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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Kategorie: Peru Seite 2 von 4

Goldrausch in Madre de Dios

Schneefall in den TropenAuszug aus Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Mit jedem Tag werden es mehr Männer, die von Hoffnung und Verzweiflung getrieben, sich in die Täler und Flussläufe von Madre de Dios aufmachen. Madre de Dios heißt ins Deutsche übersetzt Muttergottes, was für einen Landstrich voller Gold in der Erde eigentlich kein schlechter Name ist.

Und so hegen hier viele den Glauben, in den unwegsamen Goldfeldern ihrem geschundenen Leben eine Wende zum guten geben zu können. Dreißigtausend, vielleicht auch vierzigtausend Goldwäscher durchkämmen die steinigen Flussläufe dieser Einöde zwischen Peru und Brasilien.

Laberinto, ein verregnetes Fleckchen am Flussufer des Rio Inambari, sieht aus wie die baufällige Kulissenstadt eines drittklassigen Western, die man vor vielen Jahren vergessen hat, abzubauen. Das Dorf, 60 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Puerto Maldonado, ist der letzte Außenposten der Zivilisation, bevor es zu den Goldfeldern geht. Ab Laberinto gilt das Gesetz des Goldes

Nicht mehr als zweihundert Bewohner zählt Laberinto. Goldwäscher, Schmuggler, Händler, Prostituierte, ein paar zwielichtige Bankiers, die alle auf den Hauptgewinn in dieser Lotterie der Natur

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Vom Leben und Sterben einer Stadt und eines Flusses

Iquitos 1987, Photo by N. Böer

An einem Flecken wie diesem hätte man wohl einen klitzekleinen Zipfel des Paradieses abgreifen können. Solch ein Gedanke jedenfalls kam mir in den Sinn, als mich der Zufall, möglicherweise aber auch das Schicksal, zum ersten Mal nach Iquitos verschlug, mitten in das Herz Amazoniens.

Und immer wenn ich diese von der Außenwelt abgeschnittene Stadt besuchte, überfiel mich dort sogleich diese Urgewalt der Natur. Hier wirkt das Menschlein so klein, so schutzlos, so unwichtig, hier spürt es andererseits jedoch auch, was Leben und Lebenslust denn so heißen kann.

Es mag vielleicht diese Mischung aus Demut und Faszination sein, was diese Stadt im Urwald uns beibringen will. Ein Blick aus dem Hotel Maynas, in dem ich meist unterkam, öffnet den Blick auf die flache Stadt und den breiten Amazonas.

Denn Iquitos lässt sich nicht ohne

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Joaquin García Sánchez, mein Lieblings-Pastor

Iquitos, im Dezember 1985; Photo by Norbert Böer

Um meinen Lieblings-Pfarrer zu treffen, muss man verdammt weit reisen. Seine Kirchengemeinde liegt etwas abseits der Metropolen, ehrlich gesagt, sie liegt am Arsch der Welt. Aber, das sei auch gesagt, an einem ziemlich hübschen. In Iquitos, mitten im grünen Amazonas-Dschungel.

Mit Pastoren einen normalen Umgang zu pflegen, gestaltet sich mitunter zäh. Oft erscheinen sie einfach dieser Welt zuweit entrückt und, kein Vorwurf, zu nahe an Gott.

Der Kirchenherr von Iquitos, Pater Joaquin García Sánchez, hingegen ist ein Mann, der mit beiden Beinen und vor allem mit ganzem Herzen im Diesseits lebt. In dieser gewaltigen Urnatur mitten im peruanischen Dschungel braucht es auch keinen Priester, der von Paradies oder Hölle schwadroniert, wo doch das Paradies draußen vor der Tür zu finden ist, und die Hölle nur zwei Straßenecken weiter.

Kein Zweifel, Joaquin García, dieser Hirte im testamentarischen Sinn des Wortes, passt zu dieser Stadt. Zu dieser Stadt fernab des oberflächlichen Rummels und des großkotzigen Konsums. Zu diesem entlegenen Flecken im Urwald, den man nur mit dem Flugzeug oder über den Amazonasfluss erreichen kann.

Jetzt darf man sich diesen Mann nicht als

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Werner Herzog bittet um Ruhe im Regenwald

Werner Herzog am ersten Drehtag in Iquitos; Photo: René Pinedo/Collection W. Stock

Der deutsche Regisseur brüllt seinen Satz hinein in die drückende Hitze Amazoniens. Fitzcarraldo, Werner Herzog Filmproduktion, 1a, die erste, Klappe!

