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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

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The Beatles, geehrt von Count Basie

Unverschämt! Eine Frechheit! Welch ein Frevel! Ein Unterfangen jedenfalls, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist.

Die Beatles zu covern?! Das nimmt sich wie der Versuch aus, einen Roman im Stile von John Dos Passos zu schreiben.

Denn die Songs der Beatles sind so genial, dass man sie eigentlich nicht verbessern kann. Und überhaupt. Die Lieder der Fab Four wirken so stilbildend, dass man sich mit anderen Arrangements schwer tun würde.

Aber doch: Basie’s Beatle Bag. Elf frühe Kompositionen von John Lennon und Paul McCartney hat der wunderbare Arturo Chico O’Farrill für Count Basie und sein Orchester arrangiert.

Die Count Basie Big Band jener Tage liest sich wie ein Who is who des Jazz: Sonny Cohn, Wallace Davenport an den Trompeten, der Posaunist Al Grey, Tenorsaxophonist Eddie Lockjaw Davis, Freddie Green an der Gitarre. Im Mai 1966 ging es dann los.

Es ging los und vielleicht ging es auch

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Nur Nina Simone darf „My Baby just cares for me“ singen

Der Song hört sich ungemein frisch und vital an, aber er ist alt. Ziemlich alt. Bereits in den 30er Jahren wurde er von Jack Payne und seinem Orchester eingespielt. 1958 nahm ihn Nina Simone auf. Und dann fiel das Lied in seinen langen Dornröschenschlaf.

Bis 1987, als My Baby just cares for me als Untermalung eines Werbespots mit Carole Bouquet für Chanel No 5 lief. Der Song wurde weltweit ein Riesenhit.

Das Lied ist schwer zu singen. Denn es braucht eine kraftvolle Stimme und ein gutes Rhythmusgefühl. Fast meint man, die Melodie entlaufe dem Rhythmus, der Takt würde der wuchtigen Melodiestimme hinter schnauben, so dynamisch ist die Komposition.

Jeder, der Nina Simone auf der Bühne gesehen hat, ich habe sie zuletzt im Hammersmith Odeon in London erleben dürfen, der war von dem stimmlichen Kraftpaket überwältigt. Und es ist so, dass nur Nina Simone dieses Lied domptieren konnte. Andere Sänger wären wohl elendig daran gescheitert.

Some day my Prince will come

Im Laufe der Jahrzehnte haben zahlreiche Musiker Some day my Prince will come eingespielt. Zwei Versionen des Liedes ragen aus den Hunderten heraus: Die von Miles Davis und jene von Chet Baker.

Mein Liebling? Chet, immer wieder Chet! Ich mag dieses ambivalente Spiel von Chet Baker über alles. Hören Sie einmal in den Anfang dieses Songs hinein und hören Sie sich das Ende dieser Einspielung genau an. Das ist genial! Chet mit dieser coolen und doch swingenden Trompete. So einen dezenten Monolog mit Bass und Gitarre, solch eine romantische Phrasierung, so etwas hört man nicht alle Tage, traurig, aber dann doch irgendwie voller Vitalität.

Zuerst war Some day my prince will come das Wiegenlied in einem Zeichentrickfilm von Walt Disney. In Schneewittchen und die sieben Zwerge konnte das Publikum zum ersten Mal 1937 diesen Song hören. Das propere Schneewittchen singt es den Zwergen als Schlaflied vor.

Some day my prince will come
Some day we’ll meet again
And away to his castle we’ll go
Some day when my dreams come true

Frank Churchill, Disneys Hauskomponist, hat Some day my prince will come geschrieben und der Song wird zu einem beliebten Standard im modernen Jazz. Dave Brubeck, Keith Jarrett, Oscar Peterson, das Sun Ra Arkestra und viele andere haben den Song gespielt. Die Trompeten von Chet und Miles haben diesen Song für alle Zeiten geadelt. Von Schneewittchen und ihren sieben Zwergen zu Miles Davis und Chet Baker. Irre und aberwitzig. Aber letztendlich großartig, so ist halt Amerika!

gehauchtes Lied gegen braun

Der amerikanische Songwriter Pete Seeger hat Where have all the flowers gone? 1955 komponiert. Ein Anti-Kriegs-Lied. Es ist ein Refrainsong mit einem einfachen Text.

Marlene Dietrich hat das Lied auf Englisch, Französisch und Deutsch gesungen. Wobei die große Schauspielerin Dietrich – man muss es offen sagen – null Stimme gehabt hat. Bei ihrem Live-Konzert in London aus dem Jahr 1972 wird dies bei Titeln wie Honeysuckle Rose oder I get a kick out of you. Vom rein musikalischen Standpunkt hören sich diese Lieder grauselig an.

Auch die deutsche Fassung des Liedes haucht sie mit ihrem Sprechgesang dahin. Aber Sag mir wo die Blumen sind, Text Max Colpet, geht unter die Haut. Denn die Dietrich macht die fehlende Stimme durch Ausstrahlung wett. Und vor allem durch Glaubwürdigkeit.

