STOCKPRESS.de

Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Schlagwort: politics

Don Alfredo, der deutsche Diktator

Photo by W. Stock

Asunción/Paraguay, im Januar 1988

El Excelentisimo, der General des Heeres, der Oberkommandierende der Streitkräfte, der Oberste Richter des Landes, der Führer des Partido Colorado und der Präsident auf Lebenszeit, Don Alfredo Stroessner, sieht sich als Friedensengel. In Frieden leben, in Frieden arbeiten, verheißen seine Plakate und Parolen, die straff über Strassen und Plätze gezogen sind.

Doch der Friede des General Stroessner gleicht einer Friedhofsruhe. Das ganze Land gleicht dem. Schon seit 1954 schon regiert der Sohn einer paraguayischen Mutter und eines eingewanderten Brauerei-Buchhalters aus dem fränkischen Hof das Land mit eiserner Faust. Fragt man unabhängige Beobachter über den General, immerhin Jahrgang 1912, so kriegt man über ihn höchst unterschiedliche Einschätzungen zu hören.

Für die einen ist er ein

Weiterlesen

Als Gerhard Schröder noch nicht Kanzler war

Bonn, den 29. November 1978; Photo by Franz-Josef Simons

Bonn, den 29. November 1978; Photo by Franz-Josef Simons

Die in quadrigen Dunkeltönen gehaltene SPD-Parteizentrale in Bonn strahlte den Charme einer, naja, sagen wir mal, einer AOK-Bezirksniederlassung aus. Außen wie innen. Deshalb wurde das Gebäude von den Rheinländern auch Baracke genannt.

Nun ja, auf architektonische Finessen legte man in der biederen Bonner Republik keinen gesteigerten Wert. Man zählte das Jahr 1978, die Architektur kam grau und hausbacken daher, die Zeiten waren allerdings ziemlich wild.

Als junger Journalist in Bonn ergab sich das Vergnügen, einen aufstrebenden sozialdemokratischen Politiker namens Gerhard Schröder zu interviewen. Das halbstündige Gespräch fand just in der Baracke statt und man konnte schon damals ahnen, hier sitzt ein Mann mit Zukunft. Am Wochenende habe ich die Unterredung mit dem ehemaligen Bundeskanzler zum Nachlesen noch einmal hervor gekramt.

Gerhard Schröder ist ein sympathischer Mann mit dem man gerne mal ein Bier trinkt. Ein guter Kanzler war er obendrein. In den Geschichtsbüchern wird er sicherlich einen ansprechenden Rang einnehmen. Denn er hat das überlastete Sozialsystem reformiert und Deutschland aus dem sinnlosen Irak-Krieg herausgehalten.

In meinem Interview war er noch ganz der junge Wilde und schlug kräftig auf den Putz. Ausbildungsmisere und Jugendarbeitslosigkeit? Die Ursachen dieser Probleme – meinte Schröder damals – führen wir auf eine kapitalistisch verfasste Wirtschaftsordnung zurück, die wir von Grund auf in eine demokratisch-sozialistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung verändern wollen.

Huch, mit solchen Sprüchen haben wir vor 30 Jahren die Omas ganz schon verschrecken können. Und das ganze Establishment gleich dazu. Wir sind die SPD der 80er Jahre hieß es damals bei den Jusos, man müsse die alte Garde eigentlich nur aussitzen. So kam es denn auch. 20 Jahre später war Gerhard Schröder deutscher Bundeskanzler.

Und so wie der Bundeskanzler Schröder von den Linken und den Jungen aus seiner Partei geärgert wurde, so hat er in seiner wilden Zeit selber die eine oder andere Breitseite gegen den damaligen Kanzler Helmut Schmidt, seinen Parteifreund, losgelassen.

