Oft habe ich den Eindruck, Frank Sinatra singt leicht vor der Musik. Es ist ein unbewusstes Gefühl, sicherlich mehr als eine Einbildung. Unser Chairman of the Board verfügt schon immer über ein schlafwandlerisch sicheres Gespür für Timing. Auch viele Kollegen und Arrangeure sehen seinen Gesang als leicht vor dem Beat – ahead of the beat, wie es in den USA heißt. Allerdings nur um winzige Bruchteile einer Sekunde. Durch die hauchleichte Verzögerung entsteht der Eindruck, dass der Crooner die Musik antreibt, statt sich von ihr tragen zu lassen.
Wenn man zum Beispiel Fly Me to the Moon mit der Count Basie Big Band aufmerksam hört, so kann man wahrnehmen, wie Sinatras Stimme den Einsatz minimal vorwegnimmt und sich dann wieder mit dem Orchester verbindet. Gerade diese winzigen Verschiebungen verleihen seinen Aufnahmen ihre besondere Eleganz und ihren natürlichen Swing. In der Tat beginnt Sinatra Fly Me to the Moon einen Hauch zu früh. Dann zieht er einzelne Noten zurück. Am Ende der Phrase landet er oft wieder exakt mit der Band.
Ol‘ Blue Eyes ist ein genialer Sänger. Dieser minimal vorgezogener Einsatz lässt eine Phrase lebendig und energiegeladen wirken. Sinatra singt nicht stur genau auf den Zählzeiten, sondern spielt mit dem Beat. Er kann Silben kaum spürbar vor oder hinter den Beat setzen, um Spannung und Energie zu erzeugen. Was viele Hörer als vor der Musik singen wahrnehmen, ist meist eine Kombination aus mehreren Techniken.
So bringt Frank die Konsonanten gerne verfrüht, die Vokale schlägt er dann genau auf dem Beat. Den Wortanfang –zum Beispiel das „T“ oder „S“ – zieht er leicht vor, während der eigentliche Ton – der Vokal – dann genau auf dem Beat landet. Diese Retardierung der Musik lässt den Gesang sehr schwungvoll und vorwärtstreibend wirken.
Er spielt bewusst mit dem Timing, anstatt starr dem Takt zu folgen. Die Count Basie Big Band, das beste Orchester mit dem er jemals gespielt hat, folgt ihm stoisch. Die großen Arrangeuren wie Nelson Riddle oder Quincy Jones wissen diesen Effekt klug einzusetzen. Es entsteht ein flexibles Zusammenspiel. Die Begleitung „atmet“ mit seinem Gesang, sodass es manchmal wirkt, als würde er der Musik voraus sein.
Frank ist ein Meister des Rubato in der Populärmusik. Das Rubato bezeichnet in der Musik verschiedene Arten von Verlängerung oder Verkürzung im Spielen von Tönen. Er dehnt oder verkürzt Phrasen frei, ohne den Grundpuls zu verlieren. Das Orchester bleibt durchweg konstant, während seine Stimme elegant um den Beat herumtanzt. Vor allem in Balladen dehnt und staucht Sinatra Phrasen bewusst.
Sinatra behandelt die Musik oft wie einen Gesprächspartner. Er orientiert sich dabei an den Blechbläsern, besonders an Trompetern und Posaunisten. Die klassischen Techniken von ausgebildeten Sängern ignoriert er bewusst. Seine Phrasierung ist vielmehr so gestaltet, als würde er auf einem Blasinstrument spielen. Sinatra selbst sagt, er versucht, wie ein Hornspieler zu phrasieren. Er bewundert insbesondere seinen Mentor Tommy Dorsey und übernimmt dessen fließende Atemführung und Phrasierung.
Interessanterweise singt Sinatra nicht immer vor dem Beat. Je nach Song kann er leicht vor dem Beat sein, um Vorwärtsdrang zu erzeugen. Auch vermag er, genau auf dem Beat zu liegen. Oder sogar leicht dahinter singen, um eine entspannte, lässige Stimmung zu erzeugen. Diese Fähigkeit, das Timing so flexibel zu variieren, gilt als eines seiner größten Markenzeichen. Viele Jazz- und Popsänger haben versucht, dies nachzuahmen. Vergebens, denn keiner beherrscht das Timing und die Phrasierung so subtil wie The Chairman of the Board.
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