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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

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Gott ist gegangen, sagt Jack Kerouac

Er ist das jüngste von neun Kindern, Sohn einer Arbeiterfamilie, er war ganz unten, er ist von Geburt an blind, ein armer Junge aus Battersea. Er hat für fünf Dollar die Woche in Londoner Pubs angefangen. Als Pianist. 1947 ist er dann in die USA gegangen. Und er wurde ein Weltstar.

Heute heißt George Shearing ganz fein und edel  Sir George, weil er von der britischen Königin Elizabeth II vor einigen Jahren zum Ritter geschlagen wurde. Und, was sehr erfreulich ist, Sir George, Jahrgang 1919, weilt mit über 90 noch unter uns.

Weltstar, Schotter, Ritter – alles schön bis oberschön. Die größte Auszeichnung jedoch verlieh ihm ein anderer Großer. Jack Kerouac, der Schriftsteller der Beatniks. In On the Road aus dem Jahr 1951, das erst 1957 als Buch erschien, widmet er dem Pianisten George Shearing eine atmosphärisch besonders dichte Episode. In dem typischen atem- und rastlosen Stil Kerouacs, der irgendwie an Jazz erinnert, an geschriebenen Bebop.

An diesem langen, beschissenen Wochenende machten Dean und ich uns auf ins Birdland, um Shearing zu sehen. Der Club war menschenleer, wir waren die ersten Gäste, zehn Uhr nachts. Dann kam Shearing raus, blind, die Hand tastete sich zum Klavier. Er war einer dieser blassierten Engländer, mit steifem weißen Kragen, leicht fleischig, blond, mit einem zarten Englisch-Sommernachts-Lüftlein um ihn herum, das verflog als er die erste süße Kräuselnummer spielte, während der Bassist sich zu ihm ehrfurchtsvoll rüberlehnte und den Beat zupfte.

Ja, das ist George Shearing. Er spielt eine Kräuselnummer, es beginnt ganz harmlos, aber dann wird es zu richtig gutem flotten Jazz. George spielt das Klavier betont klassisch, so als trüge der Arrangeur der wilden Musik den Namen Johann Sebastian Bach. Aber, man täusche sich nicht, spätestens wenn Shearing in up-tempi geht, dann phrasiert er schwarz und lässt die Klassik hinter sich. Jack Kerouac hat das erkannt. In einer freien und flotten Übersetzung von mir schreibt er weiter:

Der Schlagzeuger, Denzil Best, saß regungslos da, nur seine Handgelenke wippen die Bürsten. Und Shearing begann zu zucken. Ein Lächeln ging über sein strenges Gesicht; er begann auf dem Klavierhocker zu schaukeln, vor und zurück, langsam zuerst, dann als der Rhythmus schneller wurde, schaukelte auch er immer schneller, sein linker Fuß sprang bei jedem Takt auf, und sein Hals krümmte sich wippend hin und her, er senkte sein Gesicht runter zu den Tasten, er schob seine Haare zurück, seine feinen Strähnen waren aufgelöst, und er begann zu schwitzen.

Jack Kerouac und sein Kumpel Dean bleiben den Abend im Birdland. Nun ist das Konzert vorüber, der Jazzclub wirkt verlassen, die beiden Freunde blödeln rum. Plötzlich zeigt Dean auf die Bühne, auf den einsamen Piano-Schemel. Gottes Stuhl ist leer, sagt Dean ernst. Und Jack Kerouac widmet sich wieder dem Pianisten: Gott ist gegangen; es war die Stille seines Abschieds. Draußen regnete es.

Jack Kerouac und George Shearing, On the Road. Zwei Giganten. Wir schreiben das Jahr 1949. Draußen regnet es.

B. Traven versteckt sich in Acapulco

Ein sonniges Plätzchen für schattige Winkelzüge. In Acapulco hält sich B. Traven ab 1930 versteckt, wo er ein kleines Landhaus mit einen großen Obstgarten außerhalb des Zentrums bewohnt. El Parque Cachú an der Avenida Costa Grande 901 ist ein mit vielen Bäumen und Gestrüpp bewuchertes Landhaus an der Strasse nach Pie de La Cuesta.

Die heute heruntergekommene Obstplantage liegt an einer vielbefahrenen Ausfallstrasse Acapulcos, weit weg von den imposanten Hotels und der azurblauen Bucht. Eine Holzgittertüre, vom Staub der Strasse und der schwülen Tropenhitze angefressen, verdeckt den Blick auf das einfache Ziegelhaus.