Ich fragte den späteren Bundeskanzler spitz: Herr Schröder, spielt die SPD heute in der Bundesrepublik nicht den Arzt am kapitalistischen Krankenbett? Aber ein Gerhard Schröder tappt in keine Fallen. Die Feststellung, dass die SPD heute den berühmten Arzt am Krankenbett des Kapitalismus spielt, würde ich – was die Regierungspolitik angeht – jedenfalls teilen. (…) Durch die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen, durch die Verschärfung der Klassenauseinandersetzungen in der Bundesrepublik und durch die vermehrte Kampfbereitschaft der Gewerkschaften und auch der Studenten steigen die Chancen die SPD in Richtung sozialistische Partei wieder zu entwickeln.

Heute liest man solches mit entrücktem Amüsement. Die SPD in Richtung einer sozialistischen Partei zu entwickeln. Die Geschichte nahm dann doch einen anderen Lauf. Raus aus den Jeans, rein in den Brioni.

Die stürmischen Jahre sind endgültig vorbei. Tempi passati. Im Laufe der Zeit sind wir vernünftiger geworden, die allermeisten von uns jedenfalls. Auch jene in der SPD. Und die wilden Jusos von damals schauen verdutzt auf den Brief der BfA mit ihrem Rentenbescheid.

Die mexikanische Krankheit

Dies ist ein Auszug aus dem Buch von Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Wie viele seiner Landsleute hat der US-amerikanische Regisseur John Huston Mexiko zu seinem Altersruhesitz erwählt. Der gute alte Gringo John ist kein Hollywood-Mann, sondern eher ein europäisch infizierter Intellektueller, der ein paar der besten Filme aller Zeiten gedreht hat. Seit er als junger Kerl für kurze Zeit bei der mexikanischen Kavallerie war, liebt er dieses Land wahrscheinlich mehr als sein eigenes.

Vom mexikanischen Fernsehen wird John unter der Sonne Puerto Vallartas in diesem Jahr 1982 dann zu allerlei Sachverhalten befragt: Wie er den neugewählten Staatspräsidenten einschätze, was von der Handelsunion zu halten sei und ob der mexikanische Film, dessen Komödien eines Cantinflas oder die Melodramen einer María Félix einst die Kinosäle füllten, sich wieder aufrappele? Und der hagere, bärtige alte Mann antwortet dann in höflichem Spanisch und mit seiner tiefen gutturalen Stimme, ja, den neuen Präsidenten halte er für einen Ehrenmann, und Mexiko werde durch die Handelsunion einen Vorteil wahrnehmen und, flunkert er, die neuen Filme in Mexiko seien doch im Grunde ganz annehmbar.

John fühlt sich wohl in diesem Land. Die Gastfreundschaft der Mexikaner sucht ihresgleichen. Der mysteriöse B. Traven, Anna Seghers, Jacobo Arbenz und Egonek fanden in dem Land Zuflucht. Die Liste der Schriftsteller und Künstler, die in Mexiko Unterschlupf fanden, ließe sich seitenlang fortsetzen. Die schöne italienische Avantgarde-Fotografin Tina Modotti und der deutsche Autor Gustav Regler. Der spanische Filmregisseur Luis Buñuel, der in seiner neuen Heimat Mexiko düstere Filme wie Los Olvidados drehte, die mit einem bis dahin auf Leinwand  nicht gesehenem sozialen Elend erschreckten.

Der deutsch-französische Schriftsteller Max Aub kam 1942 nach Mexiko, direkt aus dem berüchtigten französischen Arbeitslager Le Vernet d’Ariège y Djelfa im Norden der algerischen Sahara. Der Dichterkönig Pablo Neruda aus Chile fand Exil in Mexiko. Der Meister aller Klassen, Gabriel García Márquez, hat in Coyoacán sein Haus, weil er sich lange Jahre nicht nach Kolumbien traute. Der Autor Malcolm Lowry, der in Cuernavaca sein wildes Trinkerepos Unter dem Vulkan schrieb. Oder der US-Amerikaner Jack Kerouac, die Ikone der Beatnik-Generation. Er rotze in Mexiko seine besten Geschichten über das Leben und die Liebe auf Papier. Wenn man sich die Biografien von Verfolgten und Vertriebenen anschaut, die Chance, dass als Fluchtpunkt das Land Mexiko auftaucht, ist so unwahrscheinlich nicht.

