laut, elend, überall riecht es nach Unrat und Fäkalien. Selten habe ich eine Metropole gesehen, der aller Lebensmut und Frohsinn so gründlich ausgetrieben ist, wie diese.

Der architektonische Liebreiz, noch aus der Kolonialzeit stammend, verfällt langsam aber sicher und hat längst vor dem misslichen Alltag kapituliert. Statt eines beherzten Aufbäumens gegen das Elend oder einer Auflehnung gegen das Chaos merkt der Besucher hier nur diesen bräsigen Fatalismus des Hinduismus, der mit Schicksalsglaube und Wiedergeburt zu trösten versucht.

Trotz pittoresker Architektur und der wärmenden Sonne kommt in dieser Stadt keine

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Ein kurzer Besuch bei Bhagwan

Photo by W. Stock

Poona/Indien, im Januar 1982

In Poona fährt mich ein Fahrer mit seiner Rikscha die drei Kilometer hinaus in die feine Villengegend um den Koregaon Park, wo ich dem berühmten Ashram des so Gescholtenen einen Besuch abstatten möchte.

Shree Rajneesh Ashram. Dessen Mission nehmen die Inder nicht für voll. Sondern sehen sie eher als eine Art Ferienklub-Animation für den reichen westlichen Bürgerstand. Sozio-demographisch sind des Bhagwans Jünger schnell beschrieben: männlich, 30 Jahre alt, Europäer oder US-Amerikaner, wohlhabend.

Am wuchtigen gateless gate, ein netter Name für

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Jawoohl, Jahaaz Yatra

Jazz Yatra

Jazz Yatra, Mumbai/India, im Februar 1982; Photo by W. Stock

In Bombay, das heute Mumbai heißt, hole ich bei Niranjan Jhaveri die Pressekarten für das Jazz Yatra Festival ab. Niranjan bittet mich zu Tisch und so esse ich bei den Jhaveris zu Mittag. Yatra ist Sanskrit und beschreibt im Hinduismus die Wallfahrt an geheiligte Orte. Eine hübsche Metapher für den Jazz.

Die Familie wohnt in einem Condominium am Kher Marg etwas außerhalb der Stadt. Niranjan, Generalsekretär von Jazz India und Manager des Yatra Festivals, hat sich wie kein zweiter um den Jazz in Indien verdient gemacht. Gleichzeitig ist er auch ein hervorragender Journalist und Dozent in Sachen moderne westliche Musik.

Zwischen dem Jazz und Indien gibt es einige interessante Berührungspunkte. So wilderten beispielsweise Ravi Shankar und der Altsaxophonist Bud Shank und Don Ellis im jeweils anderen Revier. Dabei galt die einfache Devise: Der Rhythmus eint, die Melodie trennt.

Eine indisch-jazzige Fusion mit Erfolg gründeten John McLaughlin und der indische Violinist Laxminarayan Shankar. Der Name dieser Gruppe: Shakti. Auch sie tritt beim diesjährigen Jazz Yatra auf.

Am Abend dann auf dem Festivalgelände. Der legendäre Radiomann Willis Conover aus den USA hat als Master of Ceremony abgesagt und nun übernimmt der lustige Terry Isono den Part als M.C.. Wenn der Japaner John Coltranes A Love Supreme ansagt, dann sagt er A Love Supleme. Das Programm ist nett bis obernett und immer wenn es rockig wird, springt das Publikum von den Stühlen auf.

Der Pianist Billy Taylor, der Flötist Herbie Mann aus den USA. Dann der deutsche Saxophonist Ernst-Ludwig Petrowsky, das ist raubeiniger Free Jazz aus der DDR. Dazu Jazz plus Indien mit Shakti. Ein solches Festival in der Dritten Welt muss mit beschränkten Finanzmitteln arbeiten. Damit hängt eine solche Veranstaltung am Tropf des Auswärtigen Amtes, des Goethe-Instituts oder der amerikanischen Kulturförderung. Aber dies muss das schlechteste ja auch nicht sein.

Niranjan kümmert sich rührend um die Journalisten. Manche schreiben fleißig, andere rauchen ihr Pfeifchen. Das Festival findet im Mumbais Zentrum statt, direkt neben einer belebten Tangente. Was allerdings den Vorteil besitzt, dass man schnell über die Strassenbrücke in ein populäres Restaurant huschen kann, um ein Lamb Masala zu verdrücken.

