Wie geht’s den Medien in den USA?
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Ein paar Tage an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Wie immer spannend und inspirierend. Wie geht es den Zeitungen und Zeitschriften in den USA? Ist Print tot? Wie wird das Internet genutzt? Nachfolgend einige subjektive Beobachtungen zur Mediennutzung:

1. Smartphone, Smartphone, über alles. Jeder hat eines, und ein jeder schreibt, liest, spielt damit, zu jeder Zeit und überall. Das Smartphone ist die dominante Konstante im Leben des modernen Amerikaners. Die kleinen Wunderdinge werden angehimmelt. Mobile ist das Zauberwort, Apple und Samsung heißen die neuen Götzen.

El TiemoLatino

Washington, Ende Mai 2013;
Photo by W. Stock

2. Latino-Power, auch in den Medien. Jede Großstadt besitzt mittlerweile ein, zwei Tageszeitungen auf Spanisch. Dazu spanischsprachige Fernsehsender, hispanische Radiostationen. An allen Ecken hört man Spanisch. Ohne die Latinos würde die Dienstleistungs-Industrie der USA wohl zusammenbrechen. Auch politisch wächst der Einfluß der Hispanics. Großes Thema: das neue Einwanderungsgesetz und die Legalisierung der illegal Eingewanderten.

3. TV – nach wie vor unerträglich. Die Fernsehsendungen werden immer kürzer getaktet und immer stärker emotional aufgeladen. Die Nachrichten: Bumm, bumm, bumm. Zugunglücke, Tornados, Morde, Gerichtsprozesse, Krankheiten, Schönheitswettbewerbe. Dazwischen Werbe-Stakkato. Das Medium TV grenzt an Körperverletzung.

4. Tageszeitungen. Tot? Nicht ganz, aber sie riechen schon ein wenig. Was einem selbst Traditionsverlage als Tageszeitung vorlegen, lässt einem Medienjunkie die Haare zu Berge stehen. Unhandlich schmales Format, schlechtes Papier, lose Druckerschwärze. Und dann Inhalte die an Beliebigkeit und Belanglosigkeit schwer zu überbieten sind. Wenn Tageszeitungen verlieren, so sind sie selber schuld.

5. Schwache Kioskkultur. Der Zeitschriftenvertrieb ist auf ein Minimum ausgedünnt worden. Wenn man in den Bahnhöfen, in der Penn Station in Baltimore oder der Union Station in Washington nach Zeitungen und Zeitschriften sucht, dann muss man lange suchen und wird wenig finden. Ein solcher Bahnhofskiosk hat vielleicht 60 bis 80 Zeitschriften im Angebot, nur den leicht verkäuflichen Mainstream.

politico

Washington, Ende Mai 2013;
Photo by W. Stock

6. Aus Online wird Print. Politico macht es vor. Die erfolgreiche Website wird zur erfolgreichen Zeitung. Das Blatt Politico wird kostenlos verteilt, ist flott lesbar und mit Anzeigen ansehnlich bestückt.

7. Print wird verschleudert. Die Verkaufspreise befinden sich nach wie vor im Keller. USA Today, die große pan-amerikanische Tageszeitung kostet einen Dollar. Das sind etwa 0,77 Euro. Ein Magazin wie der New Yorker ist im Abo bereits für einen Dollar zu haben. Zum Vergleich: Für eine Eiskugel HäagenDazs habe ich sechs Dollar gezahlt.

8. Das Wall Street Journal wird general. Das WSJ, einst eine spitz zugeschnittene Wirtschaftszeitung, öffnet sich merklich allgemeinen Themen. Nicht nur Wirtschaft und Börse finden ihren Platz, sondern auch Politik, Kultur, Lifestyle. Ein interessantes Experiment, das zu gelingen scheint.

9. Flache Business Week. Seit Bloomberg die BusinessWeek gekauft hat, fällt das Blatt merklich in der Qualität. Ein wirres Layout, kein Agenda Setting, keine guten Kolumnisten, stattdessen inhaltliche Willkür. Die sonst so erfolgreiche Bloomberg-Gruppe hat hier kein Händchen und wohl auch keine Strategie.

10. Buchhandlungen? Ich habe keine gesehen. Jedenfalls ist mir keine aufgefallen. Wo sind Barnes & Noble, die Borders oder Crown? Wo bleiben die kleinen unabhängigen Buchhändler? Die Buchhandlungen verschwinden fast vollständig aus dem Straßenbild. Der stationäre Buchhandel wird von zwei Seiten in die Zange genommen. Vom Versender amazon und von den E-Books. Und wohl auch vom nachlassenden Interesse am Medium Buch.

Alles in allem: Die anspruchsvolle Publizistik befindet sich in den USA im merklichen Niedergang. Zeitungen, Zeitschriften und gedruckte Bücher finden in der modernen Welt des amerikanischen Konsumenten nicht ihren Platz. Stattdessen die vornehmlich mobile Nutzung von Inhalten und Services. Da mag man auch schnell die Gewinner ausmachen: iPhone, iPad und Konsorten schöpfen den Rahm ab. Die anderen dürfen den Kochlöffel ablecken.