Es ist, wie in diesen Breiten üblich, ein bescheidenes eingeschossiges Bauwerk mit einem flachen Dach und einfachen Klappfenstern. Das Haus wurde ohne jeden Schnörkel symmetrisch auf einer kleinen Anhöhe gebaut, zu der die Dutzend Steinstufen einer kleinen Treppe führen. Um das Gebäude herum gruppiert sind Mangobäume und vor allem zahlreiche Nussbäume, die der Huerta den Namen geben.

Der Autor von El Tesoro de la Sierra Madre – Der Schatz der Sierra Madre – lebt im Parque Cachú mit einer jungen indianischen Frau zusammen, Maria de la Luz Martínez, die Besitzerin der Obstplantage ist. Maria und ihre Schwester Elva betreiben im Parque ein kleines Gartenrestaurant, das den Geschwistern und ihrem Mitbewohner Traven, insbesondere in den Kriegsjahren, als aus Europa nur geringe Tantiemezahlungen fließen, den Lebensunterhalt garantiert.

In Acapulco erhält Traven auch seinen ersten mexikanischen Personalausweis. Gastwirt trägt Traven in manchen Lebenslauf als Berufsbezeichnung ein, und in diesen Jahren sollte dies ausnahmsweise dann annähernd den Tatsache entsprechen.

Traven arbeitet viel im Obstgarten, ansonsten schreibt er in seiner oficina an seinen Romanen. Wie ein Einsiedler ohne jeden tieferen Kontakt lebt der kauzige Mann in diesem sonnigen, verfallen wirkenden Gartenhaus in Acapulco und die Nachbarn nennen den drahtigen, kleinen grauen Mann El Gringo.

Acapulco ist damals noch lange nicht der mondäne Badeort späterer Jahre, keine Jetset-Destination, sondern ein armes, verlassenes Fischernest am Pazifik mit gerade mal 8.000 Einwohnern. Und im heiteren Acapulco kann man sich höchst angenehm verstecken.

Der geheimnisumwitterte Schriftsteller lebt in Acapulco unter dem Namen Berick Traven Torsvan, was einerseits seine Identität ausreichend camoufliert, ihn anderseits noch in die Lage versetzt, Honorare für einen B. Traven anzunehmen. Postfach 49, Acapulco, Guerrero, México – das bleibt seine einzige Verbindung zur Welt nach draußen.

Auch während der Zeit des Zweiten Weltkriegs bleibt er in dem idyllischen Pazifikstädtchen untergetaucht. Dies besitzt den charmanten Nebeneffekt, dass er den nun zahlreichen deutschen Emigranten, die es nach Mexiko City verschlägt, nicht über den Wege laufen muss. Egon Erwin Kisch, der rasende Reporter, beispielsweise macht sich auf die Suche nach seinem schreibenden Kollegen, von dem er weiß, dass er der frühere Münchner Revolutionär Ret Marut sein muss.

Ein Flüchtiger auf der Flucht vor Flüchtlingen, merkt der Traven-Biograf Karl Guthke spitz an. Aber B. Traven versteckt sich unbeirrbar viele, viele Jahre in seiner Huerta und in diesen beiden Jahrzehnten hier in Acapulco schreibt der deutsche Autor ein halbes Dutzend detailreicher Romane über tapfere Campesinos, darbende Indios und feiste Hacendados. Also, über Mexiko.

Günter Wallraff, der Schmutzwühler

Günter Wallraff, Wolfgang Stock; Bergisches Land, den 5. Juni 1979


Unter konspirativen Umständen, man kann es nicht anders sagen, kam ich zu Günter Wallraff. Denn Wallraff musste für ein paar Wochen von der Bildfläche verschwinden.

Ich traf Günter Wallraff im Sommer 1979. Er hatte über drei Monate unerkannt in der BILD-Lokalredaktion in Hannover gearbeitet und enthüllt, mit welchen Methoden Deutschlands führende Zeitung zu arbeiten pflegt. Sein Buch Der Aufmacher – Der Mann, der bei ‘Bild’ Hans Esser war erklomm rasch die Bestsellerlisten und wurde heftig diskutiert.

Neben reichlich Lob und Bewunderung über diesen Scoop hagelte es Widerspruch, Klagen, Drohungen und Wallraff zog sich für einige Tage in das Haus eines Freundes zurück, weit ab der Großstadt und der medialen Aufmerksamkeit.