Seit der unabhängigen und patriotischen Politik des Präsidenten Lázaro Cárdenas in den 30er Jahren stellen die mexikanischen Visa-Ämter weniger strenge Fragen als die Einwanderungsbehörden anderer Nationen. Mexiko ist ein zugeneigtes Land für Intellektuelle. Als in Spanien die republikanische Armeen den blutrünstigen Franquisten unterlagen, da hat Mexiko nach 1939 Hunderte von Schriftstellern und Philosophen, Pädagogen und Malern, Musikern und Architekten, Wissenschaftlern und Filmemachern aufgenommen. Der Dichter Luis Cernuda oder der Philosoph José Gaos brachten moderne Ideen nach Mexiko, die das Land gerne annahm. Aber da war mehr. Der Großmut der Mexikaner saß tief; als einziges Land Lateinamerikas hat es nie die Diktatur des tumben Francisco Franco anerkannt.

Mit einem kräftigen abrazo, einer herzlichen Umarmung, hat man sie empfangen, die Menschen, die gerade einen Bürgerkrieg, ihr Hab und Gut und auch ihr Vaterland verloren hatten. Selbst wer nur sein nacktes Leben retten konnte und ohne Papiere ankam, der brauchte nur zwei mexikanische Bürgen beizubringen – und schon durfte er da bleiben. Die Intellektuellen wurden integriert und machten ihren Weg, an den Hochschulen, in der Kunst und der Wirtschaft.

Mexiko ist in dieser Hinsicht ein freundliches Land für Geist und Hirn. Das Land nimmt Verfolgte und Flüchtlinge – die Bekannten und Berühmten, aber auch Tausende Namenlose – mit breiten, offenen Armen auf. Diese von Kopf und Herz bestimmte Einwanderungspolitik und die allgegenwärtige Gastfreundschaft der Menschen lassen dem Land in den Augen der Verfolgten paradiesische Züge angedeihen. Leute, die in Mexiko waren, schrieb Sergej Eisenstein, haben die mexikanische Krankheit. Mit Hartnäckigkeit verfolgt einen der Gedanken, dass Eden durchaus nicht irgendwo zwischen Euphrat und Tigris gelegen hat, sondern irgendwo hier zwischen dem Golf von Mexiko und Tehuantepec.

Edmund Stoiber, der Architekt des modernen Bayern

Photo by W. Stock

Gut gelaunt, braungebrannt und mit sich selbst im Reinen kommt Edmund Stoiber aus der VIP-Lounge des FC Bayern München. Gerade haben seine Kicker, er ist Vorsitzender des Verwaltungsbeirates im Verein, in einem spannenden Match gewonnen. Mit viel Schwein und Schweini wurde Werder Bremen mit 2 zu 1 aus dem Pokal geworfen. Und Bastian Schweinsteiger aus Kolbermoor hat beide Tore geschossen.

Schade, dass Sie nicht mehr Ministerpräsident sind, sage ich zu ihm. Da sagen Sie was, antwortet er, das ist wirklich schade. Und Edmund Stoiber schaut mich offen und entspannt an. 14 Jahre war Stoiber Ministerpräsident in Bayern. Sie waren der erfolgreichste Ministerpräsident damals, werfe ich ein. Ja, Danke, sagt er. Wer will da widersprechen.

Denn in der Tat ist dieser Doktor Edmund Stoiber der Architekt des modernen Bayern. Eine Modernität , die auch für ihn gilt. Er verfügt über eine informative Homepage.

Sicher, unter Franz Josef Strauß wurden die Grundsteine für den Aufstieg Bayerns gelegt, doch Stoiber war derjenige, der die Bayern AG als Vorstandsvorsitzende in eine hoch prosperierende Phase geführt hat.

