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Notizen und Anmerkungen von unterwegs

Kategorie: Peru Seite 3 von 4

Wie ich einmal mit Fitzcarraldos Kapitän aneinander gerasselt bin

Fitzcarraldo Paul Hittscher

Fitzcarraldo – ein Filmepos, das Geschichte schrieb

Seit jeher besitze ich eine fragwürdige Angewohnheit, von der manch einer jedoch auch sagen könnte, sie sei durchaus sympathisch. Ich bin nämlich gewohnt, mit wenig Bargeld durch den Tag zu ziehen.

Hier kommt die Nonchalance des beachcomber zum Zuge, denn mit leeren Taschen läuft es sich leichter durch die Strassen. Für ärgste Fälle steckt eine Kreditkarte im Jackett. Mein leeres Portemonnaie ist mir einige Male zum Verhängnis geworden, einmal gar in den tiefen Tropen des Amazonas.

Es muss wohl Ende der 70er Jahre gewesen sein, ich bin, wie so oft, im peruanischen Amazonasdschungel, und dort in der Großstadt Iquitos. Es ist ein Sonntag, das Bargeld alle, die Banken sind geschlossen, aber zum Glück gibt es da ja noch die kleine grüne Kreditkarte von American Express.

An einer Ausfallstrasse der Stadt, in Richtung Flughafen, entdecke ich ein kleines, feines Restaurant. Hübsche Veranda mit kleinen Esstischen, gegen die grelle Sonne überdacht, das blaue American Express-Schildchen klebt an der Eingangstür.

Da ich Kohldampf schiebe, lasse ich ordentlich was auftischen. Ein üppiges Fleischgericht, Kartoffeln, Gemüse, Getränke, Nachtisch. Eine einheimische Frau bedient mich zuvorkommend. Den Abend über bleibe ich der einzige Gast.

Als die Rechnung kommt, reiche ich der Bedienung meine grüne Kreditkarte. Sie schaut mich mit großen Augen an. Wir nehmen keine Kreditkarte, sagt sie. Ich deute auf das American Express-Schild, auf dem groß steht We accept American Express Cards.

Nein, sagt sie, keine Kreditkarten. Doch, sage ich, und zeige nochmals auf das Schild.

Sie holt den Besitzer, von dem ich annehme, dass er ihr Ehemann ist. Ein großer korpulenter, europäisch aussehender Mann kommt heraus und auch er sagt, wir nehmen keine Kreditkarte. Ich erwidere auf Spanisch, genau das aber steht an der Restauranttüre. Ist abgelaufen, sagt der Hüne, ein Mann von vielleicht Mitte 50. Ich bestehe auf Kreditkarte, sage ich, ich habe kein Bargeld, anders kann ich nicht zahlen.

Nun gibt ein Wort, das andere. Der Disput, alles in gepflegtem Spanisch, wird lauter und lauter. Es fehlt nicht viel, und die Fäuste wären geflogen. Bis der Besitzer dann schließlich doch entnervt die Kreditkarte nimmt und sie widerwillig durch das Abrechnungsgerät der Kartenfirma zieht.

Einige Jahre später sehe ich dann meinen rabiaten Wirt wieder, diesmal auf der Leinwand, 1982 in dem Film Fitzcarraldo von Regisseur Werner Herzog. In Fitzcarraldo spielt der Gastwirt die Rolle des Orinoco Paul, des Kapitäns des Amazonasdampfers Molly Aida, einen Part, der ursprünglich mit Mario Adorf besetzt war. Nun erfahre ich, mein Restaurantbesitzer ist ein Seemann aus Hamburg, mit Namen Paul Hittscher. Paul hat über 20 Jahre alle Meere durchpflügt und sich Mitte der 70er Jahren als Gastronom in Iquitos niedergelassen und hat dort eine Einheimische geheiratet.

Mit einem ollen norddeutschen Seebär bin ich aneinander geraten, mitten im Urwald Perus! Wir hätten uns also auch auf Deutsch streiten können. Übrigens, der Betrag meines Essens bei Paul Hittscher ist von American Express nie bei mir abgebucht worden.

siehe auch: Mario Adorf, der unvollendete Amazonas-Kapitän

Bleicher Kinski in alter Post

(c) Werner Herzog Film

Eine Szene wie aus einem alten Gemälde, ein wenig Spätromantik und ein bißchen Biedermeier. Farbenfroh, mit Liebe zum Detail, vielleicht etwas kitschig, aber irgendwie auch mythisch.

Ein Notar sitzt vor dem Schreibtisch, davor eine Frau mit breitem Hut und ein Mann mit gebleichtem Wuschelhaar. Links huscht ein Bürobote durchs Bild. In der Ecke steht eine riesige peruanische Flagge.

Der Blick des Mannes, den Kopf auf seine linke Hand gelehnt, wie auch der Blick des Bildbetrachters wandern hinaus durch die beiden hohen Wandtüren über die Balustrade auf den breiten Fluss. Der Amazonas wirkt als perspektivisches Zentrum des Bildes, er ist die Verlängerung, die Schöpfung, das Göttliche. Die kraftvolle Natur steht in einem romantischen Sinne im Mittelpunkt der Szene. Der Mensch wirkt klein, adornisch, fast wie zerbrechliche Püppchen oder kleine Zinnfiguren.

Doch dies ist kein Werk der spätromantischen Malerei, sondern eine Filmszene aus Fitzcarraldo. Klaus Kinski und Claudia Cardinale beim Notar Bill Rose. Die Handlung spielt in der Amazonasmetropole Iquitos kurz nach der Jahrhundertwende, so um 1910. Kautschukboom in Südamerika.

Gedreht wurde diese Szene, wenn ich mich recht erinnere, in der alten Post von Iquitos. Den Raum erkenne ich wieder, denn ich bin Ende der 70er Jahre, wenn ich in Iquitos weilte, oft in das Postamt gegangen, um postlagernde Briefe abzuholen oder Grüsse in die Heimat zu schicken.

Das alte drei- oder viergeschossige Postamt befand sich direkt an der Uferstrasse, dem Malecón, neben dem ehemaligen Hotel Nacional, wo damals Militär untergebracht war. Ein fin-de-siècle-Haus, wie viele in Iquitos, was an die Cauchero-Zeit erinnert. Pompöser, neureicher Jugendstil unter sengender Tropensonne.

In der alten oficina de correos musste man in das erste Stockwerk hoch, über eine alte wuchtige Treppe, antikes Gemäuer, Tropenhölzer, altes Mobiliar. In den 80er Jahren ist das Postamt dann in ein modernes Gebäude in die Avenida Arica, zwei Strassenblocks vom Amazonas entfernt gezogen.

Der Star bei den Dreharbeiten zu Fitzcarraldo in Iquitos hieß nicht Kinski, sondern Claudia Cardinale. Die damals 42-jährige gibt sich als eine unprätentiöse, kollegiale Schauspielerin. Sie braucht keine Sonderbehandlung, macht kein großes Aufhebens um sich und ihren Ruhm. Ein Typ zum Pferdestehlen, würden die Jungs von nebenan sagen.