An den vier Tagen des Festivals schwebt die Frage in der Luft, ob der Jazz in einem bitterarmen Land wie Indien denn seinen Sinn macht. Welch arroganter Gedanke! Mehr als 20.000 begeisterte Zuhörer geben auf diese abwegige Frage die gebührende Antwort. Übrigens, 20.000 im Beat kräftig mitgehende Besucher.

Goa – Paradies hinter Büschen

Photo by W. Stock

Goa, im Januar 1982

Auf den ersten Blick scheint Goa wie ein paradiesischer Mix aus portugiesischem Katholizismus, hinduistischer Abgeklärtheit und azurblauem Himmel. So mag sich der liebe Gott, oder der indische Mensch-Elefant-Gott Ganesha, das Paradies vorgestellt haben. Panjim, die Hauptstadt dieses portugiesisch-indischen Doppel, strahlt den fröhlichen Reiz südeuropäischer Tropen inmitten Asiens aus.

Panjim ist eine betriebsame Gegend. Barocke indische Damen flanieren über tropische Boulevards, leicht bekleidete Europäer tummeln sich am Strand und auch die Bettler gehen entspannter als anderswo ihrem Tagewerk nach. Doch die Sonne Westindiens schönt manch bittere Tatsache.

Ich steige im Hotel Neptune, das Doppelzimmer zu 40 Rupien, ab. Der Hotelboy führt mich rasch in die Gepflogenheiten auf Goa ein. Es herrsche spürbarer Wassermangel, und im Neptune fließe das kostbare Naß nur morgens zwischen 6 und 8 Uhr sowie des abends von 7 bis 8. Und auch mit dem Generator ist es nicht weithin. Ich schreibe bei Kerzenlicht. Stromausfall. Kein Wasser. Kein Essen.

India Today, das Nachrichtenmagazin, meint, das abgelaufende Jahr könne man getrost vergessen. Die Politik sei ein Chaos. Rajiv Gandhi als Thronanwärter umstritten, Kerala zwischen der kommunistischen CPI und der Kongresspartei taumelnd, die Konservativen heillos zerstritten und zerfallen in Janata, Lok Dal und Congress S.

Beim Chinesen in der June Road wird ein ganz passables Chop Suey aufgetischt. Bahji, kleine Kartoffeln mit geschärfter Sauce, wird zu meinem neuen Leibgericht in den vegetarischen Kneipen. Dazu trinke ich eine Cola-ähnliche Brause undefinierbaren Ursprungs und Geschmacks. Coca Cola darf seit 1974 in Indien nicht mehr vertrieben werden. Das Gleiche gilt für Autos, Elektrogeräte oder andere westliche Verbrauchsgüter. Ein Relikt der kruden Subsistenzwirtschaft der Gandhi-Partei. Ohne Beschränkungen eingeführt werden dürfen nur Medikamente und Waffen.

Seit die Hippies Goa entdeckt haben, ist die paradiesische Ruhe dahin. Die Hippies haben die Preise kaputt gemacht, sie verbrauchen zu viel Strom und Wasser, verschmutzen die Strände, den Einheimischen wird alles zu viel und zu teuer. Im englischsprachigen Lokalblatt The Navhind Times beschwert sich ein Herr Fernandes mittels Leserbrief über die Hippy menance über die Hippies, die Herrn Fernandes schönen Landstrich mit ihren Drogen, nächtlichen Parties und mit ihren blanken Busen nur so verschandeln würden.

Und an den Wochenenden machen sich Heerscharen indischer Männer von weithin auf den Weg nach Goa, um zu beobachten, was hier Unglaubliches an den Stränden zu sehen ist: halbnackte oder auch ganze Nackedeis, Männlein wie Weiblein, die sich am Strand tummeln und ihre Parties und sonstwas laut zu feiern wissen.

Und wenn man dann die Inder mit großen Augen hinter den Büschen sieht, dann wird einem klar. Dieses schöne Goa zahlt einen hohen Preis, einen verdammt hohen Preis für sein Paradies.

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