Dabei hat Stoiber den Freistaat geführt nach den Regeln des modernen Management: eine hartnäckige Ansiedlungspolitik, kluge Infrastrukturprojekte, eine innovative Clusterpolitik, beharrliche Mittelstandsförderung, Investitionen in Bildung. Edmund Stoiber und sein vorzügliches Team waren der Wirtschaft nahe und haben den Wohlstand gefördert. Während andere Bundesländer sich im Dialog und in der Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Politik arg schwer tun.

Der erzwungene Rücktritt, Stichwort Gabriele Pauli, war schillernd und unwürdig für einen Mann seines Kalibers und seiner Verdienste. Er hatte den Rückhalt verloren, auch und gerade bei den eigenen Leuten. Doch einen solchen Mann abdanken zu lassen, erwies sich als schwerer Fehler.

Die Ernte der Stoiber’schen Politik ist heute in Bayern zu bestaunen: ein hoher Lebensstandard, niedrige Schulden, ein fast ausgeglichener Haushalt und mehr oder weniger Vollbeschäftigung. Das ist sein Verdienst, was immer an Häme von Gegnern und auch von so genannten Parteifreunden gestreut wird. Die Partei, die das schöne Bayern erfand, lästern seine medialen Widersacher über die CSU, aber wie immer am Humor, es ist was Wahres dran.

Ihr Nachfolger ist schwach, sage ich an diesem Dienstagabend zu Edmund Stoiber. Jetzt wird seine heitere Miene ein wenig ernst. Es ist ein Schande, was da passiert. Eine Schande. Und Edmund Stoiber kommt gut in Fahrt. Die Leute wollen klare Kante, entweder dies oder das. Aber nicht dieses Hin- und Her-Gespringe. Ein klares Profil sei gefragt.

Ich nicke und er macht den Eindruck, dass er leidet, an der Orientierungslosigkeit und an dem windschnittigen Populismus der heutigen Politikergeneration. Was soll so aus Bayern werden? Das scheint als Frage im Raum zu stehen.

Zweimal tätschelt er meinen linken Arm und geht zur Rolltreppe. Als ein Mann, der weiß, was er geleistet hat und der als Architekt wohl ein wenig in Sorge scheint um sein Werk.

Heiner Geißler: Der schlaue Schlichter

Düsseldorf, am 23. Mai 1991; Photo by Hasso von Bülow

Wenn in Deutschland die Umwandlung eines Sackbahnhofes in einen Durchgangsbahnhof zur nationalen Fragen hochgekitzelt wird, dann bedarf es eines Schlauen, um die Gemüter zu beruhigen. Und, mit Heiner Geißler hat man den wohl Schlauesten für eine solch heikle Mission gefunden.

Geißler, 1930 in Oberndorf am Neckar geboren, ist einerseits Politiker durch und durch. Ein political animal, wie die Amerikaner eine solche Person bezeichnen. Mit allen Wassern gewaschen, wie man hierzulande so schön sagt, er kennt politische Ranküne, parlamentarische Finten und rhetorische Volten zu genüge.

Aber anderseits ist dieser Heiner Geißler auch ein Mann des Geistes und Denkens. Ein studierter und überzeugter Philosoph, den es in die Politik verschlagen hat. Und er ist Jurist, Richter obendrein, all das kann in diesem Fall nicht schaden.

Zudem pflegt Geißler einen deutlichem Hang zur Ironie, man möge alles nicht zu bierernst nehmen, und auch der Humor kommt bei ihm nicht zu kurz.

Es wird sich also kein besserer finden lassen, um diese merkwürdigen Wogen um Stuttgart 21 zu glätten. In der Stadt Hölderlins und Hegels wird Geißler seinen Kant auspacken. Es gäbe nicht die Wahrheit an sich, wohl eher nur die Wahrheit für sich, hier sei nun Respekt und Dialog vonnöten. Der Schalgabtausch solle offen, fair und dialektisch stattfinden. Und prompt haben sich die TV-Sender zur Direktübertragung angesagt. Das ist neu für diese Demokratie und man mag sich Schlimmeres vorstellen können.