Wenn sie abends beim Italiener Don Giovanni, dem Stammlokal der Filmleute in der Calle Putumayo, ihre Pasta bestellt, und da in Jeans und T-Shirt sitzt, schlank, mit den leuchtenden schwarzen Haaren, so ganz ohne Allüren, dann ist sie die Claudia aus Rom. An der Seite stets ihr 24-jähriger Sohn Patrick, der seine Mama um fast zwei Köpfe überragt.

Das alte Postgebäude in Iquitos. Ein wunderschönes Gemälde, das in Wirklich eine Filmszene darstellt. An solch eingefrorenen Bildern mag man erahnen, welch ein Meisterwerk dem Regisseur Werner Herzog 1982 da mit Fitzcarraldo gelungen ist.

Normalerweise steht hier kein werblicher Hinweis. Aber bei einem solch betörenden Werk machen wir die Ausnahme. Den Movie Stills gibt es im Kunsthaus Lumas als Fotografieabzug, nummeriert und signiert. Zu einem, wie ich meine, unexotischen Preis.

Ein Schwede besucht Mario Vargas Llosa

Photos by Norbert Böer

Anfang der 80er Jahre besuchte ich Mario Vargas Llosa in seinem Haus in Lima. Na ja, Haus scheint leicht untertrieben, denn der Schriftsteller wohnt in einer riesigen weißen Villa, die nur durch die Autostrasse vom Meereskliff getrennt wird. Hier am Malecón im feinen Stadtteil Barranco erhält man einen atemberaubenden Blick auf den Pazifik, der in Lima wüster auftritt als sonst wo.

Als ich an dem großen hellbraunen Tor die Klingel betätige, kommen von der Strasse her zwei Kinder angelaufen, die dort spielten. Der Junge vielleicht vierzehn, fünfzehn, das Mädchen wesentlich jünger, so knapp zehn. Sie mustern mich kritisch von oben bis unten. Insbesondere unten, ganz unten.

Dem Jungen fällt mein Schuhwerk auf. Wie so oft in Südamerika trage ich Clogs, offene Halbschuhe, die einerseits bequem und andererseits schön luftig sind. Clogs, die in diesen Breiten Zuecos heißen, was umgangssprachlich auch mit Suecos assoziiert wird, also Schwedenschuhe. Und Schuhe aus Skandinavien, allein dies ist ja schon ziemlich dubios.

Denn Schweden besaßen in jenen Jahren ein ganz bestimmtes Image im erzkatholischen Südamerika. So wie wenn ein Deutscher den Begriff Ibiza hört, auch dieser ein klares Bild vor Augen bekommt. Und auch in Deutschland sagt man ja ab und an alter Schwede, was allerdings nur in gewissen Kreisen als Kompliment gemeint ist. In Schweden, so die Fama rund um den Äquator, seien die Sitten zwischen Männlein und Weiblein arg locker, in Schweden heiraten Frauen andere Frauen und in die Seen springt man aus Prinzip nur nackend. Wie auch immer, alles merkwürdig bis suspekt.

Und Schwedenschuhe? Jedenfalls waren Zuecos in Südamerika damals mehr oder weniger unbekannt, zumindest als Männerschuh. Denn kein richtiger Macho würde so etwas anziehen, Unisex ist sicherlich kein modischer Renner in Lateinamerika.

Der Junge, der meine Zuecos sieht, fängt an zu Kichern und raunt seiner Schwester zu: Schau mal, der Mann trägt Schuhe von einem Mädchen. Das ist doch…. Das Mädchen schaut den Bruder missbilligend an. Sei still, sagt sie, das ist doch der Besuch für Papa.

Die beiden sympathisch vorwitzigen Kinder auf der Strasse waren Gonzalo, der Sohn von Mario Vargas Llosa und die Tochter des Schriftstellers, Morgana.

Das war vor fast dreißig Jahren. Morgana Vargas Llosa ist heute eine bekannte Fotografin in Madrid und Gonzalo Vargas Llosa arbeitet bei der UNHCR, der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen in Genf. Der erstgeborene Sohn Alvaro Vargas Llosa lebt in den USA und ist einer der liberalen Denker hinter dem amerikanischen Think Tank The Independent Institute in Washington, D.C. und ein wortstarker Kolumnist für verschiedene amerikanische Zeitungen.

Und der Schwede, der ja eigentlich ein Deutscher ist, und der noch nie in seinem Leben in Schweden gewesen war, der trägt auch heute noch manchmal Zuecos, seine Schwedenschuhe. Und, als ironische Fussnote der Zeitläufte: Im Jahr 2010 erhält dieser Mario Vargas Llosa aus Barranco, Lima, den Nobelpreis für Literatur – von, ja doch, von der Schwedischen Akademie.

In der Leprakolonie

Photo by Norbert Böer

San Pablo/Peru, im Dezember 1985

Für einen solchen Trip würden wir keinen verlässlichen Schiffsführer finden, meint der Bootsverleiher zu uns, dahin würde uns keiner fahren. Wir sollen uns diese Schnapsidee schleunigst aus dem Kopf schlagen, wir seien ja nicht ganz dicht. Tagelang laufen wir von einem Schiffsverleih zum anderen auf der Suche nach einem Boot. Am dritten Tag schließlich finden wir einen Eigner, der uns sein Boot überlassen würde, claro, bei dem Ziel allerdings doppelter Preis – und nur, wenn der Schiffsführer mitspiele. Der junge Asunción, ein 18-jähriger Indio mit stoischen Gesicht, hört sich unser Vorhaben an und er nickt nur kurz als er das Wort Lepra hört.

Kurz vor 6 Uhr, mit dem ersten Licht des Morgens, legen wir ab. Das kleine Motorboot ist vollgestopft mit Proviant und im Heck mit zwei wuchtigen Benzinfässern mit dem Reservesprit. In Asunción haben wir einen Glücksgriff getan, der junge Amazonas-Indio kennt sich in der Region und auf dem Fluss aus wie kein zweiter. Er wird uns zur Kolonie bringen.

Am späten Nachmittag legt unser kleines Schiff in der unberührten Bucht unterhalb der Leprakolonie San Pablo an. Im Nu umringt uns ein Dutzend lärmender Kinder, ein älterer Mann kommt den Abhang herunter und heißt uns Willkommen. Der Empfang in der Leprakolonie ist herzlich. Wir, die Journalisten aus Alemania, werden bestaunt wie Außerirdische. Nun, meint der Franziskanermönch, der die Kolonie leitet und uns am Boot abholt, man freue sich über jeden Besuch, aber offen gesagt, man sei nicht auf ihn eingestellt. In der Kolonie sei schon seit Monaten niemand mehr vorbei gekommen. Und er reicht mir seine Hand zum Gruß.