Der Tag bleibt in meinem Gedächtnis, ich bin der einzige europäische Journalist vor Ort, warum auch immer. Der Kalender zeigt den 4. Januar 1981. Es ist Sonntag.

Kurz vor Mittag steht die Sonne hoch, bei der Massenszene am Malecón von Iquitos. Hier, mitten im Dschungel Perus, klebt die Hitze am Körper als sei man in einer asiatischen Waschküche. Heute kommen 1.500 Statisten zum Einsatz.

Verlegen, fast schüchtern leitet Werner Herzog die Dreharbeiten. Der Film handelt vom Irrsinn. Fitzcarraldo, ein Cauchero, will große Oper in ein Amazonaskaff bringen. Eine ziemlich durchgeknallte Idee im Urwald, dem Wahn und der Tollheit nahe. Und irgendwie ist

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Der Todeskampf der Gockel

Photo by Norbert Böer

Lima/Peru, im Dezember 1985

Pelea de Gallos. Der Kampf der Gockel. Dieser Hahnenkampf ist ein volkstümliches Spektakel in Peru.

Einen ganzen Abend beobachten Hunderte von Zuschauern wie sich mit scharfen Klingen präparierte Federviecher gegenseitig die Hälse abhacken. Auf den Sieger werden Wetten geschlossen, Bierflaschen geleert und gegrölt, so laut es heisere Kehlen eben hergeben.

Der siegreiche Gockel wird in Lima verehrt wie hierzulande ein Torknipser. Für den Erfolg beim Hahnenkampf sind neben der Rasse auch das Training, Glück und vor allem die Präparation der Klinge ausschlaggebend.

Der Sporn des linken Fußes, das natürliche Verteidigungsinstrument der Tiere, wird abgeschnitten, weil beim Kampf die Klinge an dessen Stelle tritt und wie eine Verlängerung der Hinterkralle wirkt. Die aus Spezialstahl in Handarbeit gefertigte acht Zentimeter lange, leicht mondförmig gekrümmte Klinge wird

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Mein Südamerika

Dies ist ein Auszug aus dem Buch von Wolfgang Stock Schneefall in den Tropen:

Wer sich in den weichen Knäuel frisch gepflückter Baumwolle wälzt, wer die fröhliche Unbekümmertheit der Menschen erlebt und wer das ultramarinblaue Wasser des Pazifiks vor Augen sieht – der kommt so schnell nicht mehr los von diesem Kontinent. Wenn man mit dem Flugzeug das ach so polierte Europa hinter sich lässt, so taucht man urplötzlich ein in eine merkwürdige Welt: in eine ansteckende Ausgelassenheit des Daseins ebenso wie auch in ein durch den Überlebenskampf gezeichnetes nacktes Elend.

Der Reisende erlebt einen Kosmos von beeindruckender Schönheit und beispielloser Bedürftigkeit zugleich. Die Wirklichkeit Lateinamerikas stellt sich ihm so facettenreich dar wie seine Landschaftszonen: das kalte, karge Hochgebirge, die berauschende Schwüle im Regenwald, das erdrückende Gedröhn in den Großstädten oder der laszive Charme pittoresker Fischerdörfer.

Und auch die volkswirtschaftlichen Entwicklungsstufen erlebt dieser Halbkontinent nicht schlüssig und in historischer Abfolge, sondern zeitgleich als eine Art chaotischer Mischzustand. Verarmte Kleinbauern, feiste Industriebarone und entrückte Internet-Yuppies laufen da nebeneinander her wie drei ungleiche Rivalen, die nichts von einander wissen möchten und sich eigentlich auch nichts zu sagen haben.

Darüber hinaus lassen sich

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Meine Fotos im Museum

Akademie der Künste, Berlin; Photo by C. Stock

Berlin, den 19. Februar 2012

Akademie der Künste, Pariser Platz, Berlin, direkt neben dem Hotel Adlon. Hier läuft seit kurzem für zwei Monate bis 15. April die Ausstellung über den Schauspieler Mario Adorf …böse kann ich auch.

Zahlreiche Fotos, Manuskripte, Notizzettel und Dokumente, die sich im Laufe von Adorfs reicher Karriere angesammelt haben, werden dem Publikum zugänglich gemacht. Mario Adorf hat diesen Nachlass der Berliner Akademie vermacht. Da der Schauspieler ja glücklicherweise noch lebt, sehen wir hier also seinen Vorlass. Kurator Torsten Musial hat eine spannende Ausstellung zusammengetragen.