Mit klarem Verstand und deutlicher Aussprache hat der CDU-Mann Geißler schon zehn Jahre als Sozialminister in Rheinland-Pfalz und später als Generalsekretär der Partei agiert. Später hat er sich dann mit seinem Weggefährten Helmut Kohl überworfen, hat sich operativ etwas zurück gezogen und ist dabei Stück für Stück nach links gerückt.

Ich habe Heiner Geißler im Mai 1991 kennengelernt, als ich den ECON Zukunftstag in Düsseldorf organisierte. Er trat dort als Abschlussredner am späten Nachmittag auf. Politik in der Krise hieß sein Thema, moderiert von Johannes Gross. Und Geißler lief zur Hochform auf. inhaltlich pointiert, klares Deutsch, punktgenaue Gedanken. Es ist stets Vergnügen, Geißler zu lauschen.

Menschlich zeigt sich Heiner Geißler höchst angenehm und unkompliziert. Über das Vortragsthema wird nicht lange verhandelt, über Honorar ebenfalls nicht, und ob ein Mercedes oder ein BMW den Referenten vom Flughafen abholt, das ist für ihn kein Thema. Heiner Geißler stellt die Inhalte, die Botschaft, die Vision in den Vordergrund.

Und so wird es wohl auch bei Stuttgart 21 sein. Es wird sich noch als listiger Schachzug des Ministerpräsidenten Mappus erweisen, den allseits respektierten Heiner Geißler zum Schlichter berufen zu haben. Ganz gleich, welches Ergebnis dann am Ende der Schlichtung stehen mag, Geißlers Mediation wird gehörig Dampf aus dem Stuttgarter Kessel lassen.

Henry Kissinger am Büdchen

gefunden in Mexico City 1988

Henry Kissinger verehre ich als elder statesman. Als jemand, der sich Verdienste erworben hat, als jemand, auf den man hört und dem man gerne zuhört. Im Düsseldorfer Industrie-Club haben wir einmal kurz geredet, ein hochintelligenter Mensch.

Wir wissen, Henry Kissinger war ein großartiger Außenminister der USA. Der beste im 20. Jahrhundert. Ein Stratege, wie ihn die amerikanische Außenpolitik nur selten kannte. Den Friedensnobelpreis bekam er, weil er die Friedensverhandlungen mit Vietnam zum Erfolg führte.

Überdies ist der in Fürth geborene Henry Kissinger ein sympathischer und vor allem seriöser Zeitgenosse. Deshalb fuhr mir der Schreck in die Glieder, als ich an einem Kiosk in der mexikanischen Hauptstadt, in der Schmuddelecke, ein Heftchen entdeckte.

Si la cama hablara…Wenn das Bett sprechen könnte, so der verheißungsvolle Titel. Und der Autor: Henry Kissinger. Auf dem Umschlag des Büchleins räkelt sich in voller Schönheit eine nackte Frau auf einer Matratze. Verkauf einzig nur an Erwachsene.

Coleccion Couple – so ist auf der Rückseite des Taschenbuches zu lesen. Die Buchreihe für das moderne Eheleben, möchte man sagen. Und ein schönes rotes Herz lacht uns an. Erotische Romane von Spitzenautoren des Genres, steht da weiter geschrieben. Ich kaufe Kissingers Büchlein für ein paar Pesos. Und fange an zu lesen…

Das junge Ehepaar, frisch verliebt, betritt ein Möbelgeschäft mit der Absicht, Möbel zu kaufen, um sich sein zukünftiges Heim einzurichten…beginnt der Roman etwas sperrig, um dann aber doch schnell zur Sache zu kommen, in puncto körperliche Ertüchtigung. Auf 96 Seiten Erotisches, allerdings der eher einfach gestrickten Art.

