Woody Allen scheppert den alten Jazz
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New York, im September 1987

Michael’s Pub auf der 55. Strasse, nahe Third Avenue: kleine Teller, laues Bier. Das übliche halt. Nichts jedenfalls, das wert wäre, berichtet zu werden.

Wenn da nicht jeden Montagabend ein Amateurmusiker seine Jazzklarinette in Michael’s Pub spielen würde. Dann steht das Publikum Schlange. 200 Neugierige sind heute Abend gekommen.

Das New Orleans Funeral and Ragtime Orchestra ist eigentlich eine Combo mit Trompete, Klarinette, Posaune, Piano, Tuba und Schlagzeug. Der Name des Klarinettisten ist die Sensation: Woody Allen.

Wie ein Häuflein Elend sitzt Mister Allen da, mit schütterem Haar, ebensolcher Gestik, blutrotem Popeline-Shirt, azurblauem Blazer und mit dieser, ähem, zeitlosen Hornbrille. Von Vorgestern ist auch der Jazz.

Woody Allens Toleranzschwelle reicht bis 1950. Er mag also Fats Waller, Jelly Roll Morton, Johnny Dodds und vor allem Sidney Bechet. Woody ist ein passabler Klarinettist dieser traditionellen erdigen Jazzmusik, dieser strengen Melodieführung gepaart mit dem hölzernem Rhythmus aus Viertel- und Achtelnoten, immer leicht scheppernd wie ein oller Schiffsmotor.

Woody liebt auch den Swing, die Dorseys, Harry James, Django Reinhardt. Bei neueren Ausformungen des Jazz, so ab Bebop aufwärts, zuckt Mister Allen jedoch zusammen. Teufelszeug, nichts für ihn, er bleibt die alte Schule, da hilft kein Arzt.

Meist regiert die Jazzmusik den Soundtrack seiner Filme. Gerade in seinen persönlichen und intimen Werken sprüht der Jazz: Manhattan, Stardust Memories oder Zelig. Zu Der Schläfer schrieb er die Musik gleich selbst. Jazz ist für Allen – in seinen Filmen wie auf der Bühne – großes Gefühl, die Symphonie des Lebens, der Puls des Alltags, aber sein Jazz ist auch Nostalgie, das Schöne und Hehre, die gute alte Zeit also.

In Michael’s Pub sind wir beim dritten und letzten Set angelangt. Woody Allen sitzt noch immer unbeweglich wie festgetackert auf seinem Stuhl in der Mitte der Bühne. Allen mag schnelle tempi. Und wenn er zum da capo aufläuft, dann geht er aus sich heraus, jedenfalls was bei Allen aus sich herausgehen meint.

Er zieht dann die Klarinette hoch, kneift die Augen zu und wackelt leicht rhythmisch mit dem Kopf. Als Zugabe dann Bourbon Street Parade. Der Meister dankt leise für den Beifall, zieht die Stofftasche über seine schwarze Klarinette, nickt den Kollegen unmerklich zu und entschwindet ohne nach rechts oder links zu schauen in die Nacht New Yorks.