Neben all den Erinnerungsstücken von Adorf sind da auch zwei Fotos, die nicht aus dem Fundus des 81-jährigen Schaupielers stammen. Ein Foto, das ihn bei den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo zusammen mit Mick Jagger zeigt. Auf dem anderen sieht man den Regisseur Werner Herzog bei den Dreharbeiten im Urwald. Beide Fotos aufgenommen 1981 im peruanischen Amazonasdschungel. Meine Fotos. Ich war dabei. Ich habe damals

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Alfonso Barrantes verschenkt ein Glas Milch

Lima, im Januar 1986; Photo by Norbert Böer

Im Rathaus zu Lima empfängt uns, Anfang Januar 1986, der Bürgermeister der peruanischen Metropole. Doch der barocke, angestaubte Pomp des Rathauses, durch das noch ein Hauch spanischer Großmannssucht weht, mag zu diesem Oberbürgermeister irgendwie nicht so recht passen.

Obwohl er der marxistischen Linkspartei angehört, ist Alfonso Barrantes ein Pragmatiker, dem die kruden Ideen und das üblichen Revoluzzer-Pathos so ganz abgehen. Im Gegenteil, sein Name ist verbunden mit einem menschenfreundlichen Lebenswerk: Er war und ist der Vater des Vaso de leche.

Alfonso Barrantes hat dafür gesorgt, dass jedes

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gefährliche Kurven

Grafik by Fernando Tejeda

Da stehe ich mit meinem silbernen Rimowa-Koffer inmitten der Passagierschlange aus wohl 15 Personen, die alle am Faucett-Schalter für die Abendmaschine nach Lima einzuchecken gedenken. Und dann kommt plötzlich diese strahlende Schönheit in die Flughafenlobby stolziert, eine blutjunge Frau mit weichen Gesichtszügen, eine zierliche Venus im enganliegenden Kleid, das die wohlgeformten Rundungen noch betont.

Einen vielleicht zweijährigen Jungen trägt sie etwas bemüht auf dem linken Arm. Noch bevor ich mir die Frage beantworten kann, was denn ein solch bezauberndes Geschöpf in einem solch gottverlassenen Andenkaff wohl zu suchen hat, steuert sie schnurstracks auf eine Person aus der langen Warteschlange zu. Diese Person bin ich.

Mit strahlenden Augen und einem betörenden Lächeln, das ich seit Monaten nicht gesehen habe, fragt sie, ob ich ihr beim Einchecken helfen könne. Und das sind dann die Momente, wo beim Manne die Beine und das bisschen Hirnmasse weich werden. Selbstverständlich, antworte ich fast mechanisch, es sei mir ein Vergnügen.

Sie gesellt sich mir zu, stellt sich neben mich, erzählt, dass sie nach Lima zu ihrem Bruder fliege. Und langsam rücken wir, wie ein Ehepaar, das sich nicht erst 20 Sekunden, sondern 20 Jahre zu kennen scheint, in der Schlange nach vorne. Das Kind sei der Sohn ihres Bruders, sie selbst sei ledig, und sie freue sich, mich getroffen zu haben, meint sie mit einem zarten Augenaufschlag, während das Kind recht dösig dreinschaut.

Kurz bevor wir an der Reihe sind und noch ehe die Faucett-Angestellte in ihrem adretten roten Kleid mein Flugticket verlangt, fragt die rasante Schönheit

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Iquitos und Ich

Iquitos 1987; Photo by N. Böer

Oft war ich schon in diesem verlassenen Nest im peruanischen Amazonasdschungel, sechs, sieben Mal vielleicht. Und immer, wenn ich in Südamerika weile, dann zieht es mich hierhin, wie zu einem Magneten, schwer erklärlich, es ist halt so.

Doch versuchen wir es: Die Stadt ist einzigartig. Keine Straße führt zu ihr hin, und keine aus ihr heraus. Man muss, will man es einigermaßen bequem angehen, schon mit dem Flugzeug einfliegen. Und trotzdem wohnen über 450.000 Menschen in Iquitos. Die größte Stadt der Welt, die ganz von den Segnungen der Neuzeit abgeschnitten ist.

Beim ersten Besuch kam ich mir klein und verlassen vor. Iquitos schüchtert zunächst ein. Alles drängt und drückt. Links, der dichte Urwald, und rechts, der wuchtige Amazonas. Dazu die Allgewalt der Tropen, wo eine Zecke stärker sein kann als der Mensch, von oben drückt die Schwüle, von innen die Hitze. Wenn man dann das zweite Mal kommt, kennt man all dies. Und wenn man länger bleibt, weiß man mit dieser Stadt umzugehen.

Anfangs bin ich noch unsicher

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