Ein solch schmieriges Machwerk soll aus der Feder von Henry Kissinger stammen? Dem konservativen Doktor Kissinger aus New York? Hier am Büdchen in Mexiko-Stadt? Wir staunen und blättern weiter. Schnell naht die Aufklärung. Auf Seite 3 wird noch einmal Titel und Autor aufgeführt. Si la cama hablara, noch immer will das Bett sprechen.

Nun aber heißt der Autor nicht wie auf dem Cover zugkräftig Henry Kissinger, sondern Henry Singer. Da hat man auf dem Umschlag ein KIS zu viel gedruckt. Also, Henry Singer und nicht Henry Kis-singer ist der Autor. Oh, das war sicherlich eine Unachtsamkeit des Verlages, eine harmlose Silbe mehr als Präfix, vielleicht hat der Lektor für ein paar Sekunden geschlafen. Honi soit qui mal y pense. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Berlin, die welke Rose

Photo by W. Stock

Die Grundmelodie Berlins klingt tonal nach moll. Traurig und grau. Die Stadt kommt einem immer etwas dunkler vor als andere Großstädte. Irgendwie erscheint diese Stadt gris, vernebelt, so ohne Wärme, selbst wenn die Sonne scheint.

Wenn München einen Schuß Italien besitzt, Hamburg Skandinavien und Köln etwas savoir vivre, so hat Berlin allenfalls etwas von der tristen Melancholie osteuropäischer Metropolen.

Stets schwankt mein Eindruck von Berlin. Wohlfeile Neubauten, eine spürbar wachsende Weltläufigkeit, adrette Restaurants, besonders in Berlin-Mitte, dem ehemaligen Ost-Berlin. Im alten Westteil der Stadt hingegen sehen die Fassaden piefig, triste und verschlampert aus.

Wenn ich in Berlin weile, fällt mir auf, dass die Zahl der Bettler wächst. Bettler finden sich auch in München. Aber in Berlin sind es andere Bettler. In München kommen die Bettler von außen, aus Rumänien beispielsweise, und ihre Bettelei wird organisiert wie im Konzern. In Berlin jedoch kommen die Bettler von innen, es sind Berliner, ihre Arbeit wirkt nicht organisiert, sondern verzweifelt.

Schnell steht man in Berlin auch im Tabakqualm. In New York sieht man auf den Strassen mittlerweile fast gar keine Paffer mehr. Und die Berliner mit ihren Glimmstängel scheinen oft keine Genussraucher, sondern Unterschichtsraucher.

Deutlich merkt man der Stadt noch immer die dreifache Hypothek an. Den DDR-Kommunismus, die BRD-Subventionsmentalität und das Rot-Rote des Stadtchefs Klaus Wowereit. Man kann ziemlich erbärmliche Ecken in Berlin finden und eine erschreckende materielle Kargheit beobachten in dieser Stadt. Annahme von Sozialscheinen lese ich in riesigen Lettern an der Fassade eines Haushaltswarengeschäftes in der Beusselstrasse.

Nun könnte man Berlin als seltsames Biotop aus Politik am Tropf, Multikulti-Romantik und vier Jahrzehnte kommunistische Diktatur abtun. Doch seit mehr als 20 Jahren ist dies unsere Hauptstadt, eigentlich müsste die Stadt erblühen wie eine Frühlingsrose nach einem strengen Winter.

Doch hier zeigt sich auch, wo rot regiert, da zieht über kurz oder lang eine schleichende Armut in die Strassen und eine verschämte Not auf die Plätze. Und wo tiefrot regiert, da geht es für viele rasch abwärts mit materiellem Wohlstand und auch mit bürgerlicher Gediegenheit.