Seine Assistentin lotste uns per Telefon wie in einem Krininalfilm zu seinem geheimen Refugium. “Fahren Sie nach Bergisch-Gladbach, dann Richtung Kleinkleckersdorf, auf halbem Weg sehen Sie eine hohe Eiche, biegen Sie dort in den Waldweg…” Und so weiter, und so fort. Man kam sich vor, wie in einem Thriller von John le Carré. Wir waren, zumindest für einen Tag, Teil des System Günter Wallraff geworden.

In dem Sommerhaus im Bergischen empfing uns Wallraff freundlich, neugierig und doch stets auf der Hut. Er war eigentlich immer auf der Lauer, und manchmal wusste man nicht so recht, ob man nun Günter Wallraff oder doch Hans Esser vor sich hatte.

Ich mag Wallraffs subjektive Annäherung an das Schreiben. Das hat eine lange Tradition, denn schon Upton Sinclair hatte 1905 mit The Jungle einen inkognito recherchierten Roman veröffentlicht, der die Zustände in den Schlachthäusern von Chicago anprangerte. Muckraker, nennen die Amerikaner diese Form des Journalismus verächtlich, Schmutzwühler, Nestbeschmutzer. Bisweilen hört es sich wie eine Auszeichnung an.

Und Muckraker Wallraff enthüllte Mißstände wie kein anderer: Er war der Türke Ali bei Thyssen und – mein Liebling – er deckte Putschpläne und Waffenschiebereien des sinistren früheren portugiesischen Staatspräsidenten General António de Spinola auf. Manchmal vernahm man eine übermütige Spöttelei in seiner Recherche. Beispielsweise, wenn er sich bei Gerling auf den Chefschreibtisch breit machte.

In der schwedischen Sprache hat sich der Begriff wallraffa eingebürgert, das Verb bezeichnet einen verdeckten Recherchestil. Wallraff hat den Journalismus um eine Dimension bereichert. Überraschend angreifen, unerkannt beobachten, ganz nah rangehen. Das ist zwangsläufig höchst subjektiv und nicht mehr objektiv. So what? Das ist jedenfalls aufregender und spannender als das meiste Zeug, das die Sesselpupser so schreiben.

Mark Twain

All modern American literature comes from one book by Mark Twain called Huckleberry Finn.

Die ganze moderne amerikanische Literatur führt sich auf ein Buch von Mark Twain zurück: Huckleberry Finn.

Ernest Hemingway

Wo Hemingway knapp dem Tode entging

Photo by W. Stock

Fossalta di Piave, im September 2009

Um Haaresbreite wäre an dieser Stelle, eine knappe Autostunde nördlich von Venedig, Hemingways jungem Leben ein brutales Ende gesetzt worden. Hier an diesem lieblichen Fluss ist Ernest Hemingway nur knapp, und zwar ziemlich knapp, dem Tode entronnen.

Daran erinnert ein Denkmal, das am Ende der Via Ragazzi del ‘99, auf einem Damm steht, der das Städtchen Fossalta von der Piave trennt. Hier wird noch heute, fast hundert Jahre nach dem Vorfall, die Erinnerung an Hemingways schwere Verwundung wach gehalten

Su questo argine, Ernest Hemingway volontario della croce americana veniva ferito la notte dell‘ 8 Luglio 1918. An diesem Deich wurde Ernest Hemingway, Freiwilliger des amerikanischen Roten Kreuzes, in der Nacht des 8. Juli 1918 verwundet.

Der junge Draufgänger Ernest Hemingway hatte sich 1918 freiwillig als Fahrer des Red Cross Ambulance Corps gemeldet, nachdem die USA im April 1917 den Kriegseintritt beschlossen hatten. Nach seiner Ankunft in Europa wurde er als Fahrer bei Verpflegungstouren und im Ambulanzservice an der norditalienischen Front eingesetzt.

Ernest stand kurz vor seinem 19. Geburtstag, eigentlich war er noch ein Junge, aber schon ein Kerl wie ein Baum. Mit 18 sieht man die Welt noch bunt und sicherlich war er noch gehörig grün hinter den Ohren.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1918 ist Hemingway auf Versorgungsfahrt entlang der Piave an einer Stelle, die die Einheimischen Buso de Burato bezeichnen. Per Fahrrad soll er den in den Schützengräben liegenden italienischen Soldaten Lebensmittel, Brot und ein paar Bildchen zur Ermunterung überbringen.