Eine Leprakolonie hat natürlich kein Hotel und so bietet man uns ein Zimmer im kargen Hospital an. Eigentlich sind das bessere Holzverschläge, ebenso wie die Toilette. Die Nacht in der Leprakolonie endet abrupt. Punkt 5 Uhr 30 tönt eine sonore männliche Stimme aus den zahlreichen Lautsprechern, die, auf langen Holzstangen befestigt, über die ganze Kolonie verteilt sind: “Guten Morgen, hier spricht Manuel Rodriguez. Ich wünsche allen Bewohnern von San Pablo einen wunderschönen Tag. Und jetzt alle raus aus den Betten, Ihr Faulpelze!“

Don Manuel ist der Entertainer der Lepragemeinde. Zuerst dankt er Gott, anschließend verkündet er die Lokalnachrichten, die Preise für Fisch und Obst, die Todesfälle. Die Radiostimme des Lepradorfes gehört einem geachteten Mann, und Manuel Rodriguez ist nicht nur wegen seiner launigen Moderationen respektiert. Denn im Hauptberuf verwaltet der 50-jährige das Geld der Leprakranken. Die Krankheitsbilanz des Bankdirektors: ein Bein weg, der andere Fuß, die Finger. Aber an der Schreibmaschine sei er flink wie ein junger Hüpfer, doch leider, den Banküberfall damals, den habe er nicht verhindern können.

Seit 5 Jahren sind die Doctora Carmen Orts und ihre Kollegin Pilar Bandrés in San Pablo. Ihr Missionsorden hat die beiden Spanierinnen in den tiefen Urwald geschickt. „Vor uns war lange Zeit kein Arzt hier“, klagt die 32-jährige Carmen, „kein peruanischer Arzt will den Job übernehmen.“ Wegen der miserablen Bezahlung. Und früher, da hätten die Ärzte ihre Patienten nicht einmal anzupacken gewagt. Vielen Leprakranken werden Hände oder Füße amputiert, um den Vormarsch des Leprabazillus zu stoppen. Denn der Erreger dringt durch die Haut in die Nervenenden ein und tötet sie ab. Von Füßen und Händen aus wandert er hinauf zu Kopf und Gehirnnerven. Im Gesicht bilden sich im Endstadium poröse Hautknoten, die Haare fallen aus, ganze Körperpartien verfaulen.

Und auch jeden Abend ertönt aus den Lautsprechern eine romantische Melodie und danach die vertraute Stimme des Bankdirektors. Don Manuel dankt Gott für den herrlichen Tag und fängt an, die Abendnachrichten zu verlesen. Der Licht-Generator hat für heute seine Schuldigkeit getan, das monotone Surren der Maschine geht über in die friedvolle Stille der Natur.

Es wird dunkel und aus dem Dschungelgestrüpp ertönt das Quaken der Frösche und das Zirpen der Zikaden. Eine neue Nacht legt sich bedächtig über das kleine Lepradorf.

Mario Vargas Llosa: Ein ziemlich verspäteter Nobelpreis

Mario Vargas Llosa

Mario Vargas Llosa, Lima/Peru, im Januar 1986 Photo by Norbert Böer

Eine großartige Nachricht kam da heute Mittag aus Stockholm. Den diesjährigen Nobelpreis für Literatur erhält der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Er musste lange genug warten.

Mario Vargas Llosa traf ich das erste Mal Anfang der 80er Jahre in Lima. Kurz zuvor waren acht Journalisten in dem Andennest Uchuraccay von Indios zu Tode gesteinigt worden. Es waren jene Tage, in denen man sich auf der Strasse zum ersten Mal den Namen Sendero Luminoso zuraunte, und der blutige Terror dieser maoistischen Guerrilla sollte in den nächsten zehn Jahren den Alltag der Peruaner aus den Fugen bringen.

Der integere, aber schon etwas senile Präsident Fernando Belaúnde Terry muss eine aufgewühlte Öffentlichkeit beruhigen und beruft eine Kommission, die den Unmut im Ausland und in einheimischen Intellektuellenkreisen dämpfen soll. Wer nun könnte als Vorsitzenden dieser Kommission glaubhaft sein? Belaúndes Wahl fällt auf einen Schriftsteller, der sich schon damals weit über die Grenzen seiner Heimat Respekt und Renommee erworben hat. Und so wird der damals Mittvierziger Mario Vargas Llosa Vorsitzender der dreiköpfigen Untersuchungskommission, die den düsteren Fall aufhellen soll.

Bei der Schaffung der Welt, so erklärt Mario Vargas Llosa später im Gespräch, habe sich Gott einen üblen Scherz erlaubt: Auf wenig mehr als eine Million Quadratkilometer habe er drei völlig verschiedene Erdzonen – die Sahara, Tibet und den Kongo – gepresst. Die 24 Millionen Peruaner, verstreut auf drei Landschaftszonen, getrennt durch drei Sprachen und erschüttert durch tiefgehende rassische und soziale Konflikte, durchlebten exemplarisch alle Übel eines unterentwickelten Landes.

Ob man da von einer ‚Peruanität‘, von einer nationalen Identität aller Peruaner, reden könne, bei einer verschiedenartigen Völkergemeinschaft aus Indios, Chinesen, Schwarzen und Weißen? Peru ist in Wirklichkeit ein Konglomerat von Ländern. Es gibt eine Vielzahl von Kulturen in einer Gesellschaft, die leider keinen Zusammenhalt besitzt. Wenn man von der Küste in die Hochebene reist, so wechselt man nicht nur die Klimazone, sondern auch die Sprache und, so will es scheinen, gar das Jahrhundert. Diese Mannigfaltigkeit stellt Perus großes Problem dar, aber andererseits glaube ich auch, dass es der große Reichtum unseres Landes ist. Wir sind Erben verschiedener reicher Kulturen.

Aber wie sollen diese doch so unterschiedlichen Kulturen in Harmonie mit einander leben? Wo doch alleine drei Sprachen, die Indiosprachen Ketchua und Aymará sowie das Spanische, die Menschen trennen. Von der sozialen Benachteiligung gar nicht zu reden. Eine Harmonie erscheint mir im Augenblick schwer möglich, weil hinter den kulturellen Unterschieden teilweise tiefe wirtschaftliche Disparitäten stehen. Die Welt der Bauern, der Ketchua und Aymará ist eine durch das hispanisierte Peru ausgebeutete Welt. Auf der anderen Seite existieren Kulturen, wie die der Chinesen und der Schwarzen, die stärker in das peruanische Gemeinwesen integriert sind. Der afrikanische Einfluss auf unsere Musik der Küstenregion etwa, aber auch auf die Literatur ist sichtlich ausgeprägt.

Eine Person wie Mario Vargas Llosa würden die Franzosen als einen homme d’esprit bezeichnen. Dieser Mann von Geist hat zwei, drei außergewöhnliche Romane veröffentlicht, dieser Mensch kann jede Woche einen meist fabelhaften Essay zu Papier bringen und sprachlich brillant und druckreif aus dem Stehgreif eine Rede halten. Vargas Llosa ist ein virtuoser Sprachtechniker, wie sich nur wenige in der modernen Weltliteratur finden lassen, er ist ein opulenter Imaginist – und ein sympathischer Bursche obendrein. Er gilt als scharfsinniger und wortgewaltiger Beobachter seiner Heimat und des Kontinents, als jemand, dessen Rat man sucht und auf dessen Rat man hört.