Das ist Berlin: Ein Drittel Bürokraten, ein Drittel Rentner, ein Drittel Hartz IV-Empfänger. Traurig genug, dass Deutschlands größte Stadt keinen einzigen Konzern von Weltrang, kein DAX-Unternehmen und keine bedeutende internationale Firma vorzuweisen hat. Traurig, aber irgendwie bezeichnend!

Arm aber sexy umschreibt der Regierende Bürgermeister seine Stadt, und der Slogan impliziert eine nonchalante Rotzigkeit des mit seiner Politik Gescheiterten. Arm ist unsexy möchte man rufen, aber ein Sozialscheine-Verwalter wird dies nicht kapieren.

Der seltsame Jürgen W.

Düsseldorf, im Mai 1992; Photo by Hasso von Bülow

Ein merkwürdiger Mensch, dachte ich, als ich Jürgen Wilhelm Möllemann näher kennen lernte. Auf der Mattscheibe erschien er oft wie ein Dampfplauderer, doch wenn man mit ihm persönlich – auch über Wirtschaft – sprach, so zeigte er sich überaus kenntnisreich.

Nicht erst als Möllemann im Januar 1991 im Kabinett Helmut Kohl zum Wirtschaftsminister ernannt wurde, prasselte viel Spott und Häme auf das Haupt des Freidemokraten. Dünnbrettbohrer, Dilettant, Meister Mümmelmann – dem gelernten Hauptschullehrer wurde einiges an Unflat nachgerufen.

Doch ECON-Verleger Hero Kind und mir gefiel, was Minister Möllemann in den ersten Wochen ordnungspolitisch und an neuen Ideen von sich gab. Deshalb bemühten wir uns, ihn als Buchautor für den Verlag zu gewinnen.

Möllemann hatte den Ruf eines politischen Hallodris, der breiten Öffentlichkeit galt er als Hans Dampf in allen Gassen. Als wir jedoch in der Umgebung des neuen Bundesministers nachfragten, da hörten wir nur Lob. Der neue Minister sei fleißig, er lese Akten, arbeite sich in die Materie ein, er könne zuhören, er sei sachkundig und wirtschaftspolitisch klar im Denken.

In jenen Jahren traf ich Möllemann zwei, dreimal, meist in seinem Bonner Ministerium. Auf mich wirkte er stets sympathisch, offen, engagiert, voller Humor und Selbstironie. Im Mai 1992 kam er zum ECON Zukunftstag auf die Düsseldorfer Messe und hielt vor 500 Managern eine bemerkenswert gute Rede. Anschließend beantwortete er die Fragen des Publikums charmant und gekonnt.

Unser gemeinsames Buchprojekt machte gute Fortschritte. Das Konzept stand, alle Verträge unter Dach und Fach, ein erstklassiger Ghostwriter gefunden, und am Manuskript wurde schon fleißig gearbeitet. Auf allen Seiten waren schon Stunden und Tage in das Buch investiert worden.

Es kam dann, wie so häufig bei Möllemann, eine Affäre in die Quere. Anfang 1993, beim sogenannten Briefbogen-Skandal oder auch Chip-Affäre hatte der Minister auf offiziellem Ministeriums-Papier Empfehlungen für die Einkaufswagen-Chips der Firma seines Vetters getätigt. Das Ganze war mehr eine Eselei denn ein Skandal.

Doch Möllemann gab in den Medien und der Öffentlichkeit natürlich ein gutes Opfer ab. Der Wirtschaftsminister, zu dieser Zeit auch Vizekanzler, trat schließlich zurück. Unser Buchprojekt war gestorben.

Am 5. Juni 2003 ist Möllemann bei Marl-Loemühle in den Tod gesprungen. Während eines Fallschirmsprungs klinkte sich der Hauptschirm aus und Möllemann öffnete den Notschirm nicht. Er prallte ungebremst zu Boden. Rumms. Aus. Ende. Eine andere Affäre. Jürgen W. Möllemann hätte sie auch aussitzen können. Ein merkwürdiger Kerl.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén