Reisen & Begegnungen

Schlagwort: Jazz

Eine geniale Technik: Frank Sinatra tanzt um den Beat herum

Frank Sinatra mit der Count Basie Big Band in Las Vegas. Im Jahr 1966. Auf dem Höhepunkt seiner Kreativität.

Oft habe ich den Eindruck, Frank Sinatra singt leicht vor der Musik. Es ist ein unbewusstes Gefühl, sicherlich mehr als eine Einbildung. Unser Chairman of the Board verfügt schon immer über ein schlafwandlerisch sicheres Gespür für Timing. Auch viele Kollegen und Arrangeure sehen seinen Gesang als leicht vor dem Beatahead of the beat, wie es in den USA heißt.  Allerdings nur um winzige Bruchteile einer Sekunde. Durch die hauchleichte Verzögerung entsteht der Eindruck, dass der Crooner die Musik antreibt, statt sich von ihr tragen zu lassen.

Wenn man zum Beispiel Fly Me to the Moon mit der Count Basie Big Band aufmerksam hört, so kann man wahrnehmen, wie Sinatras Stimme den Einsatz minimal vorwegnimmt und sich dann wieder mit dem Orchester verbindet. Gerade diese winzigen Verschiebungen verleihen seinen Aufnahmen ihre besondere Eleganz und ihren natürlichen Swing. In der Tat beginnt Sinatra Fly Me to the Moon einen Hauch zu früh. Dann zieht er einzelne Noten zurück. Am Ende der Phrase landet er oft wieder exakt mit der Band.

Ol‘ Blue Eyes ist ein genialer Sänger. Dieser minimal vorgezogener Einsatz lässt eine Phrase lebendig und energiegeladen wirken. Sinatra singt nicht stur genau auf den Zählzeiten, sondern spielt mit dem Beat. Er kann Silben kaum spürbar vor oder hinter den Beat setzen, um Spannung und Energie zu erzeugen. Was viele Hörer als vor der Musik singen wahrnehmen, ist meist eine Kombination aus mehreren Techniken.

So bringt Frank die Konsonanten gerne verfrüht, die Vokale schlägt er dann genau auf dem Beat. Den Wortanfang –zum Beispiel das „T“ oder „S“ – zieht er leicht vor, während der eigentliche Ton – der Vokal – dann genau auf dem Beat landet. Diese Retardierung der Musik lässt den Gesang sehr schwungvoll und vorwärtstreibend wirken.

Er spielt bewusst mit dem Timing, anstatt starr dem Takt zu folgen. Die Count Basie Big Band, das beste Orchester mit dem er jemals gespielt hat, folgt ihm stoisch. Die großen Arrangeuren wie Nelson Riddle oder Quincy Jones wissen diesen Effekt klug einzusetzen. Es entsteht ein flexibles Zusammenspiel. Die Begleitung „atmet“ mit seinem Gesang, sodass es manchmal wirkt, als würde er der Musik voraus sein.

Frank ist ein Meister des Rubato in der Populärmusik. Das Rubato bezeichnet in der Musik verschiedene Arten von Verlängerung oder Verkürzung im Spielen von Tönen. Er dehnt oder verkürzt Phrasen frei, ohne den Grundpuls zu verlieren. Das Orchester bleibt durchweg konstant, während seine Stimme elegant um den Beat herumtanzt. Vor allem in Balladen dehnt und staucht Sinatra Phrasen bewusst. 

Sinatra behandelt die Musik oft wie einen Gesprächspartner. Er orientiert sich dabei an den Blechbläsern, besonders an Trompetern und Posaunisten. Die klassischen Techniken von  ausgebildeten Sängern ignoriert er bewusst. Seine Phrasierung ist vielmehr so gestaltet, als würde er auf einem Blasinstrument spielen. Sinatra selbst sagt, er versucht, wie ein Hornspieler zu phrasieren. Er bewundert

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Ein Jazz-Musiker

Fernando Tejeda
Jazz
Der Trompeter. Grafik by Fernando Tejeda, 1985. Collection Dr. Stock.

Ein Jazz-Musiker ist jemand, der eine 5.000 Euro teure Trompete kauft, um damit 500 Kilometer weit zu fahren, zu einem Auftritt, der

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Señor Teddy in Acapulco

Teddy Stauffer als Wayne in dem Film 48 Stunden bis Acapulco.