Geboren wird Vargas Llosa 1936 in Arequipa, dem bedeutenden Zentrum im Süden Perus. Arequipa hinterlässt beim Besucher den Eindruck einer hübschen Stadt, deren 800.000 Einwohner von einer phantastischen Berglandschaft umgeben sind. Perus weiße Stadt wird Arequipa genannt, weil viele ihrer Strassen und Wege mit weißem Vulkanstein gepflastert sind. Der schneebedeckte Gipfel des Vulkans El Misti überstrahlt die Stadt, die weitgehend ihre pittoreske koloniale Architektur erhalten konnte. Dennoch waltet über diesem Idyll die Allmacht der Natur in ihrer heimtückischen Gefährdung durch Vulkanausbruch oder Erdbeben. Von Lava verbrannt oder von einem Erdbeben verschluckt zu werden, als sei dies die dunkle Heimsuchung, die über dieser faszinierenden Stadt und möglicherweise gleich über dem ganzen Land liegt.

Kann ein guter Schriftsteller da ob der grausamen Wirklichkeit seines Landes neutral bleiben, darf er lediglich beschreiben oder muss er vielmehr nicht all diese Zerrissenheit auch einem Werturteil unterziehen? Natürlich legt eine aufrichtige und authentische Literatur nicht nur Zeugnis ab, sondern bezieht zugleich auch Standpunkt. Sie zeigt eine wie auch immer geartete Perspektive auf, und dies schließt schon eine Art Werturteil ein. Jede wahrhafte Literatur besitzt letztlich – so glaube ich – eine kritische Funktion. Sie legt ein Problem offen, beschreibt eine Unzufriedenheit, eine Leere oder eine Unzulänglichkeit der Wirklichkeit.

Anfang der 70er Jahre, als der Boom der lateinamerikanischen Literatur einem ersten Höhepunkt zusteuerte, hatten wir junge Lateinamerika-Verrückte sechs Namen auf unseren Hitlisten ganz oben stehen: den Kolumbianer Gabriel García Márquez, die Mexikaner Juan Rulfo und Carlos Fuentes, den Kubaner José Lezama Lima, den Argentinier Julio Cortázar und den Peruaner Mario Vargas Llosa. Von diesen großen Sechs blieben heute, würde man die Liste erneut aufstellen, wohl nur noch zwei Namen übrig. Drei trinken ihre Daiquirís beim großen Autoren-Manitu über den Wolken, ein anderer charmiert ziellos als Plauderfritze durch die Feuilletons dieser Welt. Nur noch Gabo García Márquez und Mario Vargas Llosa dribbeln in jener Champions League der Literatur, in der einst auch Gustave Flaubert oder Franz Kafka spielten.

Am Malecón Paul Harris wohnt Vargas Llosa in einer gigantischen weißen Villa mit Blick auf den Pazifik. Dort auf der Anhöhe über der Brandung des Meeres in Limas Stadtteil Barranco sind Mario Vargas Llosa und seine liebenswürdige Frau Patricia allerdings nur noch selten anzutreffen. Er, der treffsichere Chronist Perus, pendelt heute zwischen London und Madrid hin und her, anstatt in den Cafés von Miraflores oder an den brütenden Gestaden des Amazonas der Geschichte seiner Heimat nachzujagen. Die Opposition zu dem Regime des autokratischen Präsidenten Alberto Fujimori und Todesdrohungen der Terroristen des Sendero Luminoso haben ihn und seine Familie Anfang der 90er Jahre nach Europa getrieben. 1993 hat der Schriftsteller zusätzlich die spanische Staatsbürgerschaft angenommen.

Wie viele Autoren denn in einem Land wie Peru vom Schreiben leben könnten, will ich wissen. Nun, kaum einer, antwortet Mario Vargas Llosa. Die meisten, wie Julio Ramón Ribeyro, der im diplomatischen Dienst tätig war, üben andere Berufe aus, sind Journalisten oder Lehrer. Doch selbst ein Lehrer oder Arzt fristet mit einem Monatslohn von gerade einmal zwei- oder dreihundert Dollar ein kümmerliches Dasein. Das Land hat nie großen Wert auf eine vernünftige Ausbildung seiner Bürger gelegt, Perus Schulen und Universitäten leiden an schlechter Ausstattung und besitzen einen schlechten Ruf. Wer die Mittel besitzt, schickt seine Kinder auf Privatschulen oder zum Studium nach Stanford oder an die Sorbonne.

Trotz aller Preise und Auszeichnungen liegt auf dem schriftstellerischen Glanz von MVLL, wie er in Peru abgekürzt genannt wird, ein zarter Schatten. Denn bereits mit 30 Lenzen – der Kalender zeigt das Jahr 1966 – hat der Peruaner sein Opus magnum veröffentlicht. Das grüne Haus ist ein virtuos verschachtelter Roman in Zeit und Raum und gehört wohl zu den 20 sprachstärksten Werken des 20. Jahrhunderts. Das grüne Haus – allerlei Geschichten um ein Bordell in der Wüstenstadt Piura im Norden Perus – versteht sich als metaphorische Annäherung an das ganze Land. Es stellt die laszive Lebensfreude seiner Bewohner dar, aber auch die urwüchsige Gewalt des Alltags und beschreibt so als Mikrokosmos die explosiven Vielfalt der peruanischen Völkergemeinschaft.

Alles was nach dem grünen Haus kam, war – kein Zweifel – nett bis obernett. Aber weder die Tante Julia noch Lob der Stiefmutter oder sein letztes Werk Das böse Mädchen aus dem Jahr 2006 konnten sich der sprachliche Genialität des grünen Hauses nähern. Einzig Gespräch in der Kathedrale und sein spätes Kunstwerk Das Fest des Ziegenbocks vermögen dem Meisterstück La casa verde in Ansätzen das Wasser reichen. Womöglich mag sich Mario Vargas Llosa wie ein unermüdlicher 100-Meter-Läufer fühlen, der am blühenden Anfang seiner Karriere die 9,7 Sekunden lief, während der Zeitmesser später nur mehr bei 10,4 oder 10,6 Sekunden stehen blieb. Was ja auch noch beachtlich scheint, zumal dieses Schicksal der Jugendkreativität nicht nur bei Don Mario, sondern des öfteren in den bildenden Künsten zu beobachten ist. Hat nicht auch der Beatle Paul McCartney bereits mit 21 Jahren seinen Jahrhundertsong Yesterday komponiert und war er nicht noch deutlich unter 30 als er sein letztes Meisterwerk Let it be herausbrachte?

Tollkühn hat sich Mario Vargas Llosa im Jahre 1990 in ein Abenteuer gestürzt, das so bunt und wild war, als sei es einem seiner Romane entsprungen. Allseits respektiert und als haushoher Favorit gestartet, bewarb er sich in jenem Jahr um das Präsidentenamt seines vom sozialistischen Populisten Alan García gründlich ins Elend herunter gewirtschafteten Landes. Vargas Llosa verlor sensationell und er verlor sensationell hoch gegen einen Señor-San, gegen einen Nobody, gegen einen bis dahin gänzlich unbekannten peruanischen Agraringenieur japanischer Abstammung.