So trat Marlene Dietrich in Israel auf und sang dieses Lied – auf Deutsch. Ein Skandal. Beinahe. Denn die Dietrich durfte dies. Dieser Song war Teil ihrer Biografie. Marlene stand für das anständige Deutschland. Sie hat gegen die braunen Diktatoren gekämpft, wo es nur ging, mit ihren Mitteln. Dieser Kampf ist in diesem Lied drin.

Max Colpets Sag mir wo die Blumen sind klingt von der Textführung noch eingängiger als das amerikanische Original. Und, noch ein Stück glaubwürdiger.

Der junge alte Tom Jones

Europa kann nicht gerade viele gute Pop- und Jazz-Sänger vorweisen. Die meisten kommen noch immer aus den Vereinigten Staaten, wo Tradition und Infrastruktur um einiges besser sind als in der alten Welt. Aber wenn man heute nach dem besten seiner Zunft fragen würde, dann würde wohl nicht ein Amerikaner, sondern der Brite Tom Jones ziemlich weit oben auf der Liste stehen.

Dieser Sänger ist ein Phänomen. Dies zeigt das Youtube-Video eindrucksvoll. Denn zwischen beiden Aufführungen von Fly me to the moon liegen, man mag es kaum glauben, schlappe 38 Jahre. 1969 in seiner Fernsehshow This is Tom Jones und 2007 im chilenischen Viña del Mar.

Aber auch der alte Tom Jones ist ein Junger. Noch immer hat der Waliser Tom Jones eine kraftvolle, klare Stimme. Was ihn auszeichnet: Er kann Bariton als auch Tenorstimme singen und seine Stimmumfang deckt sicherlich drei Oktaven ab.

Tom Jones ist einer der wenigen Crooner, die auch heute noch im gut Geschäft sind. Er überzeugt übrigens auch als jemand, der sich dem Neuen immer geöffnet hat, siehe Kiss oder Sexbomb, wo er HipHop-Elemente einbaut. Kein Zweifel, Tom Jones ist – gestern wie heute – einer der ganz Großen.

Northsea Jazz Festival

Das Konzept war für die 70er Jahre revolutionär. Jazz, nicht mehr als Einzelkonzert, sondern parallel in einem Dutzend verschiedener Säle zur Auswahl. Und so konnte der Besucher sich sein ganz eigenes Festival zusammenstellen, indem er von Saal zu Saal wechselte.

Das Northsea Jazz Festival, seit 1976 im Kongressgebäude von Den Haag, hat sich mit diesem innovativen Konzept schnell zu einem der besten Sommerfestivals in Europa gemausert.

Und Northsea Jazz bedeutet Gigantomanie: Der größte Saal bot mehreren tausend Leuten Platz, die kleineren einigen wenigen hundert. Und auch im Garten hatte man ein Riesenzelt aufgebaut, in dem dann Miles Davis tausende Musikbegeisterte anzog.

Dieses Mammut-Festival geht zurück auf einen älteren Herrn namens Paul Acket. Diesen sympathischen, etwas zerstreut wirkenden Jazzfreund sah man mit grauem wehenden Haar durch das Kongressgebäude von Saal zu Saal eilen. Acket, ein ehemaliger Verleger von Musikzeitschriften, verbuchte mit seiner Festivalidee einen vollen Erfolg: Schnell besuchten alljährlich 30.000 bis 40.000 Liebhaber das dreitägige Festival Mitte Juli.

In Den Haag habe ich Musiker gehört und gesehen, das will man heute kaum mehr glauben: Clark Terry, Dave Brubeck, Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald, George Shearing, Kai Winding, Grover Washington jr, Herb Ellis, Jim Hall, Joe Pass, Tony Williams, Jay McShann, die Lionel Hampton All Stars, Ken Colyer’s Jazzmen, Monty Alexander, Milt Jackson, Sonny Stitt, Taj Mahal, Woody Herman and the Young Thundering Herd, Tete Montoliu, Wild Bill Davis, Archie Shepp, Muddy Waters, Buck Clayton, Oscar Peterson, B.B. King, Ruby Braff, Bob Wilber, Count Basie and his Orchestra, den großen Chet Baker, Spyro Gyra, Chick Corea, Sun Ra Arkestra – und die Liste ist noch nicht vollständig.

Und all dies sind nicht die Musiker aus 34 Jahren Northsea Jazz Festival.  Nein, nein, das sind nur Musiker, die alleine in den drei Julitagen des Jahres 1979 den Weg nach den Haag gefunden haben.

Keine Frage, das ist beeindruckend, das wird so nicht wiederkommen. In Den Haag erlebte man das Who’s who der Jazzhistorie.

Ich war von 1977, dem zweiten Festival, dann viele Jahre regelmäßig in Den Haag. Und habe dort alle Großen des Jazz gesehen. In den letzten Jahren zog es mich nicht mehr zu North Sea Jazz, das nun alljährlich in Rotterdam stattfindet.

Denn, was haben all diese aufgeführten Musiker gemein? Nun, die Allermeisten weilen nicht mehr unter uns. Das ist ein herber Verlust für uns und natürlich auch für den Jazz. Ja, es gibt keinen Dizzy Gillespie mehr. Und genauso schlimm, es gibt keine Dizzy Gillespie-Musik mehr.

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