Als Hemingway gegen ein Uhr diesen Damm am Westufer der Piave erreicht, explodiert zwei Meter von ihm entfernt eine Mörsergranate. Die Granate, von österreichischen Truppen am Ostufer abgefeuert, ist mit Eisenkugeln, Stahl und Metallschrott gefüllt. Über 200 Splitter bohren sich in Hemingways rechtes Bein.

Kurz darauf gerät der junge Amerikaner in eine Maschinengewehr-Salve. Die Patronen treffen seinen rechten Fuß und die Kniescheibe. Trotz seiner brennenden Splitter- und Schuss-Verletzungen erreicht Hemingway mit letzter Kraft den rettenden Kommandoposten hinter dem Damm.

Hemingway hat hier an der sanften Piave dem Tod ins Angesicht geblickt. In einem Brief an seine Familie prahlt er mit dem Geschehnis: Leute, das hat vielleicht einen netten Wirbel gegeben, dass ich angeschossen wurde! Es ist fast so gut wie getötet werden und den eigenen Nachruf lesen. Während der sechs Tage, die ich vorn in den Frontgräben verbracht habe, nur 45 Meter von den Österreichern entfernt, stand ich in dem Ruf unverwundbar zu sein. So ein Ruf allein bedeutet nicht viel, aber es zu sein, schon.

Fosslta bildet einen Wendepunkt in seinem Leben. Auch wenn er der Verwundung mit bekannter Wurstigkeit begegnet, schnell gar damit zu Prahlen pflegt, ein solcher Anschlag nimmt einem jugendlichen Leben die Leichtigkeit. Hinter all  dem Trotz und all der Koketterie hat Fossalta irgendetwas in ihm zerstört. Und die schlimmste Verletzung passiert nicht an Bein und Knie, sondern im Kopf. Die Granate hat die behütete Welt des Jugendlichen in Stücke gerissen.

Was als Abenteuer angelegt ist, endet in einer großen Ernüchterung. Der Krieg ist nicht Versteckspiel und Rauferei, das wird ihm jetzt klar, der Krieg ist Rotz und Blut, der Krieg ist Sterben und Tod. Schmerzlich wird dem Jungen die Fragilität und die Endlichkeit des Lebens eingebombt. Der Tod sollte nie mehr aus seinem Leben schwinden.

Bitte besuchen Sie zum Thema Ernest Hemingway mein neues Blog Hemingways Welt.

Norbert Bolz, der elitäre Aufklärer

München, im September 1992; Foto: Hasso von Bülow

Große und klare Denker besitzt dieses Land ja nicht viele. Und insbesondere mangelt es an Philosophen, die sich nicht dem herrschenden Mainstream unterordnen, sondern die unkonventionell und auch politisch unkorrekt zu analysieren vermögen. Solche gibt es ganz wenige.

Einer, vielleicht der beste, ist Norbert Bolz. Im Herbst 1992 lernte ich ihn kennen, als er im Münchner Künstlerhaus einen rasanten Vortrag hielt und ich diese Veranstaltung moderieren durfte. Der studierte Philosoph, Germanist und Religionswissenschaftler Bolz überzeugt mit breitem Wissen und einer beeindruckenden Tiefenschärfe.

Den gebürtigen Ludwigshafener nur als ein Kommunikationstheoretiker abzutun, greift zu kurz. Eigentlich ist er ein Kulturphilosoph, der verwandte Disziplinen wie die Volkswirtschaftslehre oder die Soziologie in seine Überlegungen einfließen lässt.

Norbert Bolz, ein jugendlich und asketisch wirkender Mann des Jahrgangs 1953, arbeitet als Hochschullehrer, zuerst in Essen, jetzt an der TU Berlin. Der Vater von vier Kindern ist ein extrem fleißiger und produktiver Geistesarbeiter. Und er tritt als Kulturkritiker mit deutlicher Aussprache auf. Nicht wie andere seiner Spezies, die larmoyant ihre eigene Befindlichkeit in den Mittelpunkt rücken, sondern als jemand, der ungewöhnliche Fragen stellt, auch wenn diese unangenehm daher kommen mögen.

Wieso sind die Deutschen so nörgelig, wo sie doch die Freiheit haben? Warum wird Freiheit oft als Bürde aufgefasst? Wird der Wohlfahrtsstaat mehr und mehr zum Vormund? Woher kommt diese Sehnsucht nach der verwalteten Welt? Kann es Sinn der Emanzipation sein, nur wegen des Prinzips eine vernünftige Arbeitsteilung aufzuheben?