Dieser vom Volke eher liebevoll denn despektierlich der Chinese genannte Dozent mit Namen Alberto Fujimori schaffte es in seiner elfjährigen Amtszeit zwar, das Land makroökonomisch zu stabilisieren und auch den Anführer der Sendero Luminoso-Terroristen, den irren Philosophie-Professor Abimael Gúzman, hinter Schloss und Gitter zu bringen. Gleichzeitig überzog Fujimori die Andenrepublik in der dämonischen Gestalt des faktischen Geheimdienstchefs Vladimiro Montesinos mit einem feinen Netz von Korruption und Selbstherrlichkeit. Und als die Knoten dieses Spinnennetzes im November 2000 rissen, da schickte el Chino, der sich auf einer Auslandsreise in Asien befand, aus Tokio seinem Land Peru ein mageres Fax: Er trete als Präsident zurück.

Es hat Vargas Llosa damals hart getroffen, dass nicht er, der brillanteste Sohn der Nation, diese Wahl gewonnen hat. Doch die Indios und Besitzlosen, die Mehrheit der Wähler also, haben ihn einer knappen und harschen Beurteilung unterzogen: zu weiß, zu reich, zu europäisch. Der Japaner Fujimori mit seinem kauzigen Auftreten und dem schlechten Spanisch schien da eher einer der ihren. Für die Intellektuellenwelt freilich bleibt es ein Segen, dass Vargas Llosa die Präsidentenwahl 1990 mit Pauken und Trompeten verloren hat. Sonst hätten die Peruaner einen vorzüglichen Schriftsteller weniger und einen lausigen Präsidenten mehr gehabt.

Vargas Llosa gilt als ein literarischer Tausendsassa. Er schreibt eine wöchentliche Kolumne für die Sonntagsausgabe der spanischen Zeitung El País, er verfasst Romane, bringt Erotika zu Papier, bei der selbst Playboy-Leser ein wenig erröten, er schreibt Theaterstücke, zieht durch Talkshows und dreht – wenn es denn gar nicht anders geht – sogar Kinofilme.

Als Mario Vargas Llosa 1967 den angesehenen Rómulo Gallegos-Literaturpreis entgegennahm, da haben viele seine damalige Dankesrede als flammende Lobrede auf Fidel Castros kubanischen Umsturz und sonstige Revolutionäre auf dem Halbkontinent verstanden. Ob er im Laufe der Jahre seine Ansichten geändert habe? Sehe er die Welt heute in einem anderen Licht? Sicher, ich habe einige Ansichten korrigiert. Aber mehr auf politischem Gebiet. Meine Ansicht über Literatur und literarisches Arbeiten haben sich nicht grundlegend geändert. Politisch gab es eine Zeit, wo ich der marxistischen Analyse sehr nahe stand. Ich glaubte damals an eine Revolution, an eine gewaltsame Änderung der Strukturen in den unterentwickelten Ländern, um unsere Probleme zu lösen. Nach und nach reifte jedoch die Einsicht von der Ungerechtigkeit des Marxismus.

Worin diese Ungerechtigkeit des Marxismus bestehe, möchte ich von dem Schriftsteller wissen. Denn die Abschaffung der Ungerechtigkeit habe er sich ja gerade auf die Fahnen geschrieben. Durch die Einschränkung der politischen, persönlichen und auch künstlerischen Freiheiten schafft man Gesellschaften, die dem Individuum keine Luft mehr zum Atmen lassen. Ich bin Reformer und gegen jede Form der Diktatur. Unser Ziel sollte ein demokratisches Gemeinwesen sein, das nicht nur in einem formalen Sinn funktioniert, sondern dem Volk auch materiell etwas bieten kann. Jahrhunderte lang haben unsere Länder unter diktatorischen Obrigkeiten gelitten, unter korrupten Regierungen und ineffizienten Verwaltungen. Ich bin gegen Heilslehren von links wie rechts. Ich glaube nicht an die absolute Lösung, sondern nur an relative.

Nach Herz und Habitus gilt Mario Vargas Llosa als Vertreter eines aufgeklärten, liberalen Bürgertums in Südamerika. Seit er von 1977 bis 1980 Präsident der internationalen Autorenvereinigung PEN gewesen war, verbindet ihn eine herzliche Abneigung gegen den Deutschen Günter Grass und den Kolumbianer Gabriel García Márquez. Grass messe mit zweierlei Maß, beklagt Vargas Llosa. In Lateinamerika verteidige er Dinge, in Kuba beispielsweise die Einschränkung der Pressefreiheit und der bürgerlichen Rechte, die er sich zu Hause in Deutschland niemals gefallen lassen würde. Gerade die Deutschen sollten sich vor falschem Romantizismus hüten. Fidel Castro sei kein Robin Hood.

Für García Márquez empfinde er aufrichtige Wertschätzung, und den Nobelpreis habe er vollauf verdient. Auch wenn er persönlich einen anderen Südamerikaner – nämlich den Argentinier Jorge Luis Borges – vorgezogen hätte. Und wenn Mario Vargas Llosa den Begriff Literatur-Nobelpreis ausspricht, über solche Schriftsteller räsoniert, die ihn bereits erhalten haben und solche, die ihn eigentlich verdient hätten, dann hatte seine Stimme so etwas schwingendes, etwas ungeduldiges. Er hätte ihn gerne, das wäre sein großer Wunsch, man merkt es ihm an. Doch die Schwedische Akademie der Schönen Künste lässt ihn zappeln. Bis 2010.

Nun hat er ihn bekommen. Zu spät, möchte man klagen, leider viel zu spät. Zwischenzeitlich hat der magische Realismus des lateinamerikanischen Romans viel an Glanz verloren. Der artifizielle Stil eines Vargas Llosa brummelt bei seinen letzten Erzählungen zwar brav, aber doch ziemlich altväterlich vor sich hin. Der Wechsel der verschiedenen Erzählebenen, die Technik der inneren Monologe, das Verschachteln der Handlungsstränge – das sind Erzähltechniken, die anno 1975 elektrisierten. Heute, eine halbe Ewigkeit später, ist all das nicht mehr bahnbrechend und richtungsweisend. Auch junge Wilde kommen in die Jahre. Deshalb mag man das Gefühl nicht ablegen, dieser Nobelpreis komme verspätet, in einem betrüblichen Sinne doch sehr hinausgezögert. Aber verdient, so möchte man schnell hinzufügen, verdient ist er allemal.

siehe auch: Ein Schwede besucht Mario Vargas Llosa

Mario Adorf, der unvollendete Amazonas-Kapitän

Mario Adorf mit Mick Jagger; Photo by René Pinedo/Collection W. Stock

Iquitos, im Januar 1981

Zu unserem Lieblingsrestaurant in Iquitos wird die Casa Cohen am Jirón Próspero. Das ist ein einfaches, aber hübsches Ecklokal im Zentrum, das nach zwei Seiten zur Strasse offen ist. Die Fassade wurde mit glanzvollen blauen Reliefkacheln geschmückt, die sich hier, im peruanischen Amazonasdschungel, ein wenig surreal ausnehmen.

