Gottfried Heller, lassen Sie uns über André Kostolany reden
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München, den 30. April 2012

Wohl kein Deutscher kennt den Börsen-Altmeister André Kostolany so gut wie Gottfried Heller. Über drei Jahrzehnte verband beide eine erfolgreiche berufliche Partnerschaft. Zusammen haben sie die private Vermögensverwaltung FIDUKA gross gemacht und haben bei zahllosen Vorträgen und auf Hunderten Veranstaltungen das Publikum informiert und amüsiert.

Wie er Kosto kennengelernt habe, frage ich den Münchner. Im Sommer 1969, auf einer Investmentkonferenz der Hypobank in der Prannerstrasse. Deutschland öffnete sich gerade für ausländische Fonds. Wilde Zeiten damals, IOS und andere Rattenfänger verdarben den Markt. Wenn die Aktie ein Auto sei, so sagte der Referent, dann sei der Fonds ein Bus. Da meldete sich aus dem Auditorium ein kleiner Mann, sein Gesicht kannte ich aus den Capital-Kolumnen, und stellte dem Referenten die bissige Fragen: Sind Sie sicher, dass der ausländische Busfahrer einen Führerschein hat?

Nach der Veranstaltung ging Gottfried Heller, gerade aus sechs Jahren New York zurück, auf den kleinen Mann zu und bot ihm eine Partnerschaft zum Aufbau einer Fondsgesellschaft an. Die Partnerschaft mit André Kostolany hielt dreißig Jahre, bis zu Kostos Tod 1999.

Wie sein Charakter gewesen sei, frage ich Gottfried Heller. Er besaß einen wunderbaren jüdischen Humor, und er war Optimist. Diese positive Lebenseinstellung hatte er von seinem Vater geerbt, einem Likörfabrikanten in Budapest, der selbst in heiklen Situation stets ausrief: Kein Malheur, kein Malheur.

Aber Kosto konnte auch anders. Wie so mancher reiche Mensch war er, nun ja, ein ziemlicher Geizkragen. Wenn er mal eine Rechnung selber zahlte, dann hat er 20 Pfennnig Trinkgeld gegeben, das war mir dann schon ein bisschen peinlich. Trotz seines Esprits konnte er hier und da auch barsch und ruppig sein, was mancher Kellner oder Hotelpage zu spüren bekam.

Kosto war bis ins hohe Alter ein zäher Bursche. Mit Wohnsitz in Paris, an der Côte dAzur, in Budapest und München, fließend in den Sprachen Ungarisch, Hebräisch, Englisch, Französisch und Deutsch, flog er noch als 90-Jähriger durch die Weltgeschichte.

Und Kosto konnte endlos erzählen. Er besaß eine pointierte Meinung und tat diese frank und frei kund. Sein Feindbild der letzten Jahre war die Deutsche Bundesbank unter Helmut Schlesinger, deren Austeritätspolitik er bekämpfte. Kosto hatte noch mit Schrecken Brünings rigide Sparpolitik Anfang der 30er Jahre vor Augen, die er für den Aufstieg Hitlers mitverantwortlich machte. Ein dummer Mensch, dieser Schlesinger, das sagte er oft, aber weil er seine Meinungsfreude mit Witz und Humor würzte, nahmen es ihm wenige übel.

Einer der berühmtesten Bonmots von Kosto ist jener mit den Schlafpillen: Solide internationale Aktien kaufen, in die Apotheken gehen, Schlafpillen holen und nach fünf, sechs Jahren Tiefschlaf aufwachen und sich an einem hübschen Gewinn freuen. Dieser Ausspruch, macht Gottfried Heller aufmerksam, ist vielfach als simple Buy and Hold-Strategie missverstanden worden. Kosto wollte eigentlich etwas anderes sagen.

Ihm ging es, wie so oft, eher um einen psychologischen Ratschlag. Die Psyche des Menschen führt bei Aktienkäufen oft zu falschem Verhalten: Bei Sonnenschein kaufen die Leute, bei Blitz und Donner verkaufen sie. Dieses mit den Schlafpillen sei also kein Anlagesystem, sondern eher Schutz vor falschem Verhalten.

Bei seinem Begräbnis im September 1999 auf Père Lachaise in Paris waren 20 Menschen. Gottfried Heller hielt als einziger eine Traueransprache. Dann wurde Kosto eingeäschert. Der scharfsinnige und humorvolle André Kostolany war tot. Ob er Kosto vermisse, frage ich Gottfried Heller zum Abschied. Natürlich, sagt Heller, natürlich. So einen wie ihn gibt es nie wieder.