Mit solchen Fragen macht man sich heute keine Freunde, viele werden solche Gedanken als elitär empfinden. Gerade die Gutmenschen kriegen bei Bolz ihre Abreibung. Die Gutmeinenden wollen Gleichheit statt Freiheit – und zwar Ergebnisgleichheit statt Chancengleichheit. Touché. Hier sitzt ein Provocateur, der wahrscheinlich auch noch Spass an seiner Provokation hat.

Im Grunde genommen liegt das Hauptthema von Norbert Bolz im Spanungsverhältnis von Freiheit und Gerechtigkeit. Wenn beides in Balance steht, so mag eine Gesellschaft produktiv funktionieren. Doch Bolz erkennt, dass der Gleichheits- und Gerechtigkeitsfanatismus unserer Breiten zu Lasten der Freiheit geht. Wohlfahrt sei eine Droge, die den Menschen in Abhängigkeit hält.

Der Fürsorgestaat erzeuge Unmündigkeit, jene Geisteshaltung, gegen die die Aufklärung eigentlich kämpfe. Man gibt Freiheit zugunsten von Versorgungssicherheit auf. Diese Tyrannei der Wohltaten erzeuge im Grunde genommen eine Sklavenmentalität.

Als Gegenentwurf zu diesem Paternalismus, der die kreativen Kräfte einer Gesellschaft lähmt, stellt Bolz die liberalen Ideen der Aufklärung. Der Liberalismus besteht aus Marktwirtschaft, Eigentum, Freiheit des Einzelnen, Herrschaft des Rechts, staatlicher Sicherheit und Ordnung, formaler Chancengleichheit und Karrierechancen für jedes Talent. Der Liberale erkennt im Wettbewerb das Schicksal der Freiheit und im Recht das regulierende Supplement des Wettbewerbs. Mehr Ordnung ist für eine moderne Gesellschaft weder nötig noch sinnvoll möglich. Die offene Gesellschaft kann man nur offen halten – aber das ist den meisten zu wenig.

In die Nebensätzen des Liberalen Norbert Bolz schleicht sich so ein Hauch von Resignation ein. Sicher, heute ist der Liberalismus keine Volksbewegung, vielleicht ist er auch nicht mehr mehrheitsfähig. Jedenfalls, und auch dies ist ein Teil des globalen Wettbewerbs, jedenfalls nicht in Europa.

John Naisbitt: China, China, China!

München, im November 2007

Ein langes Mittagessen mit John und Doris Naisbitt im exzellenten Spatenhaus mit Blick auf die Münchener Oper. John mag ein saftiges Schnitzel und trinkt, wie immer, Tafelwasser mit Eiswürfel. Doris und John kommen aus Wien und fliegen am Abend nach Peking.

John Naisbitt, der große amerikanische Trendforscher, hat über 18 Millionen Bücher verkauft und allein sein Hauptwerk Megatrends ging weltweit 11 Millionen mal über die Ladentheke. In diesen Megatrends, 1982 erschienen, beschreibt er 10 Trends, die unsere Zukunft bestimmen. Er lag bei keiner Prognose daneben.

Es gibt für John und Doris im Augenblick nur ein großes Thema: China. Beide waren in diesem Jahr bereits siebenmal im Reich der Mitte und sind von dem rasanten Tempo der Entwicklung beeindruckt. Während wir in Europa das heutige China häufig noch als Land der gelben Ameisen sehen, ihm kurioserweise gar Entwicklungshilfe zukommen lassen, hat sich das Land längst zum selbstbewussten global player entwickelt. Die Chinesen genießen ihre wirtschaftliche Freiheit und erleben einen Wohlstandsschub wie noch nie.

Präsident Hu spreche ausdrücklich von Marktwirtschaft, und nicht verbrämt von sozialistischer Marktwirtschaft oder Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz. In China gebe es, so John, Marktwirtschaft pur. Das Wort Kommunismus hingegen komme im offiziellen Sprachgebrauch kaum noch vor. Wahrscheinlich gibt es in Deutschland heute mehr Kommunisten als in China, machen wir uns lustig.

Die Problembereiche seien der politischen Elite bekannt: Korruption, ökonomische Überhitzung, Umweltverschmutzung. Man sei jedoch, meint John, auf dem richtigen Weg. Übrigens, er halte China nicht für eine aggressive Macht, der Militäretat sei im letzten Jahr gekürzt worden. Die Chinesen interessiert hauptsächlich, das Land wirtschaftlich voran zu bringen.