Als wir in dieser Nachmittagsstunde die Casa Cohen betreten, sitzt nur ein stattlicher Herr mittleren Alters mit Dreitagebart vor seinem kühlen Bier. Irgendwie kommt uns der Mann bekannt vor. Ein deutscher Schauspieler?

Sind Sie nicht Mario Adorf, fragen wir ihn auf Deutsch. Ja, lautet freundlich die Antwort, er drehe hier den Film Fitzcarraldo von Regisseur Werner Herzog. Wir setzen uns an seinen Tisch und Adorf plaudert voller Begeisterung über das Filmprojekt. Ein Film mit Mick Jagger, großartig, da freue er sich drauf wie ein Schulbub, meint der Wahl-Römer.

Am nächsten Tag beobachten wir Mario Adorf am Set. Er spielt den Kapitän der Molly Aida, eines Amazonas-Dampfers, mit dem Fitzcarraldo aufbrechen wird zu den Kautschukfelder im Norden. Adorf steht auf der Reling, neben ihm mit blankem Oberkörper und Strohhut Mick Jagger, der den Wilbur spielt. Fotograf René Pinedo schießt einige Fotos. Sie werden Seltenheitswert erlangen, weil der Film, die erste Fitzcarraldo-Fassung, nicht fertig gedreht werden sollte.

Adorf gibt – in blauen Hosenträgern – einen wunderbar brummeligen Amazonas-Kapitän ab. Die Truppe bricht auf, den breiten Amazonas hinab zu fahren. Kapitän Mario Adorf läutet die Schiffsglocke zur Abfährt. Und im Übermut läutet er die Glocke nochmals. Lauter und lauter. Adorf hat sichtlich Spass an seiner Rolle. Schließlich legt das Schiff unter dem musikalischen Getöse einer kreolischen Musikkapelle ab.

Als wir Mario Adorf das nächste Mal treffen, hat sich seine Begeisterung gelegt. Vielleicht hat er unterschätzt, dass Herzog kein Studio-Regisseur ist, sondern jemand, der seinen Filmen, seinen Schauspielern und sich selber einiges abverlangt. Jemand, der bis an die Grenze geht. In Fitzcarraldo fließt nicht nur Schweiß, sondern auch Blut. Es ereignen sich Unfälle, man zählt Verletzte und Verwundete.

Fitzcarraldo, in diesem Film wird ein Schiff über einen Berg gezogen, kann auch als Hymne an die Willenskraft gesehen werden. Der Film wirkt auf melancholische Art kraftstrotzend und körperlich. Mario Adorf und Werner Herzog funken nicht auf gleicher Wellenlänge. Adorf nennt Herzogs Umgang mit seinen Schauspielern respektlos und Herzogs cineastische Waghalsigkeit bezeichnet er als Menschenschinderei.

Und der ganze Film steht unter keinem guten Stern. Die erste Fassung bleibt, weil Hauptdarsteller Jason Robards schwer erkrankt und aussteigt, unvollendet. Adorfs Rolle spielt in der zweiten Fassung dann ein anderer. Diesen Part übernimmt dann Paul Hittscher, der deutsche Besitzer eines kleines Restaurants außerhalb der Stadt. Jener Paul Hittscher, mit dem ich einmal kräftig aneinander gerasselt bin. Aber das ist eine andere Geschichte.

siehe auch: Wie ich einmal mit Fitzcarraldos Kapitän aneinander gerasselt bin

Mick Jagger ist Wilbur

Photo by W. Stock

Iquitos/Peru, im Januar 1981

Wenn einer der ganz großen Musiker unserer Tage in die kleine Stadt kommt, dann steht diese kleine Stadt tagelang Kopf. Reporter treten sich auf die Füsse, die Fernsehkameras schnurren und junge Burschen wachen eifersüchtig über ihre Bräute.

Solch einen Rummel kann man doch erwarten. Nicht jedoch hier, im abgelegenen Dschungel Perus, über tausend Kilometer entfernt von der hektischen Metropole Lima und fünfzehn Flugstunden von Europa.

Da kommt der Chef der Rollling Stones in den Urwald – und nur ganz wenige nehmen Notiz davon. Man mag es kaum glauben, aber es ist so geschehen. Bis auf ein paar eurozentrische Eierköpfe weiß hier in den Tropen rund um den Amazonas so gut wie niemand, wer denn dieser junge schlanke Mann mit dem rotblauweiß karierten Hemd und dem schon leicht zerknitterten Gesicht nun genau ist.

Ein Musiker, ein Weltstar, Schauspieler vielleicht, all das wird geraunt. Rolling Stones? Hat man alles schon einmal gehört, aber genaues weiß man nicht.

In Peru Mick is nothing, brummelt er halb belustigt und setzt seinen einfachen Strohhut auf. Mick Jagger genießt es, hier und heute ein Unbekannter zu sein. Bei den Dreharbeiten zu Werner Herzogs Fitzcarraldo dreht sich alles um Claudia Cardinale, die Hauptdarstellerin aus Italien, deren apartes Antlitz man aus den Klatschseiten der Zeitungen kennt. Aber Mick, Mick is nothing in Peru.

In seiner freien Zeit filmt er mit seiner Nikon die Filmarbeiten. Mick Jagger ist für die Rolle des Wilbur besetzt, das ist der etwas durchgedrehte Kumpan von Fitzcarraldo. Und diese ganze Filmerei macht ihm sichtlich Spaß. Wenn Mick in seiner weißen Leinenkleidung neben Jason Robards, der den Fitzcarraldo gibt, agiert, dann merkt man schnell, hier ist jemand mit Elan, mit Leidenschaft und auch mit Talent bei der Sache.

Und Mick Jagger füllt seine Filmrolle in einer sympathisch skurrilen Interpretation wunderbar aus. Der in Ehren ergraute Schauspieler-Kollege Robards, ein großer amerikanischer Theatermann, lobt seinen Kompagnon denn auch in hohen Tönen. Nach einer Dialogszene, die Kameras sind abgeschaltet, klatscht Robards kräftig Beifall in Richtung Jagger, und beide brechen in fröhliches Lachen aus.

Es stehen Dreharbeiten im Urwald an. Regisseur Werner Herzog hat im Wipfel eines riesigen Amazonasbaumes, in fast 30 Metern Höhe, eine Plattform aus Spanplatten bauen lassen. Auf dieser Plattform, die bei Wind hin und her weht, soll gefilmt werden. Dort oben sollen Jason Robards, immerhin ein Mann von knapp 60, und Wilbur ihren Blick über den weiten, üppigen Amazonasteppich streifen lassen. Und zum guten Ende soll in luftiger Höhe auch eine kleine Rauferei zwischen Robards und Jagger stattfinden, wobei der Kopf des einen über die Brüstung mit Blick in die Tiefe gedrückt werden soll.

Burschikos legt Regisseur Werner Herzog seinen Arm um Mick Jaggers Schulter. Morgen früh gehen wir rauf, sagt Herzog zu Jagger. Und Mick schaut nach oben.

siehe auch:  Mick Jagger im Dschungel – und noch einer

Mick Jagger im Dschungel – und noch einer

mit Mick Jagger im Amazonas; Iquitos, im Januar 1981; Foto by René Pinedo/Archive WJS

Er setzt seinen einfachen Strohhut auf, schlendert durch die Menge und durchstreift die schwüle Welt des Amazonas. Er fällt nicht weiter auf, hier in der Amazonasstadt Iquitos. Mit seinem karierten Hemd, der grauen Hose. Eigentlich bewegt er sich wie du und ich. Er ist zu Dreharbeiten hier nach Peru gekommen, zu dem Film Fitzcarraldo, in dem er eine Nebenrolle spielt.

So war es bei Mick Jagger immer, die Musik ist seine grosse Passion, der Film seine kleine. Und Fitzcarraldo im Dschungel, auch das ist so ganz nach seinem Geschmack.

Nun ja, 1981 hat gerade sonnig begonnen, und in diesen Jahren wird noch nicht soviel Aufhebens gemacht um Stars und Superstars wie heutzutage. Keine Leibwächter, keine Absperrung, keine Akkreditierung.

Der Musiker kann sich frei bewegen wie es ihm beliebt, er wird nicht angesprochen, nicht behelligt, keiner geht ihm auf die Nerven. Die Stadt ist eh voll von Filmprominenz.

Mick wohnt im Holiday Inn, dem feinsten Haus am Platze, etwas außerhalb der Stadt. Das Holiday Inn verfügt über einen hübschen Swimmingpool, was bei Temperaturen um die 40 Grad ein Genuß ist. Dort sieht man dann den Boss der besten Band der Welt sich auf der Pool-Liege sonnen, die Freundin Jerry Hall daneben. Und zwischendrin huscht er auf’s Zimmer und werkelt an neuen Songs der neuen Platte. The Rolling Stones Tattoo You soll sie heißen.

Da keiner Mick kennt, kann man auf ihn zugehen, ihn begleiten. Mick Jagger ist hier in den fernen Tropen so ganz anders als auf der Bühne, wo er als Vulkan an Extrovertiertheit auftritt. Hier zeigt er sich von einer ruhigen, unauffälligen Seite, ja, bisweilen mag man ihn schüchtern nennen.

Schön auch, dass ich fast der einzige Journalist vor Ort bin. Da ist nur noch Tomás d’Ornellas von der Tageszeitung Expreso aus Lima. Und auch der Fotograf René Pinedo, der Jahre später unter tragischen Umständen ums Leben kommen sollte, als er auf der Landstrasse von einem LKW erfasst werden sollte und er tagelang im Leichenhaus lag und niemand um seine Identität wusste. Ich bitte René Pinedo, einige Fotos von Mick und mir zu schießen, die ich dann Tage später bei ihm in der Redaktion in Lima abhole.

Mick Jagger im Dschungel und dieser Schreiber auch. Das glaubt zu Hause doch keiner, Seemannsgarn aus dem Urwald, eine nette Flunkerei. Nein, nein, es ist die Wahrheit, nichts als die Wahrheit. Für den jungen Journalisten ist die Begegnung in den Tropen ein Scoop, seine Berichte über Jagger in the Jungle werden in mehr als einem Dutzend Länder veröffentlicht.

Heute ist Sonntag und wir stehen am prächtigen Malecón, der steil abgehenden Uferböschung zum Amazonas, und schauen den Dreharbeiten zu. Mick fotografiert alles mit seiner schwarzen 8mm-Kamera. Und René Pinedo fotografiert Mick und – Mich.

siehe auch: Mick Jagger ist Wilbur

Auf dem Amazonas

Photo by N. Böer

Rio Amazonas, im Dezember 1985

Dies ist heute ein ganz besonderer Tag. Seit Stunden fahren wir auf dem Fluss ohne einer Menschenssele zu begegnen. Auf dem Amazonas, diesem kilometerbreiten und endlos langen Fluss, der aus den Anden bis hin in den Atlantik fließt.

Der Fotograf Norbert Böer, der einheimische Schiffsführer Asunción und ich, wir befinden uns wie verloren mitten in der unendlichen Weite dieses Flusses. Der Strom der Phantasie, wie der Franzose Jules Verne in einem Roman schrieb.

Die nächste Stadt liegt flussaufwärts eine Tagesreise entfernt, flussabwärts braucht man drei Tage. Durch die vielen Seitenarme und Sandbänke droht, besonders in den frühen Abendstunden, die Orientierung verloren zu gehen.

In den Tropen bricht die Abenddämmerung blitzartig herein, so als würde man von jetzt auf gleich einen Lichtschalter umkippen. In der Nacht fallen die Temperaturen auf angenehme 24 Grad. Aber am Tage wird die Hitze unerträglich. Das breite Wasser des Flusses spiegelt die Strahlen, die sich dann mit doppelter Kraft in die Haut bohren.

Auch wenn sich auf diesem Fluss jedes Zeitmaß zu verlieren scheint, zeigt der Kalender den 24. Dezember. Piotr und Joe paddeln wie jeden Tag auf dem langen, breiten Fluss. Genau 7.025 endlose Kilometer. Vom hohen peruanischen Andengletscher über einen riesigen tropischen Urwaldteppich bis hin zur breiten Mündung im brasilianischen Atlantik. Die beiden Männer fordern Gottes grandioses Naturspektakel zum Wettbewerb heraus.

Der Exil-Pole Piotr Chmielinski und der Kalifornier Joe Kane wollen als erste den Amazonas von der Quelle bis zur Mündung bezwingen – im Paddelboot. Langsam nähert sich unser Motorboot den kleinen, wendigen Kanus und ich werfe den beiden aus unserer Kühlbox eine kalte Dose Limonade zu. Beide freuen sich, etwas Erfrischendes zu trinken und sind froh, uns zu sehen. Endlich wieder eine Gelegenheit, sich mit jemandem unterhalten zu können, und nicht nur diese monotonen Selbstgespräche, nach denen man am Ende des Tages am eigenen Verstand zu zweifeln beginnt.

Das Gesicht der beiden ist von der Sonne zerfressen, die oberen Schichten sind bereits geschuppt. Besonders an den Ohren und an der Nase hat die sengende Sonne die Hautschichten abgetragen und blutrote Knäuel hinterlassen. Merry Christmas ruft Piotr dem Fotografen Norbert zu. Merry Christmas antworten wir und prosten uns auf dem Amazonas mit Sprite zu. Es ist ein ganz besonderer Tag. Es ist Weihnachten.