Im Jahr 1982 lebte ich für mehrere Monate im mexikanischen Acapulco, als Acapulco noch das gute herrliche Acapulco gewesen war. Ohne die Drogenkämpfe von heute, die Kriminalität und ohne die Militärs vor den Banken. Und auch der Pazifik leuchtete blau, wie ein Meer nur blau leuchten konnte. Zunächst fand ich Unterkunft in einem Hotel in der Altstadt, später in einem Bungalow an der Quebrada. Und ich wollte Teddy Stauffer kennenlernen, Mister Acapulco, wie er in den internationalen Gazetten tituliert wird, Señor Teddy, so nennen ihn die Einheimischen respektvoll.

Ich schlage das Telefonbuch auf, und sein Name steht da. Stauffer, Teddy 41161, Av. Villa Vera S/N. Stauffer. Villa Vera, so heißt seine luxuriöse Hotelanlage. Nach dem Klingeln meldet er sich persönlich. Kommen Sie morgen doch vorbei, sagt er kurz und freundlich. Ein unkomplizierter Mensch, Acapulco halt. Die Villa Vera war vor 50 Jahren – neben dem Las Brisas – der angesagte Schuppen für Prominente und Superreiche an der mexikanischen Pazifikküste. Frank Sinatra, Elizabeth Taylor, Liza Minnelli, John Wayne übernachteten hier. Das besondere an dem Hotel: Die Suiten verteilten sich wie kleine Villen über eine Anhöhe mit Blick auf das Meer.

In seinem Turmhaus der Villa Vera haben wir uns lange über sein Leben und seine Musik unterhalten. In Murten am Murtensee, zwanzig Autominuten von der Landeshauptstadt Bern entfernt, ist Ernest Henri Stauffer im Jahr 1909 geboren worden. Schon als Schüler hat er mit Freunden eine Jazzband gegründet. Der Rest ist Geschichte. Über 300 Schallplatten haben Teddy Stauffer und seine Original Teddies in den 1930er Jahren aufgenommen. Das ist Rekord in diesen schwierigen Zeiten, der Schweizer Teddy Stauffer wird zum Swing-König von Berlin, vom Publikum gefeiert und bejubelt.

In den Hitlisten stehen sie in dieser freudlosen Zeit immer ganz oben. In Berlin und Leipzig sind Teddy und seine Mannen in jenen Jahren so bekannt wie heute Lady Gaga und Madonna zusammen. Die Band des Teddy Stauffer ist smooth gewesen, swinging und vor allem hotThe hottest Band in Town. Und hot bedeutet in jener Zeit sehr swingend. In Berlin eifern die Teddies ihren Vorbildern aus Übersee nach. Die meisten Song spielen sie nach US-Arrangements, alles klingt sehr amerikanisch. Wir hatten damals den Swing, sagt Teddy Stauffer stolz.

Der Jazz hat den Nazis natürlich nicht gefallen. Doch den Schweizer Stauffer ließ man lange gewähren, zur Olympiade 1936 wollte man ein freundliches Gesicht zeigen und die Welt hinters Licht führen. Wirklich Ahnung von der Musik, die ihnen nicht ins Weltbild passte, hatten die braunen Machthaber nicht. Mit den Jahren wurde der Druck dann doch zu groß. Teddy ging zurück in die Schweiz. Und im Jahr 1941 packte der abenteuerlustige Musiker dann seinen Koffer, fuhr mit einem Atlantikkreuzer über das Meer nach New York, von dort nach Hollywood. Und viele Monate später sollte er dann in Acapulco stranden.

Es wurde für Teddy eine Vertreibung ins Paradies. Der sympathische Schweizer fand schnell im Hotelgewerbe sein Auskommen, zunächst als PR-Manager, später als Teilhaber. Die Karriere als Musiker hatte er in Europa zurückgelassen, die Villa Vera bildete fortan seine neue Heimat. Und Teddy Stauffer sorgte dafür, dass all die Leinwandgrößen aus Hollywood, die Sterne und Sternchen, hinab ins Acapulco Dorado – ins vergoldete Acapulco – pilgerten und froh waren, ohne Schlips und Kragen endlich ins richtige Leben springen zu dürfen.

Und auch Teddy am Pazifik ließ nichts anbrennen. Hedy Lamarr, Rita Hayworth, sein Notizbuch ist voll mit schönen Frauen. Vier Ehen, vier Scheidungen. Für die Ehe ist dieser Mann nicht gemacht. Eher ein typischer Playboy jener Zeit. Jeder älter er wurde, desto jünger die Freundinnen. Aber nun, mit Mitte 70, zeigt sich Teddy als Lebemann, den auch

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