Die Entwicklung sei nicht mehr umkehrbar. Der ökonomischen Freiheit werde die politische Freiheit folgen. Dies sei ein langsamer Prozess, aber er sei voll im Gange. Und man habe Zeit. Die Chinesen denken nicht in Monaten oder Jahren, sondern in Dynastien.

Und John Naisbitt ist in solchen Fragen nicht nur Theoretiker oder Beobachter, er möchte miterleben, er will dabei sein. Am Abend haben die Naisbitts die Lufthansa-Maschine nach China genommen und werden fortan einen ihrer Wohnsitze nach Tianjin, der 10-Millionen-Metropole nördlich von Peking, verlagern.

John wird dort, neben seiner Professorentätigkeit an chinesischen Universitäten, forschen und schreiben. Doris wird ihn unterstützen und weiterhin darauf achten, dass es ihm gut geht. Ein neues Abenteuer bricht an im Leben des sympathischen Amerikaners. Respekt, man mag es kaum glauben, der Mann wird nächsten Januar 79 Jahre jung.

Northsea Jazz Festival

Das Konzept war für die 70er Jahre revolutionär. Jazz, nicht mehr als Einzelkonzert, sondern parallel in einem Dutzend verschiedener Säle zur Auswahl. Und so konnte der Besucher sich sein ganz eigenes Festival zusammenstellen, indem er von Saal zu Saal wechselte.

Das Northsea Jazz Festival, seit 1976 im Kongressgebäude von Den Haag, hat sich mit diesem innovativen Konzept schnell zu einem der besten Sommerfestivals in Europa gemausert.

Und Northsea Jazz bedeutet Gigantomanie: Der größte Saal bot mehreren tausend Leuten Platz, die kleineren einigen wenigen hundert. Und auch im Garten hatte man ein Riesenzelt aufgebaut, in dem dann Miles Davis tausende Musikbegeisterte anzog.

Dieses Mammut-Festival geht zurück auf einen älteren Herrn namens Paul Acket. Diesen sympathischen, etwas zerstreut wirkenden Jazzfreund sah man mit grauem wehenden Haar durch das Kongressgebäude von Saal zu Saal eilen. Acket, ein ehemaliger Verleger von Musikzeitschriften, verbuchte mit seiner Festivalidee einen vollen Erfolg: Schnell besuchten alljährlich 30.000 bis 40.000 Liebhaber das dreitägige Festival Mitte Juli.

In Den Haag habe ich Musiker gehört und gesehen, das will man heute kaum mehr glauben: Clark Terry, Dave Brubeck, Dizzy Gillespie, Ella Fitzgerald, George Shearing, Kai Winding, Grover Washington jr, Herb Ellis, Jim Hall, Joe Pass, Tony Williams, Jay McShann, die Lionel Hampton All Stars, Ken Colyer’s Jazzmen, Monty Alexander, Milt Jackson, Sonny Stitt, Taj Mahal, Woody Herman and the Young Thundering Herd, Tete Montoliu, Wild Bill Davis, Archie Shepp, Muddy Waters, Buck Clayton, Oscar Peterson, B.B. King, Ruby Braff, Bob Wilber, Count Basie and his Orchestra, den großen Chet Baker, Spyro Gyra, Chick Corea, Sun Ra Arkestra – und die Liste ist noch nicht vollständig.

Und all dies sind nicht die Musiker aus 34 Jahren Northsea Jazz Festival.  Nein, nein, das sind nur Musiker, die alleine in den drei Julitagen des Jahres 1979 den Weg nach den Haag gefunden haben.

Keine Frage, das ist beeindruckend, das wird so nicht wiederkommen. In Den Haag erlebte man das Who’s who der Jazzhistorie.

Ich war von 1977, dem zweiten Festival, dann viele Jahre regelmäßig in Den Haag. Und habe dort alle Großen des Jazz gesehen. In den letzten Jahren zog es mich nicht mehr zu North Sea Jazz, das nun alljährlich in Rotterdam stattfindet.

Denn, was haben all diese aufgeführten Musiker gemein? Nun, die Allermeisten weilen nicht mehr unter uns. Das ist ein herber Verlust für uns und natürlich auch für den Jazz. Ja, es gibt keinen Dizzy Gillespie mehr. Und genauso schlimm, es gibt keine Dizzy Gillespie-Musik mehr.

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