El abuelo

Es ist ein altes schwarzweißes Foto, aufgenommen um 1961. Da sitzt ein Großvater mit drei seiner Enkel auf der Verandatreppe, die dem Farmhaus vorgelagert ist. Das Farmhaus ist weiß und aus einfachen Lehmziegeln gebaut. Im Hintergrund sieht man den Eingang des Farmhauses, die Türe zur Küche steht offen.

Der Großvater trägt einen Tropenhelm, der ihn einerseits gegen die Hitze schützt, ihn zugleich auch als den Patron des Anwesens ausweist. Er ist Herr über eine riesige Baumwollfarm und wenn man sie mit dem Pferd abreiten müsste, so wäre man einen ganzen Tag unterwegs. Die drei Enkelkinder sind zu Besuch auf der Farm. Der Großvater hat acht Kinder und sechsundzwanzig Enkelkinder.

Der größere Junge, vielleicht 5 oder 6 Jahre alt, hält eine schwarze Katze im Arm, der Jüngste, gerade zwei, drei Jahre alt, sitzt auf des Opas Knie und schaut scheu drein. Ein dritter Enkel hält sich den linken Arm, an dem er einen Verband trägt. Der Großvater lächelt zufrieden, hier auf seiner Farm und die Enkel neben sich.

Der Großvater ist vor vielen Jahren als junger Mann aus der Depression der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg aus einem kleinen Dorf im Rheinland nach Peru ausgewandert. Zuerst als Farmverwalter für ein deutsches Unternehmen, später hat er sich eine eigene Farm aufgebaut. Auf der Farm des Großvaters wird Baumwolle angepflanzt. Baumwolle anzupflanzen ist im trockenen Norden Perus, im Wüstenklima von Sechura, sehr mühselig. Die Wasserknappheit zwingt dazu, die Baumwollplantagen mit einem großen Bewässerungssystem zu überziehen. Mit Fleiß und Geduld hat der Großvater eine florierende Farm aufgebaut, die vielen Menschen Arbeit und Auskommen gibt.

Bei seinen Arbeitern ist der Großvater sehr beliebt. Er ist ein stets freundlicher und fürsorglicher Patron. Die Einwohner nennen ihn den Ingeniero aleman, was eigentlich nicht ganz korrekt ist. Er ist zwar Deutscher, aber kein Ingenieur. Die Menschen nennen ihn von Anfang an trotzdem so, weil sie so ihre Anerkennung und ihren Respekt ausdrücken.

Es ist die gleiche Treppe. Fast 30 Jahre später. Nun sitzt der Großvater alleine auf den Stufen. Er ist ein alter Mann und sieht niedergeschlagen aus. Von dem Farmhaus im Hintergrund steht nur noch die heruntergekommene Fassade. Das Innere des Farmhauses ist vor Jahren abgebrannt und der neue Besitzer hat es nie wieder aufgebaut.

Der Großvater trägt nun keinen Tropenhelm mehr, sondern einen kleinen grauen Hut aus Stroh. Auch gehört ihm die Farm seit über 20 Jahren nicht mehr. Als sich in Peru 1968 eine linke Militärjunta an die Macht putschte, bekam er eines Tages Besuch von einem Vertreter des Präfekten, der ihm ein Schreiben mit vielen Stempeln überreichte. Es war die Enteignungsurkunde. Er musste die Farm an eine Kooperative der Farmarbeiter abgeben.

Der Großvater ist nun hager und sehr alt. Heute ist er noch einmal zu Besuch da, er wohnt längst wieder in seinem Dorf im Rheinland, er will aber sehen, was aus seiner Farm geworden ist. Es ist jedoch nicht mehr seine Farm, und es ist eigentlich auch keine Farm mehr. Die Farm liegt – wie das Farmhaus – danieder. Diesen ganzen Niedergang zu sehen, tut ihm weh. Das Haus ist unbewohnbar, die Bewässerungspumpen tun seit Jahren ihren Dienst nicht mehr richtig, der Maschinenpark ist defekt.

Die alten Arbeiter, die ihn von früher noch kennen, begrüßen ihn herzlich. Er scherzt mit ihnen. Für einen Moment ist er wieder der Ingeniero. Für einen kurzen Augenblick ist alles ganz so wie früher.

Version en espanol:

El abuelo

Es una vieja foto en blanco y negro, alrededor 1960. Allí un abuelo con tres de sus nietos se sienta en la escalera del jardín, que es la entrada a la casa hacienda. Es blanca y está construira de ladrillos simples, la puerta a la cocina está abierta.

El abuelo lleva un casco tropical, que lo protege contra el calor, y que también representa su autoridad como “patrón”. Él es el patrón de una gran hacienda de algodón, que para recorrerla a caballo requería de toda una jornada. Los tres nietos han llegado de visita, el abuelo tiene 8 hijos y 26 nietos.

El niño más grande, quizás de 6 o 7 años, tiene un gato negro en el brazo, el más pequeño, de dos o tres años, se sienta en las rodillas del abuelo y mira escéptico. Un tercer nieto se sostiene el brazo izquierdo, que lleva vendado. El abuelo sonríe conteno, aquí en la hacienda al lado de sus nietos.

El abuelo emigró hace muchos años, como hombre joven de una aldea pequeña del país del Rin al Perú. Primero como encargado de la hacienda para una empresa alemana; él desarrolló más adelante su propia hacienda.

En la granja del abuelo se cultiva el algodón. El algodón a cultivar es muy valioso en el norte seco de Perú, en el clima del desierto de Sechura. Para regar la plantación, se tiene un sistema de irrigación muy complejo. Con diligencia y paciencia el abuelo desarrolló una hacienda que prosperaba, que da trabajo a muchos seres humanos, para progresar.

El abuelo se siente a gusto con sus trabajadores. Él es el patrón siempre amistoso y exigente. Los habitantes lo llaman el Ingeniero alemán, que no está totalmente correcto. Es alemán, pero no ingeniero, pero lo llaman así porque lo reconocen y respetan.

Es las mismas escaleras. Casi 30 años más tarde. Ahora el abuelo se sienta solo. Él es un viejo hombre y parece impresionado. De la casa hacienda, sólo se encuentra la entrada; el interior de la casa está destruida, el nuevo dueño nunca la cuidó en años.

El abuelo no lleva más el casco tropical, sino un sombrero gris pequeño de la paja. La hacienda ya no es más de él, desde hace como 20 años; cuando en Perú 1968 hubo un golpe militar de izquierda, se apareció un prefecto, con un documento con muchos sellos, era el documento de la expropiación. El debió entregar la hacienda a una Cooperativa de campesinos.

El abuelo se ve ahora serio y está ya muy viejo. Él está hoy otra vez allí, él ya vive largo tiempo en su aldea en el país del Rin, ha querido ver en que se convirtió su hacienda. Realmente ya ni siquiera es una hacienda, esa realidad le causa mucho dolor. La casa es inhabitable, las bombas de la irrigación no funcionan hace años, todo esta abandonado.

Los viejos trabajadores, que todavía le conocen a partir en de épocas anteriores, le dan la bienvenida cordialmente. Él bromea con ellos. Para un momento es otra vez el Ingeniero. Por un instante corto todo es totalmente como en épocas anteriores.

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